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Karpacz wird wieder zum "polnischen Davos"

02.09.2022
Wenige Arbeitslose, viele Unis, Investitionen internationaler Konzerne – Sachsens polnische Nachbarregion boomt und lädt zum großen Wirtschaftsforum ein.

Von Irmela Hennig

Vom „polnischen Davos“ sprechen manche stolz. Immerhin – das mittlerweile 31. polnische Wirtschaftsforum findet wie das große Schweizer Vorbild in den Bergen statt. Unterhalb der Schneekoppe, im Riesengebirge. Vom 6. bis 8. September treffen sich dort, in Karpacz (Krummhübel), rund 4.000 Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verbänden. Lobbyisten werden da sein, auch Journalisten. Sie kommen aus Europa, Nordamerika und Asien. Über 300 Debatten sind laut Programm geplant.

Das die 4.500 Einwohner zählende Kleinstadt Karpacz mit ihrer bedeutenden Stabholzkirche als Tagungsort ausgewählt wurde, hat viel mit dem Hotel Gołębiewski zu tun. Das riesige Bauwerk - einige nennen es spöttisch Pentagon - hat wohl knapp 900 Zimmer. Der kürzlich verstorbene Backwaren-Hersteller und Hotelbesitzer Tadeusz Gołębiewski hatte sich beim Bau über Vorschriften hinweggesetzt und die zulässige Höhe überschritten. Einen Teilabriss umging er wohl, indem er die oberen Etagen verglaste und zum Konferenz- und Veranstaltungsort umgestaltete. Heute haben sich Landschafts- und Denkmalschützer teils zähneknirschend damit abgefunden, erzählt man sich vor Ort.

„Das Gołębiewski hat einfach genug Platz für die Gäste. So viel Vergleichbares gibt es sonst nicht“, sagt Krzysztof Bramorski. Er, der fließend Deutsch spricht, ist Bevollmächtigter des niederschlesischen Marschalls für Internationale Beziehungen. Der Marschall selbst leitet die Verwaltung einer Woiwodschaft – das entspricht etwa einem deutschen Bundesland. Nur zwei Woiwodschaften Polens leisten sich eine Abteilung, die grenzüberschreitend derart Kontakte pflegt. Gerade sei er in Japan und Südkorea gewesen, wie Bramorski erzählt. Das signalisiert, welchen Stellenwert Wirtschaft in der niederschlesischen Region besitzt. Die hat sich längst gemausert von der „Werkbank“ westeuropäischer, asiatischer und nordamerikanischer Staaten zum Partner mit großer Kompetenz in Sachen IT und Technologie.

Konkurrenzkampf um Fachkräfte

Das zeigt sich beispielsweise am Familienunternehmen Viessmann im hessischen Allendorf. Der Hersteller von Heiztechnik, Klima- und Kühlsystemen investiert nicht nur gerade rund 200 Millionen Euro in Legnica (Liegnitz), in den Ausbau seines dortigen Standortes zur Produktion von Wärmepumpen, wie die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) informiert. Seit 2011 hat die Firma in der niederschlesischen Hauptstadt Wrocław (Breslau) eine Denk- und Innovationsschmiede aufgebaut. „R & D Wrocław“ steht für Forschung und Entwicklung und beschäftigt inzwischen rund 380 Mitarbeitenden.

Der US-amerikanische IT- und Beratungskonzern IBM war eines der ersten Tech-Unternehmen, die in Wrocław in großem Stil investierte. Der damalige Bürgermeister Rafal Dutkiewicz war Ende der 2000er Jahre spontan nach Berlin gefahren, um den IBM-Chef jener Jahre auf einer Konferenz anzusprechen und für seine Stadt zu begeistern. Das funktionierte. 2019 feierte IBM Wrocław zehnjähriges Bestehen. Tausende Jobs habe man geschaffen, informierte das Management. Genaue Zahlen sind für den Standort nicht zu bekommen. Inzwischen sind Google, Amazon und Banken wie die Schweizer Credit Suisse vertreten. Längst sei Konkurrenz um Fachkräfte entbrannt, wie Tomasz Wroński, Leiter von Viessmann „R&D“ in Wrocław sagt. Ein wenig kompensieren ukrainische Geflüchtete die Lücken in den nicht akademischen Bereichen – sie arbeiten auf dem Bau, am Fließband oder als Servicekräfte in Gaststätten und Hotels. Rund 250.000 Ukrainer sind in den letzten Jahren in die Oderstadt gekommen; inzwischen machen sie ein Drittel der Bevölkerung aus. So geht es aus Daten der Union polnischer Metropolen hervor. In der Umgebung leben noch einmal 160.000 Neuankömmlinge. Allein in Wroc³aw hätten seit März um die 15.000 Ukrainer eine Arbeit gefunden. Täglich kommen rund 100 hinzu.

90.000 neue Jobs durch Sonderwirtschaftszone

Bei umgerechnet 46 Milliarden Euro liegt das niederschlesische Bruttoinlandsprodukt, so die AHK Polen. Das sei Platz vier im Vergleich der Woiwodschaften. Die Arbeitslosenquote in Niederschlesien ist gering, steht nach Angaben der AHK bei 4,4 Prozent. Konkret betroffen seien derzeit um die 54.000 Menschen. Der wirtschaftliche Erfolg – er hat mit der Nähe zu Deutschland und Tschechien zu tun, auch mit dynamisch wachsenden Städten, die ein großes Arsenal moderner Hochschulen bieten. Über 20 sind es in Wrocław .

Wesentlicher Baustein des Erfolgs ist auch, dass es in Polen keine Gewerbesteuer gibt. Zudem wurden 1994 14 Sonderwirtschaftszonen im Nachbarland ausgewiesen. Dort bot man Investoren unter anderem die Befreiung von Körperschafts- beziehungsweise Einkommensteuer an, letztere ersetzt teilweise die Gewerbesteuer. Es gab und gibt erschlossene und vorbereitete Baugrundstücke. Die Immobiliensteuer wurde mitunter befristet ausgesetzt. Auch aufgrund von EU-Vorgaben laufen die Zonen Ende 2026 aus. Seit 2018 können Neu-Ansiedler die Vorteile nicht mehr in Anspruch nehmen; nur bereits bestehende Abmachungen laufen noch. Nach offiziellen Angaben sind über die Zonen bislang rund 112 Milliarden Euro an Investitionen gelaufen und 312.000 Jobs geschaffen worden. Eine Nachfolgeregelung gilt künftig für ganz Polen, jedes Projekt sei aber von der Zustimmung des polnischen Entwicklungsministeriums abhängig.

In Niederschlesien gibt es drei Zonen – in Legnica, Kamienna Góra (Landeshut) und Wałbrzych (Waldenburg). Letztere gilt als eine der erfolgreichsten. Dort hat unter anderem der japanische Autohersteller Toyota rund 1.500 Jobs geschaffen. In Jawor (Jauer) hat Mercedes investiert. Drei Woiwodschaften, 29 Landkreise sowie 174 Gemeinden gehören zur Wałbrzyska Specjalna Strefa Ekonomiczna. Rund 8,5 Milliarden Euro hätten Unternehmen hier bislang reingesteckt, wie Maciej Tyszka informiert. Er leitet die Abteilung für Investoren-Dienstleistungen in der Zone, die „Invest-Park“ heißt. 90.000 Arbeitsplätze seien entstanden. Sie gelten auch als ein Ersatz für rund 20.000 Stellen im Bergbau, die hier seit den 1990er Jahren verschwunden sind; 1994 wurde die Steinkohleförderung eingestellt.
Anfangs gab es Kritik von Medien, Gewerkschaften und Arbeitnehmern an den neuen Stellen in den Zonen – niedrige Löhne, rauer Umgangston, schwere Tätigkeiten, wenig Mitbestimmung der Arbeitnehmenden. Auch weil sich der Fachkräftemangel zunehmend bemerkbar mache, habe sich das teilweise verbessert.

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