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Großröhrsdorf: Batteriewerk sucht neuen Standort

05.05.2022
Die estnische Firma Skeleton will wegen großer Nachfrage nach ihren Produkten ein neues Werk bauen. Was das für den Standort Großröhrsdorf bedeutet.

Von Reiner Hanke

Großröhrsdorf. Taavi Madiberk ist Unternehmenschef und Mitbegründer der Hightechfirma Skeleton - und er hat auch Entertainer-Qualitäten. Wenn er zum Beispiel berichtet, dass er mal Bahnchef in Estland war beim Pendant der Deutschen Bahn. Nur ein bisschen kleiner, fügt er an.

Doch mit Skeleton hat er sehr Großes vor. Daran ließ Madiberk am Montag bei einem Pressetermin im Großröhrsdorfer Werk, das derzeit der größte Firmenstandort mit inzwischen 130 Mitarbeitern ist, keinen Zweifel.

Im Untergeschoss einer Halle auf dem früheren Gelände des Photovoltaik-Unternehmens Sunfilm/Schüco läuft derzeit die komplette Produktion von Ultra-Kondensatoren – patentierten Energiespeichern mit speziellen Eigenschaften. Es sei ein Wachstumsmarkt, versichert der Chef. Die Produkte seien ebenso wichtig für die Elektromobilität wie für große Energiespeicherlösungen.

Auch das Labor und die Entwicklung sind in Großröhrsdorf angesiedelt. Und es werde noch Personal gesucht – etwa 30 Stellen für Ingenieure, aber auch Seiteneinsteiger seien zu besetzen.

Die Ultrakondensatoren sehen aus wie herkömmliche Batterien, aber die Technik ist eine andere, ebenso wie die Anwendungsgebiete. Sie sind außerdem deutlich größer und leichter. Ultrakondensatoren können auch zu größeren Speichermodulen verbunden werden.

Die Ultrakondensatoren sehen aus wie herkömmliche Batterien, aber die Technik ist eine andere, ebenso wie die Anwendungsgebiete. Sie sind außerdem deutlich größer und leichter. Ultrakondensatoren können auch zu größeren Speichermodulen verbunden werden.© Matthias Schumann

Nach Deutschland sei er Mitte des vorigen Jahrzehnts gekommen, weil hier das Potenzial an Fachleuten groß sei, sagt Madiberk. Und gerade in Sachsen sei auch eine starke wissenschaftliche Struktur mit der Technischen Universität und dem Fraunhofer-Institut vorhanden, die Kooperationen ermöglichen. Außerdem habe er sich in Sachsen willkommen gefühlt, sagt der Investor aus Estland – die Chemie stimme.

Produktion ohne Lithium und Kobalt

Vielleicht auch das Geld. Allein 51 Millionen Euro Fördergeld erhielt das Unternehmen im Vorjahr von Bund und Land zugesichert. Damit soll eine eigenständige europäische Batteriezellfertigung gefördert werden.

Diese Eigenständigkeit betont auch Madiberk: Rohstoffe für den Ultrakondensator seien vor allem Kohlenstoff und Wasser. Das Unternehmen sei für die Produktion nicht angewiesen auf kritische Ressourcen wie Lithium und Kobalt sowie Technologien und Zulieferer von anderen Kontinenten.

Die Möglichkeiten in Großröhrsdorf würden jetzt aber an ihre Grenzen stoßen, sagt Vizepräsident Dr. Sebastian Pohlmann. Deshalb werde ein neues Werk errichtet. Derzeit laufe die Standortsuche. Erweiterungen innerhalb des früheren Solarstandortes sind damit vom Tisch: „Alles, was uns hier im Objekt angeboten wurde, war zu klein“, sagt Pohlmann gegenüber Sächsische.de.

Gütekontrolle: Elke Höppner prüft, ob der Kondensator sauber verschweißt ist. Das Innenleben sind Elektroden. Dafür wird Alufolie hauchdünn mit einer schwarzen Hightech-Kohlenstoffmasse beschichtet. Das Folien-Band wird wie in einer Backstraße getrocknet,

Gütekontrolle: Elke Höppner prüft, ob der Kondensator sauber verschweißt ist. Das Innenleben sind Elektroden. Dafür wird Alufolie hauchdünn mit einer schwarzen Hightech-Kohlenstoffmasse beschichtet. Das Folien-Band wird wie in einer Backstraße getrocknet,© Matthias Schumann

Im Durchschnitt würden etwa zwei Millionen Ultrakondensatoren unterschiedlicher Größen im Jahr vom Band laufen. Damit sei der Standort ausgereizt, aber die Nachfrage sei weitaus größer.

Für das geplante neue Werk gebe es unterschiedliche Optionen: ein Neubau auf einem anderen Grundstück in Großröhrsdorf, in der Nähe oder auch an einem anderen Standort – auf jeden Fall in Sachsen. Der Baustart solle möglichst noch in diesem Jahr erfolgen. An die 100 Millionen Euro sollen in der ersten Ausbaustufe investiert werden. Über fünf Jahre soll es dann weitere Ausbaustufen geben mit insgesamt mehreren 10.000 Quadratmetern Produktionsfläche.

51 Millionen Euro Fördergeld von Bund und Freistaat

Das heutige Werk in Großröhrsdorf soll aber das Herz bleiben mit der Entwicklung und der Pilotproduktion, versichert Vizepräsident Pohlmann. Hier würden in der Zukunft die neuen Produkte bis zur Reife für die industrielle Massenproduktion geführt. Es gehe um neue Materialkombinationen, eine höhere Leistung und mehr Automatisierung, um Produktionskosten zu senken.

So sollen die 51 Millionen Euro Fördermittel einerseits in die Entwicklung von Produkten fließen, aber auch in neue Produktionsprozesse. In Großröhrsdorf wird „unsere nächste Produkt-Generation entwickelt“.

Dazu gehört die Superbatterie. Sie soll die Eigenschaften der Ultrakondensatoren und des Akkus verbinden mit sehr kurzen Ladezeiten von einer Minute und einer Reichweite, wie sie zum Beispiel in der Logistikbranche für Gabelstapler gut Verwendung finden kann.

Einsatzgebiete von Windrad bis Straßenbahn

Die Einsatzgebiete seien schon jetzt sehr vielseitig und deshalb die Nachfrage weit über den derzeit vorhandenen Kapazitäten. In Windrädern würden die Speicher zum Beispiel eingesetzt und in Straßenbahnen. Da werde Bremsenergie gespeichert und wieder freigegeben. Bis zu 30 Prozent Energie könne so gespart werden.

Die Ultrakondensatoren seien auch sehr beliebt als Kaltstarter für schwere Dieselfahrzeuge. Aufzüge seien ein weiteres Einsatzfeld. Abwärts werde die Energie gespeichert und für den Schub nach oben wieder freigegeben.

Als er das erste Mal 2016 in Großröhrsdorf war, erinnert sich Taavi Madiberk, sei die Halle leer gewesen. Es habe nur eine Menge Visionen gegeben. Jetzt sei Skeleton einer der Größten auf seinem Gebiet. Die Ultrakondensatoren hätten es jetzt sogar ins Weltall geschafft. In welcher Mission bleibe aber geheim.

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