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Ich will ein Kind, Herr Doktor!

Leipzig 07.10.2019
So individuell wie jede Frau ist auch ihr Zyklus. Der OvulaRing macht Familienplanung zum Kinderspiel, sagt Erfinder Prof. Henry Alexander.

Rund sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos – und es werden immer mehr, weil der Stress zu- und die Zeit für zärtliche Zweisamkeit abnimmt. Ohne die geht es aber nun mal nicht. Professor Henry Alexander aus Leipzig hat als Reproduktionsmediziner fast vier Jahrzehnte unzählige Paare auf dem Weg zur Elternschaft begleitet. Er beobachtet eine wachsende Zahl von Paaren, die sich schwertun mit dem Schwangerwerden. 

Die Methode, den Zyklus zu überwachen und in bestimmte Phasen einzuteilen, ist 75 Jahre alt. Dazu nutzt man die Basaltemperatur. Sie lässt sich nicht unter dem Arm, sondern unter der Zunge ermitteln. Die Messgenauigkeit bei der Temperaturmethode lässt, so die Erfahrung des Gynäkologen, allerdings zu wünschen übrig, denn sie verlangt Disziplin und Zeit. Um aussagekräftige Werte zu erlangen, müsste immer exakt zur selben Stunde nach einer Phase körperlicher Ruhe gemessen werden. Das schaffen die wenigsten Frauen im Alltag. 

Henry Alexander suchte also nach einem neuen Weg und entwickelte mit dem Leipziger Ingenieur Holger Runkewitz einen Biosensor, den OvulaRing. Er besteht aus einem flexiblen Silikonring mit einer kleinen Aussparung, in die der Biosensor eingelegt werden kann. Er wird mit dem Ring in die Scheide eingeführt, misst dort kontinuierlich die Körperkerntemperatur der Frau und kann rund um die Uhr getragen werden. Der Zyklus wird so lückenlos aufgezeichnet. 

Alle fünf Minuten wird ein durchschnittlicher Wert gespeichert. Auf diese Weise erhält man 288 Messpunkte am Tag. Mithilfe einer webbasierten Software wird ein genaues Abbild des Zyklus, das Cyclofertilogramm (CFG), erstellt. Die Temperaturkurve erinnert an ein stark komprimiertes EKG. Sie zeigt alle Temperaturwerte zwischen 35 und 42°C. „Wir gewinnen mit unserer Methodik Informationen, die wir so bisher noch nicht hatten, das ist weltweit einmalig“, sagt der Mediziner. Und er ist überzeugt, dass sich mit OvulaRing sehr viele Paare ihren Kinderwunsch auf natürlichem Weg erfüllen können. Einfach dadurch, dass der Zeitpunkt des Eisprungs exakt ermittelt wird und die Partner ihre Zweisamkeit besser planen können.

Und selbst bei der Mitwirkung der Medizin ließe sich die Erfolgswahrscheinlichkeit einer In-vitro-Fertilisation steigern, so Professor Alexander, da erstmals eine individualisierte Behandlung erfolgen kann. 

„Die Paare haben zu wenig Sex“, sagt Professor Alexander. Und den dann auch noch zum falschen Zeitpunkt, weil Frauenärzte vielfach die Individualität des weiblichen Zyklus nicht berücksichtigen, kritisiert Alexander seinen eigenen Berufsstand. Die Behandlung ist eine starke emotionale Belastung für die Familien. Hinzu kommen die Kosten: rund 5.000 Euro für einen Eingriff. In aller Regel sind zwei, oft drei Behandlungen nötig, um eine erfolgreiche Schwangerschaft zu erreichen. Auch wenn sich die Kassen zu rund 50 Prozent an den Kosten beteiligen, so müssen die Paare bis zu 7.500 Euro selbst tragen. Ausgaben, die in vielen Fällen nicht sein müssten, wenn man den Biosensor nutzen würde, so Alexander.

Er hat sich 2011 für die Gründung eines Start-ups entschieden, mit damals 64 Jahren. Er trägt weiter Businesshemd, verzichtet auf die Gründeruniform mit Undercut und Skinnyjeans, bringt dafür aber jede Menge Geduld und Gelassenheit mit, die gerade auf dem Markt für Medizinprodukte notwendig ist. Während Professor Alexander sein medizinisches Fachwissen einbringt, leitet Schwiegersohn Sebastian Alexander das operative Geschäft. Der Dritte im Bund ist Holger Runkewitz, der sich als Ingenieur um die technischen Grundlagen und die Fertigung kümmert.

Der OvulaRing ist in Größe und Design dem Nuva-Ring entlehnt. Der wird, mit Hormonen versehen, seit vielen Jahren zur Schwangerschaftsverhütung genutzt. „Anfangs wollten wir auch den Biosensor in Silikon einbetten, mussten aber schnell feststellen, dass die eindringende Feuchtigkeit zum Problem wird“, sagt der Mediziner. Man suchte nach Alternativen für den Temperatursensor und fand ihn in medizinischer Keramik, die in Meißen hergestellt wird. Die gesammelten Daten werden mit dem Lesegerät ausgelesen und an das Internetportal myovularing.com übertragen. Mit der Software kann sich die Frau ihre Zykluskurve, ihre tagesaktuelle Empfängniswahrscheinlichkeit, ihren errechneten Eisprungtag und eine Prognose der fruchtbaren Tage für ihren nächsten Zyklus ansehen.

Alle Daten sind sehr persönlich, lagern auf einem externen Server und sind passwortgeschützt. „Nur die Frau beziehungsweise das Paar hat Zugriff“, erklärt der Mediziner. Es sei denn, sie geben dem behandelnden Arzt eine Zugangserlaubnis. 

Nach seiner Einschätzung reichen drei Monate aus, um mit dem Biosensor die Zyklusgesundheit der Frau zu bestimmen. Für die Paare bedeutet das eine Investition von rund 300 Euro, da bislang nur eine Krankenkasse einen Zuschuss gewährt. „Das soll sich ändern, wir sind im Gespräch mit den Kassen“, so der Mediziner. Parallel sucht das Unternehmen nach Investoren, auch um die Produktion auszubauen. Bisher haben Gründer und Gesellschafter einen siebenstelligen Betrag investiert. 

Da der OvulaRing ein CE zertifiziertes Medizinprodukt ist, sind entsprechende Zulassungsverfahren und Zertifikate nötig. Die kosten viel Geld. In Zukunft möchte das Unternehmen das Marketing ausbauen. Denn hier tritt OvulaRing gegen einige Mitbewerber an. Da gibt es die Apps fürs Handy, wie Period Tracker, Clue oder Ovuview, die den Zyklus aufs Handy holen. „Wir können mehr“, sagt Professor Alexander selbstbewusst, denn diese Applikationen sind in der Regel nur digitale Tagebücher, in deren Hintergrund der Lehrbuchzyklus einer Frau laufe. Der OvulaRing sei dagegen für alle Zyklustypen geeignet - egal, ob kurz, lang oder unregelmäßig.

Manchmal sind Professor Alexander und sein Team aber auch etwas zu innovativ. Sie hatten den Biosensor mit einem Funksender ausgerüstet, der die Temperaturmessung direkt auf den Rechner übertrug. „Wir mussten erkennen, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch genauso gewollt ist“, sagt der Mediziner. Das Gefühl, dass Daten aus dem Körperinnersten direkt nach außen gesendet werden, lehnte die überwiegende Mehrzahl der Frauen ab. Deshalb liegt dem Startpaket mit einem Sensor und drei flexiblen Silikonringen vorerst weiter ein Lesegerät bei. 

Im Herbst soll dann eine neue Generation auf den Markt kommen, die die Daten ausschließlich auf das Handy der Trägerin sendet. Erhältlich ist der kreisrunde Familienplaner direkt auf der Webseite des Unternehmens oder über Apotheken bestellbar. Trotz, oder gerade wegen des medizinischen Neulandes, das Professor Alexander mit OvulaRing betritt, ist ihm eine Botschaft aber besonders wichtig. „Wir sollten nie die Demut vor der Natur verlieren..

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto: © Anja Jungnickel
 

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