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Herbsterwachen für Leipziger Messe

02.08.2020
Die Veranstalter legen wieder los: mit Hygienekonzept und anderen Veränderungen.

Von Michael Rothe

Aufatmen bei der Leipziger Messe. Es geht wieder los - "nach gefühlten zwei Jahren" Corona-Krise, wie es Geschäftsführer Markus Geisenberger beschreibt. Das Unternehmen hatte Mitte Juni erklärt, dass es bis zum Jahresende noch rund 100 eigene Ausstellungen und Gastveranstaltungen plant. Etwa ebenso viele waren in den vergangenen knapp vier Monaten gestrichen worden, darunter Mitte März die Buchmesse - mit üblicherweise 250.000 Besuchern das Aushängeschild schlechthin.

Der Restart erfolgt nun voraussichtlich mit dem "Markt der Musik" Mitte August, einer Open-Air-Veranstaltung auf dem Marktplatz, gefolgt von einem Medizin-Kongress und Anfang September von "Cadeaux" und "Midora", zwei Fachmessen für Geschenke und Wohntrends sowie Uhren und Schmuck. Nachdem Sachsen Anfang Juni als erstes Bundesland Messen und Kongresse zugelassen hatte, konnten die Veranstalter ihre Arbeit wieder aufnehmen. Der Freistaat hat laut Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe, "stark entschieden und verantwortungsvoll gehandelt".

Und wie ist zum Restart der Stand der Dinge? Das entwickelte Hygienekonzept mit der Richtgröße von einem Besucher auf vier Quadratmetern entspreche allen behördlichen Anforderungen, sagt Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung. Auch die gelenkten Besucherströme, vier Meter breite und von den Ausgängen getrennte Haupteinlässe, Online-Tickets für ausschließlich registrierte Teilnehmer, Schutzmasken, Desinfektionsmittel, durchsichtige Trennwände. "Wenn jemand größere Veranstaltungen unter höchstem hygienischem Standard durchführen kann, dann sind es Messe- und Kongressveranstalter", gibt sich Co-Chef Markus Geisenberger selbstbewusst.

Das Führungsduo weiß um die Fähigkeiten der 427-köpfigen Belegschaft. Auch auf sie hat Corona enorme Auswirkungen. Seit März werde mobil gearbeitet - "was nicht schwer war, denn viele Mitarbeiter waren es bereits gewohnt, von unterwegs oder von zu Hause zu arbeiten". Sie seien dort mit Rückabwicklungen und zugleich Vorbereitungen von Messen beschäftigt. Die Mitarbeiter der Cateringtochter Fairgourmet seien seit Anfang April in Kurzarbeit und seit Anfang Mai 90 Prozent aller Angestellten. Einen Teil der Gehaltseinbußen gleicht ihr Arbeitgeber aus. Das Management beweise Solidarität, die Geschäftsführer und Bereichsleiter, die weiter voll arbeiten, verzichteten in gleicher Größenordnung auf ihre Gehälter, sagt Geisenberger.

Staatsbetrieb ohne Tarifvertrag Allerdings gilt im Staatsbetrieb seit Jahren kein Tarifvertrag. "Die Leipziger Messe hat gute und faire Bedingungen", entgegnet der Geschäftsführer. "Dies zeigt sich aktuell daran, wie wir die Kurzarbeit oder das mobile Arbeiten gemeinsam mit dem Betriebsrat ausgestaltet haben", so der Diplom-Kulturwirt mit MBA-Abschluss. "Gleichwohl führen wir weiter Gespräche", fügt er hinzu. "Durch die Corona-Krise haben sich diese terminlich verzögert, aber sie laufen weiter."

Beim Umgang mit der Pandemie sieht sich der Konzern nicht in Verzug. "Wir haben umgehend und konsequent gegengesteuert, unsere Kosten reduziert und geplante Investitionen teilweise zurückgefahren", sagt Geisenberger. Für einige Veranstaltungen würden digitale Konzepte entwickelt, andere, wie die "Designer's Open", beerdigt. "Wir stellen jetzt manches auf den Prüfstand und nutzen die Gelegenheit zur Neubewertung", so der 52-Jährige. Die Situation sei für die gesamte Branche ein erheblicher Einschnitt, die Karten würden vielfach neu gemischt - mit neuen Chancen.

Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Wende in der DDR Schauplatz von Mustermessen - das Doppel-M im Logo erinnert daran, dominieren dort heute Spezial- und Publikumsveranstaltungen sowie Kongresse. Die Leipziger zeigen auch in München, Hamburg, Köln und Bochum Flagge. Eine der fünf Töchter kümmert sich um Auftritte in Russland, China, Japan, Polen sowie weltweit um Bundes- und Länderbeteiligungen.

Der Konzern bildet die gesamte Kette des Veranstaltungsgeschäfts ab. 2018 hatte er mit 89,2 Millionen Euro Umsatz sein zweitbestes Geschäftsjahr bilanziert, zwei Jahre zuvor aber auch schon mal an der 100-Millionen-Marke gekratzt.

Davon können die Messemacher 2020 nur träumen. Dabei liefen die ersten zweieinhalb Monate wie geplant, Messen gar besser als erwartet. "Wir sind jetzt bei einem Drittel des geplanten Jahresumsatzes", sagt Martin Buhl-Wagner. "Wenn am Ende des Jahres nur ein Viertel des Umsatzes fehlt, ist das eine tolle Sache." Der 54-Jährige aus Annaberg-Buchholz, seit 2008 an der Messe-Spitze, befürchtet einen zweistelligen Millionenverlust. "Wir werden zusätzliche Unterstützung unserer öffentlichen Gesellschafter benötigen", warnt er schon mal vor. Viel hänge vom zweiten Halbjahr ab. Aber: "Unsere Gesellschafter haben uns klar signalisiert, dass sie zu uns stehen."

Nicht die einzige Konstante in Zeiten, wo Corona so viel verändert. Auch der 6. Verteidigung des Titels "Servicechampion" der Messebranche steht nichts im Wege. An der Strategie, Kunden alles aus einer Hand zu liefern, ändert sich laut Buhl-Wagner nichts. Im Gegenteil: "Das Hygienekonzept mit detaillierteren Anregungen für Standbau und Standcatering beweist unsere Service-Orientierung."

Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen erschienen.

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