schuld.jpg

Jeder zehnte Sachse ist überschuldet

04.12.2019
Aber damit steht der Freistaat noch verhältnismäßig gut da. Diese und andere verblüffende Erkenntnisse zeigt der aktuelle Schuldneratlas.

Black Friday und Cyber Monday sind Geschichte – mit Milliardenumsätzen vor allem für Internethändler wie Amazon & Co. Manche Anbieter veranstalteten gar eine ganze „Black-Friday-Week“ oder zumindest ein Wochenende mit angeblichen Schnäppchenpreisen – zum Warmmachen oder zum Auslaufen, je nach dem. Und nun sieht manch’ Kunde tatsächlich schwarz: beim Blick ins Portemonnaie oder auf den Kontoauszug.

Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn die meisten Deutschen im Kaufrausch schwelgen, wird ein Problem offenbar: Überschuldung. Oft genug sind die Augen größer als der Geldbeutel. Doch während die aus den USA herübergeschwappte Konsumwelle später wieder abebbt, bleiben die Hauptursachen für die private Zahlungsunfähigkeit dauerhaft bestehen: Jobverlust, langfristiges Niedrigeinkommen, Krankheit, Sucht, gescheiterte Selbstständigkeit, Scheidung, Trennung, Tod des Partners – aber auch fehlende Finanzkompetenz. Laut Umfragen weiß hierzulande jeder Vierte nicht, was eine Schufa-Auskunft ist.

Überschuldet ist, wer seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann und zur Deckung des Lebensunterhalts weder Vermögen noch Kredite parat hat. Oder kurz: Wenn die Gesamtausgaben auf Dauer höher sind als die Einnahmen. Und das trifft laut der jüngsten Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Sachsen auf 340.000 Personen zu, 5.000 weniger als vor einem Jahr. Mit der leicht auf 9,8 Prozent gesunkenen Schuldnerquote liegt der Freistaat im Bundesranking weiter auf Platz vier – hinter dem Dauerprimus Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen. Schlusslicht ist Bremen, wo fast jeder siebte im Schuldensumpf steckt.

Verschuldung ist ganz normal

Im Freistaat gibt es große regionale Unterschiede. In den Landkreisen Bautzen, Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und im Erzgebirgskreis ist jeder Zwölfte überschuldet, in der Stadt Leipzig jeder Siebte – wenngleich mit leichter Besserung. Dresden, Chemnitz und die anderen Landkreise bewegen sich zwischen diesen Extremen.

Im Gegensatz zur Überschuldung ist Verschuldung normal, ja notwendig, damit Privathaushalte gesellschaftlich teilhaben und Unternehmen investieren können – vorausgesetzt, sie zahlen ihre Schulden vertragsgemäß zurück.

In Deutschland ist die Zahl überschuldeter Privatleute erstmals seit 2013 zurückgegangen, auch wegen der stabilen wirtschaftlichen Lage mit geringer Arbeitslosigkeit. Die Schuldnerquote beträgt exakt zehn Prozent (2018: 10,4 Prozent) und entspricht 6,9 Millionen Bürgern – meist männlich und 30 bis 40 Jahre alt, wenngleich die Frauen in der Negativstatistik aufholen. Im Osten geht die Zahl der Betroffenen zurück, im Westen stagniert sie.

„Besorgniserregend bleibt die Entwicklung der Überschuldung im Alter“, sagt Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform in Dresden. Rund drei Prozent der über 70-Jährigen seien überschuldet. „Auf den ersten Blick scheint das wenig, doch die Quote hat sich dort seit 2013 verdreifacht“, so Schulz. Auch andere Experten fürchten, dass dieses Problem und die Altersarmut in zehn, zwanzig Jahren die Gesellschaft überrollen könnten. Hauptgründe: sinkendes Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente, unstete Erwerbsbiografien, wachsender Niedriglohnsektor und steigende Mieten.

Überschuldung duldet keinen Aufschub

Rotraud Kießling, Fachreferentin bei der Diakonie Sachsen, fordert bessere Rahmenbedingungen für Schuldnerberatung im Freistaat. Wegen Unterbesetzung der rund 70 kostenfreien Schuldnerberatungsstellen der Liga der freien Wohlfahrtspflege gebe es dort Wartezeiten von bis zu neun Monaten. Auch würden die Probleme der Betroffenen immer komplexer, steige der Beratungsaufwand – wie auch der Anteil von volljährig gewordenen Flüchtlingen. 

Laut jüngstem Jahresbericht der Diakonie Sachsen ist fast die Hälfte aller Beratenen alleinstehend – doppelt so viele als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Bei Alleinerziehenden, fast jede fünfte hilfesuchende Person, ist das Verhältnis ähnlich. Statt 82 Beschäftigten brauche es 170, sagt Kießling und: „Überschuldung ist eine Lebenskrise, die keinen Aufschub duldet. Wenn eine Befreiung aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist, bedeutet das Verzweiflung und soziale Isolation.“

Immerhin habe die Politik das Problem erkannt, die Förderung leicht erhöht und eine Landesfachstelle zur Verzahnung von Schuldner- und Insolvenzberatung eingerichtet, die am Montag in Leipzig gestartet sei. Dort gesammelte Daten aller Kostenträger dienten der Bedarfsermittlung für flächendeckende Versorgung. Bislang haben nur zehn Prozent der dauerklammen Sachsen, weniger als die bundesweit 15 Prozent, Zugang zu sozialer Schuldnerberatung.

Da hat es der überschuldete Ex-Tennisstar Boris Becker leichter, auch wenn seine Insolvenzauflagen bis 2031 verlängert wurden. Dem Pleitier, nach eigenen Angaben „Millionär seit ich 17 bin“, helfen teure Anwälte, und im Sommer wurden einige Pokale, sein TV-Preis „Bambi“ und getragene Sportschuhe versteigert. Allein zwei Schweißbänder, ein paar Socken und ein Pullunder brachten 1.000,18 Euro ein.

 

Von Michael Rothe

Foto: © Pixabay/Alexas

Weitere Artikel

Hier gibt es Hilfe

Hier gibt es Hilfe

Von Bauverzug bis Soforthilfe, von Onlineberatung bis zur Erntehelfersuche: Hier finden Unternehmen wertvolle Hinweise in Zeiten der Corona-Pandemie.

So funktioniert das Arbeiten auf Distanz

So funktioniert das Arbeiten auf Distanz

5 Tipps für die Zusammenarbeit im Homeoffice, zusammengestellt von Dr. Ulla Nagel, Dresden.

„Nie dagewesene Zahlen bei Kurzarbeit“

„Nie dagewesene Zahlen bei Kurzarbeit“

Klaus-Peter Hansen, Chef der sächsischen Arbeitsagenturen, organisiert eine „Brandmauer“ gegen die Arbeitslosigkeit.

So trifft Corona die deutsche Wirtschaft

So trifft Corona die deutsche Wirtschaft

Volkswirte sind sich weitgehend einig: Die Krise trifft auch die deutsche Wirtschaft ins Mark. Wie weit es nach unten gehen wird, hängt von der Dauer des Stillstandes ab.