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"In China zieht die Nachfrage an"

03.07.2020
Wilhelm Schmid, Geschäftsführer der Lange Uhren GmbH, über Corona, Homeoffice und die neue Art, Uhren zu präsentieren.

Von Maik Brückner 

Herr Schmid, was hat das Coronavirus mit Lange Uhren gemacht?

Auch wir sind vom Coronavirus überrascht worden. Noch im Januar haben wir, wie viele Menschen auf der ganzen Welt auch, die Tragweite nicht erkannt. Wir haben aber sehr frühzeitig reagiert. Schon im Februar haben wir Mitarbeiter, die aus dem Skiurlaub kamen, gebeten, zuhause in Quarantäne zu bleiben. Wir haben auch sehr früh Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um unsere Manufaktur und unsere Mitarbeiter zu schützen. Wir haben ganz klar gesagt, jeder bleibt in seinem Gebäude, um zu verhindern, das sich das Virus ausbreitet, wenn es auftauchen würde. Wir haben immer noch starke Vorsichtsmaßnahmen, die wahrscheinlich über das hinausgehen, was allgemein gemacht wird. Das hat dazu geführt, dass wir bis heute keinen Fall in der Firma hatten.

Inzwischen wurden die Corona-Schutzregeln mehrmals gelockert. Verstehen Ihre Mitarbeiter, dass in Ihrer Firma immer noch strikte Regeln gelten?

Den Eindruck habe ich absolut. Wir haben regelmäßig Meetings, auch digital, in denen wir unsere Mitarbeiter erreichen. Diese machen wir, um den Kontakt beizubehalten. Mir ist daran gelegen, dass ich den Pulsschlag unserer Mitarbeiter spüre. Diese sind sehr dankbar, dass wir uns um die Gesundheit der Menschen kümmern und nicht wirtschaftliche Schwerpunkte über die Gesundheit setzen. Das ist meine Wahrnehmung. Bisher habe ich keinen Grund anzunehmen, dass sie falsch ist.

Wie lange werden Sie in Ihrer Firma so verfahren?

So lange wir keinen Impfstoff und kein verlässliches Medikament haben, gilt die Empfehlung, die Hygienemaßnahmen streng zu beachten. Das wird von mir auch absolut gefördert.

Wie wirkte die Pandemie aufs Geschäft?

Die hat in vielen Bereichen Einfluss gehabt. Im April und fast im ganzen Mai hatten die meisten Verkaufspunkte auf dieser Welt geschlossen. Und wenn Verkaufspunkte zu sind, können sie keine Uhren verkaufen. Das liegt in der Natur der Sache.

Glashüttes Bürgermeister Markus Dreßler informierte unlängst darüber, dass seine Stadt nicht 5,6, sondern möglicherweise nur eine Million Euro an Gewerbesteuern einnehmen werde. Es ist bekannt, dass von Ihrer Firma bisher mehr als die Hälfte der Steuern kam. Wie geht es dem Unternehmen?

Ich kann zum heutigen Zeitpunkt keinen Ausblick geben, wie das Jahr wird. Wir bleiben vorsichtig. Deshalb halten wir die Hygienemaßnahmen so strikt bei. Wir sind eine sehr gesunde Firma, die den Sturm lange aushält. Wir werden alles tun, um unsere Firma intakt und unsere Mitarbeiter an Bord zu halten. Diesen zwei Zielen hat sich alles andere unterzuordnen. Wir sind sehr sparsam mit unseren Mitteln. Wir werden durchhalten, das kann ich Ihnen versichern.

Wie viele Kollegen sind in Kurzarbeit?

Wir machen das situationsbedingt. Da, wo Notwendigkeit besteht, setzen wir dieses Mittel ein. Da, wo wir Ressourcen brauchen, holen wir die Leute zurück.

Wie viele Kollegen sind im Homeoffice und wie viele vor Ort in Glashütte?

Ein Uhrmacher kann nicht von Zuhause aus arbeiten. Das geht in aller Regel nicht. Aber bei allen anderen Bereichen haben wir erfahren, dass es vom Homeoffice aus sehr gut geht. Eine Menge Leute ist sehr froh, dass wir das anbieten. Ich glaube, dass es das Homeoffice-Modell auch nach der Corona-Pandemie geben wird. Mitarbeiter, die nicht hier wohnen und Zoom-Meetings mit Kollegen von den internationalen Märkten haben, werden sich die Zeit sparen können, um nach Glashütte kommen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Homeoffice gemacht?

Wenn Sie eine motivierte Mannschaft, eine Vision und ein Ziel haben, wo die Firma hinwill, dann funktioniert das. Ich vergleiche unsere Firma gern mit einem Segelschiff und seiner Mannschaft. Bedenken, dass Mitarbeiter das Homeoffice ausnutzen, um weniger zu arbeiten, habe ich nicht. Meine Wahrnehmung ist eher, dass Mitarbeiter nicht mehr differenzieren zwischen der Firma und dem Privatleben. Es ist einfacher, wenn man ins Büro fährt, dann ist es Arbeit. Kommt man zurück, dann ist es Freizeit. Wenn beides zuhause stattfindet, dann mache ich mir Sorgen, dass der eine oder andere nicht deutlich genug unterscheidet.

Und wie arbeiten Sie?

Ich versuche, zwei, drei Tage in der Woche in Glashütte zu sein. Das ist mir bisher gelungen und immer abhängig davon, welche Meetings anstehen. Wenn ich früh morgens Zoom-Meetings mit Asien oder abends mit Amerika habe, führe ich die Konferenzen von Zuhause aus.

Wie groß ist das Interesse an Uhren?

Ich glaube, dass die Krise immer noch weltweit aktiv ist. Die Lage ist aber nicht überall gleich. Es ist noch zu früh, eine Prognose abzugeben, ob es im nächsten, im übernächsten oder in sechs Monaten besser wird. Ich denke, wir sind weniger betroffen als Mitbewerber.

Die Nachfrage nach Luxusuhren war mit Beginn der Pandemie gesunken. Wie groß ist das Interesse in China, Europa und den USA jetzt?

Sie wissen ja, dass wir zu einem börsennotierten Konzern gehören und ich grundsätzlich sehr vorsichtig mit Aussagen sein muss und keine detaillierten Einblicke geben darf. Die Hoheit obliegt allein Richemont, unserer Konzernmutter. Bei China kann man schon sagen, dass eine Normalität erkennbar ist. Die Nachfrage nach Uhren hat angezogen. Europa ist groß. Die Länder sind unterschiedlich stark von der Pandemie betroffen. Da kann ich keine allgemeinen Aussagen abgeben. Damit würde ich keinem Land gerecht werden. Auch zu Amerika möchte ich keine Prognosen abgeben.

Ende April wollte Ihre Firma Neuheiten auf der Uhrenmesse Watches & Wonders in Genf vorstellen. Die Messe wurde abgesagt. Wie schwer hat Ihre Firma das getroffen?

Wir haben rechtzeitig reagiert und agiert. In Berlin haben wir ein starkes Marketing-Team. Das hat frühzeitig damit begonnen, auch auf digitale Uhrenpräsentationen zu setzen. Als dann klar war, dass die Messe nicht stattfindet, haben wir alles digital lanciert. Im April haben wir die Zeitwerk Minutenrepetition und die Odysseus in Weißgold präsentiert, im Juni dann die Lange 1 Zeitzone in drei unterschiedlichen Varianten. Wir haben die Zeit genutzt, um unsere digitalen Fähigkeiten auszubauen.

Diese neue Uhr stellte Lange in diesem Jahr vor: Das Modell Odysseus in der Weißgold-Ausführung, Preis: 38.500 Euro.
Diese neue Uhr stellte Lange in diesem Jahr vor: Das Modell Odysseus in der Weißgold-Ausführung, Preis: 38.500 Euro. © Lange Uhren

Erreichen Sie damit Ihre Kunden?

Bei den Menschen, die die letzten Monate Zuhause verbracht haben, ist durchaus Appetit da, sich mit neuen Uhren auseinanderzusetzen. Nachdem wir unsere Neuheiten digital vorgestellt haben, treffe ich mich mit Kunden aus aller Welt zu Zoom-Meetings. Manchmal sind es Smalltalks, oft aber auch Gespräche mit Fachjournalisten. Dann geht es durchaus ins Detail. Solche Gespräche können schon mal länger dauern. Diese Treffen sind durchaus vergleichbar mit Meetings, die hier bei mir am Tisch stattfinden. Vor zwölf oder sechs Monaten war das noch undenkbar, heute sind die Zoom-Meetings etwas, was von allen Seiten genossen wird. Die Krise hat uns gelehrt, dass Verhalten änderbar ist. Ich glaube nicht, dass wir als soziale Wesen nur digital leben können, in Krisenzeiten aber durchaus.

Wie kann man sich so eine digitale Uhrenpräsentation vorstellen?

Faktisch ist es so, dass wir die Uhr haben und sie dem Gesprächspartner erklären und zeigen, wie sie am Arm aussieht. Es ist so, als ob wir am Tisch sitzen würden, ohne dass wir uns berühren können. Wir haben aber auch Streamingdienste und Kamerateams, die das professionell aufnehmen. Und wir haben Präsentationen, die wir parallel zu Zoom hochladen. Dort können wir die Uhren beschreiben und mit schönen Fotos hinterlegen.

Und wer stellt die Uhren vor?

Das sind unsere Brandmanager, Anthonie de Haas, Chef der Produktentwicklung, unser Pressesprecher Arnd Einhorn und ich.

Werden Sie im kommenden Jahr die Uhrenmesse Watches & Wonders besuchen?

Wir bereiten uns darauf vor. Ob die Messe stattfinden wird, kann ich nicht sagen. Deshalb bereiten wir auch einen digitalen Auftritt vor, um uns in beide Richtungen abzusichern.

Die Baseler Uhrenmesse für 2021 wurde abgesagt, weil viele Uhrenfirmen mit dem Konzept unzufrieden waren. Wandelt sich unabhängig vom Coronavirus die Bedeutung von Messen?

Ich glaube, dass es mittel- und langfristig keinen Ersatz für Messen geben wird. So eine Messe bringt alle beteiligten Parteien zusammen, Konzessionäre, die verschiedenen Marken, die Betreiber der Boutiquen. Es gibt keine Alternative, um alle, die mit Schmuck und Uhren zu tun haben, in so kurzer Zeit zu treffen. Ich glaube, dass es Events wie Watches & Wonders mit neuen Rahmenbedingungen und anderen Schwerpunkten in den nächsten fünf Jahren noch geben wird. Was in zwanzig Jahren sein wird, kann ich nicht sagen.

Auch eine Neuheit 2020, die Lange 1 Zeitwerk. Die Uhr ist verfügbar in Weißgold mit einem schwarzen Zifferblatt, in Rotgold mit einem argenté-farbenen Zifferblatt (beide 48.000 Euro) sowie in Gelbgold mit mit Zifferblatt in Champagne (50.900 Euro).
Auch eine Neuheit 2020, die Lange 1 Zeitwerk. Die Uhr ist verfügbar in Weißgold mit einem schwarzen Zifferblatt, in Rotgold mit einem argenté-farbenen Zifferblatt (beide 48.000 Euro) sowie in Gelbgold mit mit Zifferblatt in Champagne (50.900 Euro). © Lange Uhren

Die großen Messen gaben zuletzt immer den Rhythmus vor, wann die Firmen ihre Neuheiten vorstellten. Wird sich das ändern?

Für mich ist kein Rhythmus erkennbar. In der Vergangenheit haben wir die Hauptanzahl unserer Neuheiten zur Messe vorgestellt und dann nur mal eine Uhr im Verlauf des Jahres. Wir hatten aber auch Jahre, in denen wir 40 bis 50 Prozent der Neuheiten zur Messe und dann im Lauf des Jahres die anderen Uhren vorgestellt haben. Ich erinnere an das letzte Jahr, wo wir jeden Monat eine Uhr neu eingeführt haben. Ich glaube, jede Firma muss selbst bestimmen, wie sie damit umgeht. In manchen Jahren passt es so, in anderen so.

Was hat Ihre Firma in diesem Jahr noch vor?

Wir haben noch ein paar Themen vor der Brust, so zum Beispiel die Einweihung des Walter-Lange-Denkmals in Glashütte. Ich gehe davon aus, dass diese weitgehend digital stattfinden werden.

Vor einigen Monaten hat sich in Ihrer Firma ein Betriebsrat gegründet. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Die ist sehr eng. Wir müssen viele Dinge mit ihm abstimmen. Da der Betriebsrat und wir grundsätzlich ein Interesse daran haben, dass es A. Lange und Söhne gut geht, gibt es kein Gegen-, sondern ein Miteinander.

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