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Helden und Buhmänner

23.07.2020
Die Lkws der Radeburger Spedition Rodewald rollten auch während des Corona-Stillstands. Zu den Gewinnern der Pandemie gehört der Betrieb deswegen nicht.

Von Sven Görner

Radeburg. Dass er locker und entspannt sein kann, hat André Rodewald als Karnevalsprinz und danach als Elferratsmitglied bewiesen. Wer den 49-jährigen Radeburger in diesen Tagen in seinem Büro auf der Bahnhofstraße besucht, sieht allerdings auch die Anspannung in seinem Gesicht.

Denn die Wochen des Corona-Stillstandes waren auch für das 1990 vom Vater gegründete Familienunternehmen nicht leicht, welches André Rodewald inzwischen mit seinem Bruder Marco gemeinsam führt. Und selbst jetzt läuft vieles für die Spedition noch längst nicht wieder normal. „Außenstehende bekommen davon allerdings kaum etwas mit“, sagt André Rodewald. „Sie sehen nur, dass die Lkws die ganze Zeit gerollt sind.“

Als durch die Hamsterkäufe die Regale der Super- und Drogeriemärkte leer geräumt wurden, waren die Lkw-Fahrer, die für Nachschub sorgten, für viele Leute Helden. „Dabei konnten sie in den Raststätten nicht mal auf die Toilette gehen oder sich duschen“, sagt André Rodewald. „Und auch in den Betrieben, wo sie die Ware geladen haben, wurden sie teilweise so behandelt, dass es jeder Beschreibung spottet.“ Manchmal hätten sie nicht mal einen Stift zum Unterschreiben bekommen.

Während die Fahrer der Spedition mit diesen Problemen zu kämpfen hatten, plagten den Unternehmer andere Sorgen. „Am ersten Tag, als die Grenzen dicht waren, habe ich kaum gewusst, wie ich die Lkws auf die Straße kriege“, erinnert sich André Rodewald. Schließlich kommen derzeit 16 seiner Fahrer aus Polen und Tschechien. „Mit dem Lkw durften sie über die Grenze, aber nicht mit dem Privatauto.“ Und dann waren da ja auch noch die kilometerlangen Staus. „Nach einer Woche hatte sich das dann zum Glück wieder eingepegelt.“

Rückladungen fehlen

Positiv war, dass die meisten Stammkunden der Spedition, im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen, auch während des Corona-Stillstandes weitergearbeitet haben. „Bei Mitras, im Glaswerk und auch einem regionalen Zulieferer für die Eisenbahnindustrie wurde weiter produziert.“ Anders dagegen der Messebauer Nikro in Radeburg. „Da gab es für uns fast nichts zu transportieren.“

Dass der Umsatz der Spedition Rodewald allein im Mai gegenüber dem Vorjahr um über 30.000 Euro eingebrochen ist - und das, obwohl die Fahrzeugflotte vergrößert wurde - hat allerdings andere Ursachen. „Wir sind vor allem im gesamten Bundesgebiet, den Benelux-Ländern, Dänemark sowie Österreich und der Schweiz unterwegs“, sagt André Rodewald. Weil zahlreiche Betriebe von einem auf den anderen Tag geschlossen wurden und viele auch derzeit noch immer Kurzarbeit haben, sind die Rückladungen drastisch eingebrochen. „Mit nur 20 Prozent Ladung kann man nicht wirtschaftlich fahren.“

Damit er die Lkws auf dem Heimweg möglichst voll bekommt, ist immer noch ein deutlich größerer Aufwand erforderlich. „Wir müssen mehr Teilpartien organisieren, was aber auch wieder zusätzliche Standzeiten bedeutet“, so der Unternehmer. Um die 20- bis 30-prozentigen Umsatzeinbußen bei den Rückladungen wenigstens vorübergehend auszugleichen, hat André Rodewald bei der Stadt eine Stundung der Gewerbesteuer beantragt. Diese Möglichkeit hatte der Stadtrat im April beschlossen. Allerdings auch, dass dafür Zinsen zu zahlen sind.

Das ärgert den Radeburger. Schließlich gibt es einige größere Unternehmen in der Stadt, die hier gar keine Steuern zahlen, weil ihr Stammsitz woanders ist. „Wir haben nichts geschenkt bekommen und für unsere 54 Mitarbeiter auch keine Kurzarbeit in Anspruch genommen.“

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