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Inspektion am Windrad-Giganten

Dresden 11.10.2018
Die Dresdner Firma cp.max wartet und repariert Rotorblätter in bis zu 150 Metern Höhe.

In der Fachwelt sorgte es für Aufmerksamkeit, als die Monteure der Dresdner Firma cp.max Rotortechnik GmbH die Rotorblätter der höchsten Windenergieanlage der Welt in Gaildorf bei Stuttgart mit einer von ihnen entwickelten Seilzugangstechnik inspizierten. Dieses Windrad besitzt eine schwindelerregende Nabenhöhe von 178 Metern und einen Rotordurchmesser von 137 Metern. Die Nabe ist der Kopf des Turms, an dem die Rotorblätter angebracht sind,

Von derartigen Größenordnungen haben Thomas Rische und Burkard Cerbe noch nicht einmal geträumt, als sie 1997 ihre Firma gründeten. Ein Jahr zuvor hatten sich die beiden Ingenieure das erste Mal an den Rotorblättern einer Windenergieanlage abgeseilt, um den technischen Zustand der Blätter zu kontrollieren. Der 57-jährige Rische erinnert sich: „Es war ein komisches Gefühl. Der Zugang zu den Rotorblättern gestaltete sich schwieriger als erwartet, die Gurte drückten gewaltig, und die zu reparierenden Mängel an den Rotorblättern waren zahlreich.“ 


Doch die Arbeit gelang, und die beiden Freunde, die sich gern gemeinsam zum Klettern in der Sächsischen Schweiz trafen, tüftelten über die Firmengründung. Rische hatte nach seinem Studium in Merseburg an der TU Dresden promoviert, später in den USA gearbeitet. Cerbe studierte an der TU Maschinenbau. In Nachwendezeiten interessierten sich beide für das 1994 errichtete Bürgerwindrad in Tharandt. „Wir fanden das total spannend, und wir hatten beide den Wunsch, etwas Neues zu machen.“ Vor 21 Jahren waren sie die Ersten überhaupt, die kommerzielle Wartungsarbeiten an Rotorblättern mit Seiltechnik anboten. Heute gibt es deutschlandweit etwa zehn vergleichbare Unternehmen.

Anfang der 1990er-Jahre besaßen Windräder noch eine maximale Nabenhöhe von 40 Metern. Seither wuchs auch der Rotordurchmesser von 30 Metern auf über 150 Meter. Durch das Wachstum der Anlagen erzeugen heutige Windräder mehr als das 25-fache der Energie ihrer Vorgänger aus den 90er-Jahren. „Heute ist alles streng reguliert. Und alles ist doppelt gesichert“, erklärt Rische. Auch die Ansprüche stiegen. Heute reicht es nicht mehr aus, Schäden zu beseitigen, sondern die Monteure tun alles, um die Rotoren optimal einzustellen. Sie sollen leiser sein und ruhiger und effektiver laufen, schließlich hängen davon die Stromausbeute und die Lebensdauer der teuren Anlagen ab. Mit dem Begriff cp.max wird übrigens in der Technik die Leistungsfähigkeit eines Rotors bezeichnet.

Anfangs zogen Rische und Cerbe zu zweit durchs Land. Zur Jahrtausendwende stellten sie ihren ersten Mitarbeiter ein. Derzeit beschäftigen sie 70. Davon klettern 40 hoch. Die Firma sucht weitere Mitarbeiter, die gute Aussichten schätzen und gern auch im Ausland tätig sind. Motiviert sollten sie sein. Als Höhenarbeiter ausgebildet und trainiert werden sie im Unternehmen selbst. Bevor es in die Höhe geht, sind zahlreiche Zertifikate erforderlich. Auch langjährige Mitarbeiter müssen jedes Jahr nachweisen, dass sie topfit sind und jedes Detail in der Arbeit beherrschen.

Neben dem Seil nutzen sie bei umfangreichen Reparaturprojekten auch Arbeitsbühnen. Durch die weitgehende Unabhängigkeit von den Bedingungen vor Ort können jedoch gerade durch die Seilzugangstechnik Wartungs- und Reparaturarbeiten an jedem Typ, auch bei Offshore-Anlagen, relativ kostengünstig vorgenommen werden. Blickt man auf die Einsatzgebiete, so gibt es in Europa nur ganz wenige „weiße Flecke“. USA, Kanada, Nord- und Südafrika, China, Indien und Australien sind stark vertreten. Der Jahresumsatz beträgt 4 bis 4,5 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte davon wird im Ausland erzielt.

Schon lange geht es bei der cp.max nicht mehr nur um Reparaturen. Auch wenn die Anzahl der Windkraftanlagen in Deutschland überschaubar ist, werden hier Technologien und Anlagen für den weltweiten Einsatz entwickelt. „Wir auditieren beispielsweise Rotorblattwerke in China und beraten dort zur Qualität“, erklärt Projektingenieur Thomas Heinecke. Für große Hersteller übernimmt cp.max Wartungs- und Serviceverträge. Zudem gibt es in der firmeneigenen Halle Versuchsstände. Für die Reparatur haben cp.max-Ingenieure Heiz-Vakuum-Hauben entwickelt, um die Reparaturqualität der faserverstärkten Kunststoffen zu verbessern.

Ein Forschungsprojekt ist die Installation einer beweglichen Hinterkantenklappe in ein reales Rotorblattsegment. Solche Klappen sollen in Zukunft, ähnlich wie bei Flugzeugen, die Luftströmung beeinflussen. Ein Prototyp wurde bereits über Monate erfolgreich geprüft. Durch die regelmäßige Betreuung von Studien- und Abschlussarbeiten werden zudem neue und spannende Forschungsprojekte bearbeitet. Denn so rasch wie die Rotorblätter wachsen, sollte sich auch das eigene Wissen über sie weiterentwickeln.

 

Von Bettina Klemm

Foto © PR/cp-max

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