wuibqzdi9ralfygsvvyamvfp1p95g6xa.jpg

Im Weihnachtslager

27.12.2021
Nadine Kaul verkauft von Dresden aus Weihnachtssterne und Holzkunst in alle Welt. Die Corona-Krise hilft ihr sogar dabei.

Von Tobias Wolf

Es raschelt, als Nadine Kaul den Räuchermann mit rotem Kleid und weißem Bart aus der Schachtel zieht. Ein schneller Check: Ist alles dran, ist nichts beschädigt? Alles in Ordnung. Vorsichtig schiebt sie die 20 Zentimeter lange Figur zurück in ihre Papphülle und schnappt sich die nächste Kiste. Diesmal ist es ein Räuchermann mit dem Konterfei des Virologen Christian Drosten. Kaul grinst. „So eine Figur kommt nicht alle Tage ins Sortiment.“ Auch bei Drosten ist alle in Ordnung.

Wann immer eines der teuren Kunstwerke aus dem Erzgebirge das Lager verlässt, gibt es diese letzte Qualitätskontrolle. Sicher ist sicher und, es spart Reklamationen. Um sie herum versammeln sich Figuren aller bekannten Hersteller aus dem Erzgebirge auf mehr als Hundert Regalmetern. Der Raum im Zwischengeschoss der großen Lagerhalle im Dresdner Stadtteil Seidnitz ist der kleinste Teil. Hier liegen die filigranen Schätze. Weiter oben im Gebäude hat Kaul dieses Jahr 500 Quadratmeter dazu gemietet. Unten stapeln sich auf weiteren 500 Quadratmetern in Hochregalen Figuren, Kerzen, Dresdner Stollen, Pulsnitzer Pfefferkuchen und Weihnachtssterne. Herrnhuter mit ihrer klassisch gezackten Form, Hasslauer aus Westsachsen, Dresdner und flache Faltsterne aus Annaberg-Buchholz.

Nadine Kaul kennt die Eigenheiten genau. Der Herrnhuter, ein Symbol für den Stern von Bethlehem, muss mindestens 25 Zacken haben, der Annaberger 18, der Dresdner ist aus Papier, den Hasslauer gibt es als Erfindung aus DDR-Zeiten nur wenige Jahre länger, als Nadine Kaul auf der Welt ist.

Den Virologen Christian Drosten gibt es auch als Räuchermännchen
Den Virologen Christian Drosten gibt es auch als Räuchermännchen © Jürgen Lösel

Die 34-Jährige mit den langen blonden Haaren, bekleidet mit einem schwarzen Fleece-Pullover, betreibt mit ihrem Vater „Sternehaus.de“, eine Onlineplattform für alles Schöne rund ums Fest, und das Sternehaus am Dresdner Panometer. Eigentlich wollte die junge Frau Verkehrswissenschaftlerin werden. Aber schon während des Studiums stieg sie mit 22 Jahren ins Geschäft ihres Vaters ein und ist heute seine Chefin. Zwar schloss sie die Uni mit einem Master ab, entschied sich dann aber doch für Männel und Schwibbögen als für Container und Fahrzeuge.

„Meine Oma war die erste in der Familie, die auf dem Weihnachtsmarkt verkauft hat“, sagt Nadine Kaul. Ihr Vater hat irgendwann um das Jahr 2000 mit einem Kerzenstand auf dem Striezelmarkt angefangen. Dann kamen Weihnachtsmärkte in der Region, dazu irgendwann die großen in Leipzig und Potsdam, ein erster Online-Shop und 2016 das Sternehaus.

Die letzten drei Monate des Jahres sind für Kaul und die fünf Lagermitarbeiter einschließlich ihres Vaters so etwas wie die Zielgerade bei einem Marathon. Um die 700 Bestellungen gehen allein über das Internet jeden Tag ein, ebenso viele Pakete wollen verpackt und verschickt sein.

Schon im Juni Herrnhuter Sterne geordert

Während die Mitarbeiter einigermaßen feste Arbeitszeiten haben, geht Nadine Kaul jeden Abend noch einmal an den Computer und ackert die Bestellungen für den Versand am nächsten Tag durch. „Aber erst, wenn die Kinder im Bett sind.“ Die Älteste wird am Heiligabend sechs, die Jüngste ist im vergangenen Juli geboren. Auch deshalb schläft die Mutter in dieser Hochphase kaum mehr als vier Stunden pro Nacht. „Mein Mann macht die volle Elternzeit, das hilft schon sehr.“ Fast jeden Tag kommt er mit den Kindern vorbei, damit sie die Mutter sehen können. Die zwei ältesten Töchter toben dann auf Rollwagen durch das Lager oder wollen selbst Pakete packen.

Während andere Händler, Schausteller und Marktstandbetreiber wegen ausgefallener Weihnachtsmärkte um ihre Existenz bangen und den zweiten Frustwinter erleben, läuft das Geschäft von Nadine Kaul auf Hochtouren – vielleicht gerade wegen der Pandemie. „Schon 2020 war ein starkes Jahr bei unserem Onlinehandel, das dürfte jetzt wieder so sein.“ Trotz Lieferengpässen mancher Hersteller, die an den Chipmangel in der Autoindustrie erinnern.

Kaul deutet von der Galerie in die Halle auf die Regale mit den Weihnachtssternen, erzählt, dass coronabedingte Arbeitsabstände in den Herrnhuter Werkstätten den Sterne-Ausstoß gedrückt hätten, weil nicht mehr so viele Mitarbeiter die Handarbeit gemeinsam in einem Raum verrichten dürften. Sie habe etwas geahnt und deshalb schon im Juni die ersten Lieferungen in Herrnhut geordert.

Der Herrnhuter Stern entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Bildungsanstalt der Brüder-Unität und wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Handarbeit in Herrnhut hergestellt.
Der Herrnhuter Stern entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Bildungsanstalt der Brüder-Unität und wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Handarbeit in Herrnhut hergestellt. © dpa-Zentralbild

Und dann ist da noch die Sache mit den Weihnachtsmärkten. „Vor Corona standen wir parallel auf 15 Weihnachtsmärkten von Dresden über Pirna und Meißen, bis nach Leipzig und Potsdam.“ Gut 60 Saisonkräfte arbeiten dann für Kaul und ihren Vater. Das kleine Unternehmen hat längst überregionale Bekanntheit erlangt. Kauls Sterne sind die offizielle Dekoration der zentralen Weihnachtsmärkte in Potsdam und Cottbus und zieren kleinere Märkte in Südtirol wie Völs am Schlern, wo immer mehr Bestellungen herkommen. „Das ist schon toll, wenn du weißt, dass dort deine Sterne hängen.“

Nur verkaufen werden sie dieses Jahr wieder auf keinem Weihnachtsmarkt. Die Entscheidung der Stadt Dresden, den Striezelmarkt am Ende doch kurzfristig platzen zu lassen, findet sie abenteuerlich. Auch wenn das schmerzlich gewesen sei, aber sie hätten sich schon im Sommer entschieden, die Weihnachtsmarktteilnahme abzusagen. „Die ganze Zeit war da diese Unsicherheit, ob überhaupt etwas stattfinden kann. Wir können ja im August keine Leute verpflichten und denen dann im November absagen.“ Aber nicht alle hätten als Alternative einen florierenden Online-Laden.

Nadine Kaul überprüft noch ein paar Figuren, dann turnt sie die Treppe hinunter. Ein kurzer Blick in den von Holzbalken eingefassten Versandraum, in dem seit Wochen im Akkord gearbeitet wird. Über dem Arbeitstisch stapeln sich hunderte gefaltete Pappkartons in unterschiedlichen Größen, in den Regalen daneben die gängigsten Weihnachtssterne für den Schnellzugriff und Schachteln mit Dresdner Stollen.

Nadine Kaul vom Sternehaus Dresden in ihrem Lager in Dresden-Seidnitz.
Nadine Kaul vom Sternehaus Dresden in ihrem Lager in Dresden-Seidnitz. © Tobias Wolf

Eine Frau schichtet fertig gepackte Kisten in eine Ecke und klebt Adress-Etiketten drauf, eine zweite faltet Kartons auf, die dritte befüllt sie und ein junger Mann verfrachtet alles am Ende auf Palettenwagen der Deutschen Post, die demnächst abgeholt werden sollen. Eine Bürokollegin bringt den derweil nächsten Stapel Etiketten und Lieferscheine und drückt Nadine Kaul ein Blatt in die Hand: „Hier musst du noch mal gucken, hier stimmt was nicht mit der Adresse.“

Am Computer angekommen, versteht die Chefin das Problem. „So etwas haben wir öfter, da wohnt jemand nahe der Grenze in der Schweiz, lässt sich aber das Paket in eine Postfiliale in Österreich oder Deutschland liefern und spart so zehn Euro Versandkosten.“ Die weitesten Pakete wurden bislang in die USA, nach Japan und nach Brasilien verschickt, wo auch ein Mitarbeiter herkommt. Das meiste geht in die EU, vor allem innerhalb Deutschlands.

Auch Kauls Sterneladen am Panometer verzeichnet Umsätze, die manchen derzeit arbeitslosen Weihnachtsmarktkollegen wohl utopisch vorkommen dürften. Um die 80 Kunden kommen trotz der zentrumsfernen Lage jeden Tag, die Hütte für die Ungeimpften vor der Tür besuchen um die 120 Leute. „Weihnachtssterne kann man auch draußen in der Kälte verkaufen, feine Drechselkunst eher nicht, die kann man im Laden besser präsentieren.“ Die Verkäuferinnen bekommen den Unmut vieler zu spüren, die die Corona-Regeln nicht einsehen. „Manche sind sehr anstrengend, andere beschimpfen einen. Irgendwie ist durch die Pandemie die Lockerheit verloren gegangen.“

© Tobias Wolf

Kauls Telefon klingelt. Ein Hersteller ist dran ist dran. Eine Engellieferung hat der Postbote bei der Konkurrenz im dem Dresdner Stadtzentrum statt bei ihr abgegeben. Sie ruft ihren Vater an. Der beliefert gerade Stand Nummer zwei in der Saison, den vor der Dresdner Altmarktgalerie. „Kannst du das Zeug mitbringen?“ Ein paar Minuten später meldet der Vater Vollzug.

Normalerweise packt Kaul Pakete auch selbst ein. Aber in der Hochsaison muss sie Probleme lösen und ist eine Art Mädchen für alles. Lieferscheine, aufgerissene Päckchen mit Kundenreklamationen, Büromaterial und ein Nussknacker. Kauls Schreibtisch quillt über. Ihre Werkzeuge sind ein Computer, ein Laptop, drei Monitore, ein Handy und ein Bürotelefon. Im Nachbarraum surrt ein Drucker und spuckt im Akkord Versandetiketten und Lieferscheine aus. Ein Blumenkind der Erzgebirgs-Edelmarke „Wendt & Kühn“ guckt Nadine Kaul aus einem Ensemble aus Stiftbox, Corona-Maske und Familienfotos an. Nur selten hat Kaul ein Auge dafür.

Auf dem PC-Monitor flimmert die Warenwirtschaftssoftware, die alle Bestellungen speichert. Auf dem Laptop-Bildschirm rauschen Hunderte Mails vorbei. Kaul weiß, worauf sie achten muss. Steht Bestellung im Betreff, dann klickt sie weiter. Alles andere sind Fragen von Kunden, Reklamationen oder Informationen von den Herstellern.

Nur bei sich zuhause hat es Nadine Kaul nicht so mit der Weihnachtsdekoration. „Ich hab keine Zeit dafür, wenn, dann macht das mein Mann und dekoriert mit den Kindern unsere Wohnung.“

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Chefin der Dresdner UN-Universität verstärkt Unternehmerpreis-Jury

Chefin der Dresdner UN-Universität verstärkt Unternehmerpreis-Jury

Edeltraud Günther, Direktorin des Unu-Flores-Instituts der Vereinten Nationen, unterstützt die Suche nach den besten Ressourcenmanagern in Sachsen.

"Bitte nicht noch einen Lockdown"

"Bitte nicht noch einen Lockdown"

Nach der erneuten Corona-Zwangspause dürfen Fitnessstudios wieder öffnen. Wie es im My Gym in Kamenz jetzt läuft und was die Chefin besonders kritisiert.

Sachsens DGB-Chef: "Entsetzt über Umgang mit Kohle-Millionen"

Sachsens DGB-Chef: "Entsetzt über Umgang mit Kohle-Millionen"

Markus Schlimbach wurde im Amt bestätigt. Nach der Wiederwahl spricht er über die Schuldenbremse und eine neue Arbeiterbewegung.

Kommt langsam wieder Leben in die Stadt?

Kommt langsam wieder Leben in die Stadt?

Lokale dürfen länger öffnen, Kinos sind offen. Das zieht vor allem am Wochenende Besucher in die Dresdner City. Warum das nicht reicht.