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Ist die Energiewende wirklich gescheitert?

10.08.2022
Gas sollte die Brücke bis zum vollständigen Ausbau der erneuerbaren Energien bilden. Doch nun wird es eng mit der Gasversorgung. Was das bedeutet.

Von Nora Miethke

Dresden. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat die Energiewende, „so, wie sie geplant war“, für „gescheitert“ erklärt. Hat er recht? Denn immerhin wird schon fast die Hälfte des deutschen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt. Sächsische.de analysiert einige der wichtigsten Fragen.

Ist die Energiewende „gescheitert“?

Nach Ansicht von Gerd Lippold, Staatssekretär im sächsischen Ministerium für Energie, Umweltschutz und Landwirtschaft, ist die Energiewende „well und alive“. Wirklich gescheitert sei ihre jahrelange Behinderung. Das energiepolitische Reformpaket, das die Bundesregierung vor wenigen Wochen beschlossen habe, verpflichte alle Bundesländer mit klaren Fristen, sich an der Errichtung von Anlagen für erneuerbare Energien zu beteiligen. „Die Energiewende kommt jetzt in die entscheidende Phase. Der notwendige Turbo für die Beschleunigung wird durch den neuen Rechtsrahmen gezündet“, so Lippold. Als lautstarke Aufbegehren bisheriger Blockierer sei „Ablenkungspolitik“.

Michael Beckmann, Professor für Energieverfahrenstechnik an der Technischen Universität (TU) Dresden, ist nicht so optimistisch. Seit zwei Jahrzehnten sei bekannt, dass parallel zum Ausbau von Photovoltaik (PV) und Windkraft auch der Ausbau von Stromnetzen, Speicherlösungen und Sektorenkopplung erfolgen müsse. „Das ist nachweislich nicht umgesetzt worden“, so Beckmann.

Michael Beckmann, Professor für Energieverfahrenstechnik an der TU Dresden, gibt Sachsens Ministerpräsident insofern recht, als die Energiewende eine Reform braucht.

Michael Beckmann, Professor für Energieverfahrenstechnik an der TU Dresden, gibt Sachsens Ministerpräsident insofern recht, als die Energiewende eine Reform braucht.© Foto: UKD/Kirsten Lassig

PV-Anlagen und Windräder speisen schwankend Strom ins Netz. Die Residuallast – also die Differenz zwischen dem Bedarf an elektrischer Energie und dem eingespeisten Strom aus Sonne und Wind – wird von konventionellen Kraftwerken erbracht. Die Flexibilität liefern Gaskraftwerke. „Insofern hat der Ministerpräsident recht. Man muss eine grundlegende Reform der Energiewende ansetzen“, fordert Beckmann.

Was passiert, wenn Russland den Gashahn endgültig zudreht?

Für diesen Fall befürchtet Kretschmer, dass die Backup-Struktur mit Gaskraftwerken wegfällt für die Stromversorgung in Flaute- und Dunkelstunden. Auch hier gibt ihm der Energietechnik-Experte Beckmann recht. „Auf alle Fälle würde dann ein Teil der heutigen Residuallast fehlen und das könnten erhebliche Anteile sein“, so Beckmann. Wie hoch die tägliche Residuallast ist, lässt sich im Internet auf dem Agorameter der Denkfabrik Agora Energiewende gut ablesen. Am 5. August betrug die Differenz bis zu 40 Gigawatt. „Wir dürfen aber nicht nur über Strom sprechen. Gas wird auch für die Industrie als Prozessenergie und als Rohstoff benötigt, etwa für Ammoniak-Synthesen“, erinnert der Wissenschaftler.

Lippold sieht das anders. „Die Annahme, mit der Reduzierung des Erdgaseinsatzes entfalle die Backup-Struktur der Energiewende, ist einfach nicht richtig“, sagt der Staatssekretär. Nur ein kleiner Bruchteil der aus nicht-russischen Quellen bezogenen Gasmengen reiche aus, um systemrelevante Gaskraftwerke weiterzubetreiben, so Lippold. Für die Energiewende müssten noch zusätzliche Backup-Kapazitäten an flexiblen Gaskraftwerken gebaut werden. Doch die zunächst logisch scheinende Annahme, mehr Gaskraftwerke im Backup bräuchten auch mehr Gas, greife zu kurz. Denn ein Gaskraftwerk braucht Gas nur in den Stunden, in denen es läuft.

Dr. Gerd Lippold (Grüne) , Staatssekretär im sächsischen Energie-Ministerium, betont, dass die Back-up-Gasstruktur nicht zusammenbricht, wenn kein Gas aus Russland mehr kommt.

Dr. Gerd Lippold (Grüne) , Staatssekretär im sächsischen Energie-Ministerium, betont, dass die Back-up-Gasstruktur nicht zusammenbricht, wenn kein Gas aus Russland mehr kommt.© Grüne Fraktion Sachsen/Dirk Han

Wenn es im Backup nur in Bereitschaft steht, verbrauche es keinen Brennstoff. Deshalb bedeute eine hohe Backup-Kapazität nicht gleichzeitig einen hohen Gasverbrauch. Mit einem gut abgestimmten Ausbau aller regenerativer Energiearten (Sonne, Wind, Biomasse, Geothermie) werde die Residuallast in immer mehr Stunden des Jahres sinken. „Die aus der falschen Annahme gezogene Schlussfolgerung, Gas scheide aus und man müsse nun eine neue Brücke suchen, entbehrt der Grundlage“, betont der Grünen-Politiker.

Ist das Leitungsnetz für Öko-Strom schon ausgebaut?

Nein. Es braucht ein Leitungsnetz, um den Windstrom vom Norden Deutschlands in die Industrieregionen im Süden zu transportieren. Nach Einschätzung von Beckmann wird die Größenordnung der Transformation immer wieder unterschätzt – auch beim Leitungsnetz. Anfangs sollten 900 Kilometer Stromleitungen auf der höchsten Spannungsebene ausreichen. Inzwischen hat die Deutsche Energieagentur den Bedarf an Leitungen auf 6.000 Kilometer in der höchsten Spannungsebene und weitere 15.000 bis 20.000 Kilometer auf der mittleren Spannungsebene korrigiert. „Der Ausbau kommt seit mehr als zehn Jahren nicht voran“, so Beckmann.

Die Bundesnetzagentur dokumentiert viermal im Jahr die Planungs- und Baufortschritte im Stromnetzausbau. Dazu fragt sie die Daten bei den vier Übertragungsnetzbetreibern Amprion, Tennet, TransnetBW und 50 Hertz ab. Erfasst werden alle Vorhaben aus dem Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen (EnLAG) und dem Gesetz über den Bundesbedarfsplan für den Ausbau der Übertragungsnetze (BBPIG). Ende März dieses Jahres lag die Gesamtlänge der EnLAG- und BBPIG-Vorhaben bei etwa 12.256 Kilometern. Davon befand sich rund die Hälfte der Kilometer in Planfeststellungs- oder Anzeigeverfahren. 751 Kilometer waren genehmigt und vor oder im Bau. 2005 Kilometer waren bis zu diesem Stichtag fertiggestellt.

Gibt es ausreichend Speicher für Windstrom?

Nein. Da Strom aus Wind und Sonne unzuverlässig ist, braucht es riesige Speicher für elektrische Energie. Doch es fehlt laut Beckmann an großen Elektrolyseuren für die erste Konversionsstufe und die Rückverstromung im Gigawatt-Bereich sowie am systemischen Zusammenspiel. Mit Batteriespeichern lässt sich die fehlende Elektroenergie in Flaute- und Dunkelstunden nicht ausgleichen. Auch deshalb sollten neue Gaskraftwerke gebaut werden. Beckmann kritisiert, dass auch bei Speichern Ziele nicht klar definiert und die Größenordnung und Komplexität unterschätzt würden.

Nach Ansicht von Lippold sind Stromspeicher nur eine Option für die Zeiten, wenn kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Eine andere Option seien andere Stromerzeugungsarten. Beispielsweise sei die Stromerzeugung aus Biomasse heute noch das ganze Jahr über ständig mit 4.000 bis 5.000 Megawatt am Netz. „Das Biogas kann aber auch flexibel verstromt werden, und in diese Richtung geht die Entwicklung“, betont der Staatssekretär. Die Menge Biogas, die heute „Dauerstrich“ verstromt wird, könnte zur Residuallastdeckung verwendet werden.

Muss der Ausstieg aus Atomkraft und Kohlestrom verschoben werden?

Der Wissenschaftler meint „ja“ - zumindest über den Winter und um sicher zu sein, noch für ein weiteres Jahr. „Dann sollte die Analyse erfolgen, und man wird sehen, ob man sich den Ausstieg leisten kann oder nicht“, sagt Beckmann.

Der Politiker verweist in der Atomkraftdiskussion auf den Stresstest, den die Bundesregierung zur Stabilität der Stromversorgung derzeit durchführt. Bezüglich des Kohleausstiegs gelte, dass einerseits Kohlekraftwerke aktiviert werden oder bleiben, andererseits der Klimaschutz nicht vernachlässigt werden dürfe. Der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien sei der einzige Weg, der in jedem Szenario richtig ist, so Lippold.

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