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Kamenzer Kult-Lokal schließt für immer

16.12.2021
Die Gaststätte Kiautschau entstand vermutlich vor über 130 Jahren. Die letzten Wirte besiegeln nun das Ende - anders als sie es eigentlich vor hatten.

Von Ina Förster 

Kamenz. Leichtgefallen ist ihnen die Entscheidung nicht. Aber es war Zeit. Christine und Gerhard Bloch stehen ein bisschen verloren zwischen den leeren Stühlen ihres leeren Gastraumes. Etwas Weihnachtsdeko steht noch auf den Tischen. Die Wirtin hat dieses Jahr nicht 100 Prozent geschmückt. "Ich war sparsam, aber ein bisschen musste sein", sagt die 68-Jährige. Zwei Wichtel schauen aus dem Fenster auf die Kamenzer Macherstraße hinaus.

Das alles hat seinen Grund: Im Kamenzer Kiautschau schlossen sich vor ein paar Tagen die Pforten. Für immer. Am vergangenen Freitag fand hier die letzte Weihnachtsfeier statt. Ursprünglich hatten 19 Gäste bestellt, am Ende kamen sieben. Ein Abend - so bezeichnend für die letzten zwei Jahre.

Corona lässt keinen schönen Abgesang zu

Die aktuellen 2G-Regelungen in Sachsen trugen dazu bei. "Die letzten Monate waren ein einziges Auf und Ab", sagt Wirt Gerhard Bloch. Und doch ist die Corona-Pandemie nicht der Grund für das Aus der beliebten Kult-Kneipe an der Macherstraße. Aber sie ist Schuld daran, dass alles ein wenig trostlos endet. "Unter normalen Umständen hätten wir sicherlich das Jahr voll gemacht, bestimmt eine Silvesterparty gefeiert", sagt Christine Bloch.

Vor allem für die Stammkundschaft sei dieses abrupte Ende nicht schön. Viele hätten es sehr bedauert. Aber es habe nur Absagen für den ganzen Dezember gehagelt. Familienfeiern, Firmenweihnachtsfeiern, Weihnachtsessen - nichts war mehr planbar.

In besten Zeiten 250 Liter Bier in sieben Stundent

"Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Meine Frau ist schon vier Jahre lang Rentnerin, ich seit zwei Jahren. Der Job ist nichts mehr für uns. Das lange Stehen, die harte Arbeit - das alles geht auf die Knochen", sagt Gerhard Bloch. Als sie im Lockdown sechs Monate nicht öffnen durften, haben die beiden Kamenzer das ganz deutlich gemerkt. Vor allem danach. "Man musste sich richtig zurück in die Küche kämpfen", sagt der Koch.

Dabei war die Gastronomie ganze 36 Jahre lang ihr Leben. In der Blütezeit liefen hier 250 Liter Bier in sieben Stunden durch den Zapfhahn. Die günstige Lage im Kamenzer Norden und die Nähe zur Offiziershochschule spülte den Blochs viel Kundschaft ins Haus. Viele Anekdoten wissen die Wirtsleute heute noch über diese Zeit zu berichten.

Erfinderisch vor allem zu DDR-Zeiten

"Am Nachmittag kamen die Männer aus den umliegenden Betrieben und tranken ihr Feierabendbier. Und nicht nur eines", sagt Gerhard Bloch. Und schmunzelt. Manchmal hat eine Schlange vor der Tür gestanden. Danach wechselte das Publikum, die Offiziersschüler kamen zum Abendbrot. Und spülten die Einsamkeit herunter.

Mangel an irgendetwas - das kannten die Blochs nicht. "Wir waren erfinderisch, wie alle DDR-Bürger. Bei uns gab es alles auf der Speisekarte", erzählt der Wirt. Sogar Pommes, die täglich aus frisch geschälten Kartoffeln handgeschnitzt wurden. Bis man sich in der Tschechoslowakei einen Pommes-Schneider besorgte.

Der eine Bekannte lieferte gezüchtete Champignons, der nächste den Salat. Der Chef selbst stellte Schinken her und ließ ihn bei Freunden räuchern. "Ja, so lief das. Das hat richtig Spaß gemacht", sagt der 68-Jährige.

Beide Kinder haben andere Zukunftspläne

Dabei hatte er ursprünglich Maurer gelernt. Doch seine Eltern hatten bereits den Gasthof in Panschwitz geführt, ehe sie das Kiautschau 1977 übernahmen. "Ich bin in der Gastronomie groß geworden" so Gerhard Bloch. Dass er 1985 das elterliche Geschäft übernahm, war ein logischer Schluss. Und so wurde Sekretärin Christine plötzlich Wirtin, Barfrau und Servicekraft. Und Gerhard Koch.

Zuerst führten sie das Kiautschau in Konsum-Kommission. Nach der Wende nahmen sie einen Kredit auf, kauften und sanierten das alte Haus, das schon Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Später kamen vier Pensionszimmer mit acht Betten dazu.

Auch ihre Kinder halfen viel mit. Letztendlich entschieden sich beide aber für andere Jobs. "Unser Sohn ist der Chef der Weißen Flotte in Dresden. Die Tochter hat noch einmal umgelernt und ist in die Pflege gegangen, will sich hier weiterentwickeln. Wir haben Verständnis dafür", sagen die Eltern. Danken möchten sie ihren Kindern für ihre Unterstützung in all den Jahren. Und ihren Gästen für die Treue und die vielen schönen Stunden.

Pension läuft noch eine Weile weiter

In den letzten Jahrzehnten hatte sich das Kiautschau als Ort für Familienfeiern etabliert. "Nach der Wende mussten wir umdenken. Das bisherige Publikum brach komplett weg", so Gerhard Bloch. Meistens waren Gaststube, Vereinsraum und Raucherzimmer gleichzeitig gefüllt.

Nun hat Gerhard Bloch die Kochschürze abgelegt. Zu Weihnachten muss zu Hause seine Frau ran. "Der Gänsebraten gehört ihr", lacht er. Beide freuen sich auf den Ruhestand. Auf künftige Reisen, die Enkel und Ruhe. Doch ganz still wird es nicht, denn die Pension läuft erst einmal weiter. Aktuell ist sie voll belegt mit Monteuren.

Zur Historie:
Die Gaststätte entstand vermutlich in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um 1870 wurde die Nordostvorstadt von Kamenz langsam bebaut. In der zweiten Hälfte der 1890er-Jahre erfolgte der Bau der Kaserne.

Der ursprüngliche Name der Gaststätte ist nicht bekannt. Sächsische Soldaten, ausschließlich Freiwillige, unter anderem auch aus Kamenz, nahmen 1900/1901 an der Niederwerfung des Volksaufstandes in China teil. Das Deutsche Kaiserreich besaß in China die kleine Kolonie Kiautschau. Vermutlich auf Betreiben heimkehrender Freiwilliger wurde die Gaststätte so benannt. (Quelle: Norbert Portmann "Einkehrstätten in Kamenz & Umgebung")

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