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Im Nahkampf mit dem Borkenkäfer

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 14.09.2019
Soldaten stehen im Nahkampf mit dem Borkenkäfer. Auch im Tharandter Wald. Doch ist das kriegsentscheidend?

Das Gewehr ist die Braut des Soldaten. Doch auf Befehl darf der Soldat untreu sein. Die Männer im Kampfanzug, die am Ochsenberg, hoch über der Wilden Weißeritz, zwischen dürren Fichten in Stellung gegangen sind, haben die Sturmgewehre daheim in ihrer Marienberger Kaserne gelassen. Und ihre Schützenpanzer sind ohne sie losgefahren, zum Üben, auf den Schießplatz Munster, Lüneburger Heide. Traurig?

 Ach nein, sagt Roberto Gärtner, Oberstabsgefreiter. In Munster sind sie ja alle schon mal gewesen. Aber dem Wald helfen, das war noch nie da. „Das ist auch eine sehr sinnvolle Aufgabe.“

Bis zu siebzig Bundeswehrsoldaten leisten zurzeit Amtshilfe im sächsischen Wald. Die Mission: Nahkampf gegen den Borkenkäfer. Im Tharandter Wald verstärken fünf Mann des Panzergrenadierbataillons 371 die Käferfront. Ihre automatischen Waffen haben sie gegen Schäleisen eingetauscht – hundert Prozent Handbetrieb. Anfangs waren die Bewegungen sehr ungewohnt, erzählt der Oberstabsgefreite, zu merken am Abend in der Schulter. Inzwischen hat man die Technik drauf, sagt er. Dazu gibt’s Unterhaltung aus dem Outdoorlautsprecher, der auf dem Baumstupf steht und übers Handy mit Musik gefüttert wird. „Da geht die Arbeit leichter von der Hand.“

Die Arbeit, das ist das Schälen käferverseuchter Fichtenstämme. Hauptfeldwebel Daniel Petrich demonstriert das Prozedere mit seiner langstieligen Klinge: Nicht zu steil ansetzen, kräftig stoßen, dann nachfassen, stoßen. In dicken Streifen fliegt die Borke beiseite. Darunter winden sich winzige weiße Würmchen – die Larven des Buchdruckers. Mit ihrer Fresslust haben sie den Baum getötet. Jetzt müssen sie selbst dran glauben. An der Sonne werden die Larven schnell vertrocknen, erklärt Hauptfeld Petrich. „So können keine neuen Käfer mehr entstehen.“

Revierförster Holger Baumann schaut zu. Er sieht sehr zufrieden aus. Stämme schälen gehört zu den härtesten Jobs im Wald. Schnell machen die Arme schlapp, die Haut an den Fingern wirft Blasen. Aber diese Truppe hier ist motiviert und fit, findet er. „Wenn der Hauptfeldwebel mal keine Lust mehr auf Bund hat, kann er gleich bei mir anfangen.“

Gelächter im Fichtendickicht. Sven Irrgang, Chef des Forstbezirks Bärenfels, lacht mit. Auch er freut sich über die Helfer in der Tarnmontur. „Aber man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass wir so die Borkenkäfer eindämmen können.“ Soldaten seinen dafür „nicht kriegsentscheidend“. Was sein Wald jetzt dringend braucht, sagt er, sind – neben Kühle und viel Nass – mehr qualifizierte Mitarbeiter.

Der altgediente Forstmann Irrgang befürchtet, dass die fahrige Diskussion um das Waldsterben in die falsche Richtung läuft. Dass die Leute denken, an allem seien die Förster schuld, die bloß ihre Fichten im Kopf haben. Dass man nur alle Förster in Rente schicken müsse, dann werde sich das Problem von selbst lösen. „Das stimmt aber so nicht!“ Grade jetzt, sagt er, brauche man mehr Personal, das sich fachgerecht um die Wälder kümmern könne. „Wo sollen sonst die nachwachsenden Rohstoffe in Zukunft herkommen?“

Den Fichtenforst in ein kleinräumiges Mosaik angepasster Baumarten umzuwandeln, macht viel Arbeit. Kleine, aber stetige Eingriffe zur Pflege sind nötig. Vier Waldarbeiter pro Revier hält Sven Irrgang für den Minimalbedarf. Macht in seinem Bezirk 48 Leute. Tatsächlich verfügt er aber nur noch über 39. Nach den bisherigen Plänen würde die Zahl sogar weiter sinken, auf 32 Köpfe. Zwar hat die Staatsregierung diese Pläne inzwischen ausgesetzt. Von einer Aufstockung der Waldarbeiterrotten hat Irrgang aber nichts gehört. Der Stellenabbau erscheint ihm wie ein „Heiliger Gral“, sagt er. „Eine unselige Tendenz.“

Vielleicht aber bewirkt die Krise im Wald nun ein Umdenken. Vor dem Hintergrund des Borkenkäfergeschehens werde ein erhöhter Personalbedarf bei den Planungen für den Doppelhaushalt 2021/22 zu berücksichtigen sein, erklärt Frank Meyer, Sprecher des sächsischen Umweltministeriums, auf Anfrage. „Am Ende entscheidet darüber aber der Haushaltsgesetzgeber, also der Landtag.“

Sven Irrgang hätte lieber heute als morgen klare Ansagen, um „zielorientiert arbeiten“ zu können. Den Zustand des Waldes nennt er eine „nationale Katastrophe“, eine Katastrophe, die auch den Forstbezirk Bärenfels trifft. Selbst wenn die Bäume, wie hier, im Tharandter Wald, meistenteils noch grün sind, ist er sicher: Sie leben am äußersten Limit. Ohne Wasser kein Nährstofftransport, keine Kühlung. Aber Wasser gibt es nicht. Es ist weg, bis in ein, zwei Meter Tiefe. „Das ist extrem. Das ist richtig extrem.“ Unter diesen Bedingungen könnte dauerhaft wohl nur ein Kaktus existieren, scherzt Irrgang bitter.

Trotz aller Sorgen: Der Forstbezirkschef glaubt an den Regen. Er glaubt daran, dass die Niederschlagswerte endlich doch zum langjährigen Mittel zurückfinden. Er will das nicht als Pfeifen im Walde verstanden wissen. Aber dass sein Wald plötzlich zu einer Steppe werden soll, das liegt weit jenseits seiner Vorstellungskraft.

Hoffnung hat auch Holger Baumann, der Revierförster am Ochsenberg. Nicht für die Fichten. Auf dem furztrockenen Steilhang haben sie sowieso keine Chance. Aber er hofft für die Ahorne und die Linden, die Vogelkirschen, die Hainbuchen und die Ebereschen, die sich zaghaft im Terrain zeigen. „Hier wird was passieren“, sagt er. „Aber Geduld werden wir brauchen.“

 

Von Jörg Stock

Foto: © Karl-Ludwig Oberthür

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