5g.jpg

„Keine neue Gefährdung durch 5G“

04.11.2019
Peter Stuckmann, zuständig für den neuen Mobilfunkstandard in Europa, über Risiken und Chancen der Technologie.

Die Europäische Union bereitet die nächste Mobilfunk-Revolution vor. Sich bei 5G nicht wieder von Asien und den USA abhängen zu lassen, ist eine der größten Herausforderungen für die nächste EU-Kommission. Auf dem Internationalen 5G-Summit in Dresden Anfang Oktober erläuterte Peter Stuckmann, Abteilungsleiter für die Kommunikationsnetze der Zukunft bei der EU-Kommission, die europäischen Perspektiven von 5G. Wir sprachen mit ihm darüber, warum dieser Mobilfunkstandard so wichtig ist und ob die EU nicht nur die Sicherheitsrisiken im Blick hat, sondern auch mögliche Gesundheitsrisiken.

Die EU-Kommission hat erstmals einen Katalog an Risiken veröffentlicht, den sie bei der Einführung von 5G sieht. Eine der größten Bedrohungen sei die Abhängigkeit von Staaten und Drittanbietern. Ist das als Empfehlung zu verstehen, Netzausrüster etwa aus China auszuschließen vom Netzausbau?

Unsere Empfehlung richtet sich nicht gegen ein bestimmtes Land oder bestimmte Anbieter. Wir sagen in unserer Empfehlung, dass wir uns unter anderem Risiken im Zusammenhang mit Lieferanten, die dem Einfluss eines Nicht-EU-Landes unterliegen, ansehen. Wir können nicht durch EU-Recht bestimmen, wie sich jedes einzelne Mitgliedsland verhalten sollte. Aber die Idee ist, durch eine gemeinsame Risikobewertung ein gewisses Maß an einheitlichem Handeln bei den nationalen Maßnahmen zu erreichen. Dass uns das gelingt, da bin ich sehr zuversichtlich.

Deutschland hat den chinesischen Netzausrüster Huawei nicht ausgeschlossen, was die USA erzürnt. Die EU-Kommission hat damit keine Probleme?

Bei Sicherheitsfragen liegt die Entscheidung bei den Mitgliedsländern. Wir versuchen, zusammen mit den EU-Staaten, auf Grundlage der gemeinsamen Risikobewertung eine Reihe von möglichen Maßnahmen bis zum Ende des Jahres zu erarbeiten, die dann als Grundlage für nationale Schritte dienen soll – doch am Ende muss jedes Land selbst entscheiden.

Viele Deutsche hat die Risikobewertung enttäuscht, da sie bei 5G vor allem gesundheitliche Risiken befürchten. Wurden die Risiken der Mobilfunkstrahlung auf die Gesundheit im Vorfeld überprüft?

Der Schutz der öffentlichen Gesundheit ist für die EU-Kommission von größter Bedeutung und wird in all unseren Initiativen berücksichtigt, selbstverständlich auch bei denen zur 5G-Technologie. Für das Setzen von Grenzen für elektromagnetische Felder sind allerdings die Mitgliedsländer verantwortlich. Es gibt eine Empfehlung für Grenzwerte auf europäischer Ebene, und alle momentan geplanten 5G-Frequenzen sind davon abgedeckt. Die aktuellen und erwarteten Feldstärken liegen weit unter diesen Grenzwerten, sodass aus unserer Sicht keine neue Gefährdungssituation durch 5G eintritt. Außerdem überprüfen wir regelmäßig wissenschaftliche Studien zu den Auswirkungen von Mobilfunk mithilfe einer unabhängigen Kommission, die öffentlich finanziert ist. Wir erwarten bald neue Ergebnisse für die Auswirkungen höherer 5G-Frequenzen. Aber natürlich nehmen wir die Ängste und Bedenken ernst. In vielen Mitgliedsländern, so auch in Deutschland und Frankreich oder auch Belgien, kann man sich im Internet anschauen, wie das elektromagnetische Feld am eigenen Wohnort aussieht. Die Regierungen sollten diese Möglichkeit kommunizieren und transparent machen. Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, die Feldstärke zu verringern.

Welche ist das?

Je weiter die Funkzelle entfernt ist, desto heißer wird das Smartphone beim Telefonieren. Je näher die Funkzelle ist, desto weniger Leistung muss das Handy aufwenden. Wir haben die Möglichkeit, mit neuer Technologie kleinere Funkzellen mit geringerer Sende-Leistung bauen zu können. Das sollten wir stärker verfolgen.

Aber mehr Funkzellen bedeuten mehr Mobilfunkstandorte?

Ja, aber kleinere Funkzellen bedeuten eine geringere Leistung. Und eine geringere Leistung bedeutet wiederum, dass die elektromagnetischen Felder kleiner sind.

Es dauert inzwischen über zwei Jahre, einen Mobilfunkmast in Betrieb zu nehmen. Wie lassen sich Genehmigungsverfahren vereinfachen, ohne die demokratische Teilhabe zu verwässern?

Die Genehmigungszeiten sind in den einzelnen EU-Staaten sehr unterschiedlich. Es hängt auch davon ab, welche Behörde zuständig ist. Im neuen Telekommunikationsgesetz, das voriges Jahr verabschiedet wurde, haben wir entschieden, dass für kleine Zellen mit geringerer Leistung das Genehmigungsverfahren vereinfacht werden soll. Weiterhin regen wir Städte und Kommunen an, gemeinsam öffentliche Standorte für 5G zur Verfügung zu stellen.

Warum ist die Einführung von 5G-Netzen für Europa eigentlich so wichtig?

Mit 5G kommen große Wachstumschancen für Beschäftigung und Umsatz in Europa, weil dieser Mobilfunkstandard gerade für Industrieanwendungen etwa in der Automobilindustrie oder der Medizintechnik wichtig ist, auch im Energiesektor oder der Unterhaltung. Aber auch aus gesellschaftlicher Hinsicht sind sie von enormer Bedeutung, damit Visionen wie null Unfälle oder null CO2-Ausstoß auf europäischen Straßen wahr werden können. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Netze in Europa hier schnell haben, um einerseits die ökonomischen Chancen nutzen zu können und andererseits die nötige Technik für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen entwickeln zu können.

Bedarf es eines flächendeckenden Ausbaus bis zu jeder Milchkanne, damit jeder Bürger von 5G-Anwendungen im Verkehr oder in der Gesundheit profitieren kann?

Da sehe ich zwei Dimensionen. Zum einen kann auch die Landwirtschaft profitieren durch Anwendungen künstlicher Intelligenz wie „Smart Farming“. 5G sollte also auch im ländlichen Raum ausgebaut werden. Andererseits muss es nicht in jedem Waldstück funken, wo meistens niemand ist. Der absolut flächendeckende Ausbau ist wirtschaftlich nicht sinnvoll. Aber überall dort, wo Menschen wohnen, arbeiten, reisen oder hinkommen, sollte ein Netz verfügbar sein.

Oft wird der Ausbau von 5G als Wettlauf mit Asien dargestellt. Ist das wirklich ein Wettlauf, und wie schneidet Europa bislang ab?

Wir sind noch nicht zu spät dran. Aber gerade für die vielen Bereiche, in denen wir wirtschaftlich stark sind, sollten wir die nötige 5G-Infrastruktur so schnell wie möglich haben, denn nur so werden wir unsere Vorteile dauerhaft nutzen können. Bei 4G war Europa etwas zu spät dran, auch weil unsere Märkte im Vergleich zu den USA und China fragmentierter sind. Deshalb ist Europa bei der App-Economy heute nicht unbedingt vorn dabei. Bei 5G haben wir weit größere Chancen bei Industrieanwendungen. Deshalb sollten wir sicherstellen, diese Märkte in ganz Europa in der Breite entwickeln zu können.

Und wo steht Europa im Vergleich zu Asien?

Das kann sich jeder auf der Website 5GObservatory.eu selbst ansehen. Im Moment liegen Europa mit den USA, China, Japan und Korea Kopf an Kopf. Was entscheidend sein wird, ist der umfassende Ausbau in den nächsten drei bis vier Jahren. Wir investieren beispielsweise in Europa eine Milliarde Euro in 5G-Experimente und erste 5G-Pilotprojekte. Das kann sich im internationalen Vergleich sehen lassen. Nun müssen in allen EU-Ländern die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen und das Frequenzspektrum zur Verfügung gestellt werden, damit die Investitionen in Europa kommen können.

Wie geht es nun weiter bei der Begrenzung der 5G-Risiken, und bis wann sollte ein einheitliches Sicherheitsniveau in Europa erreicht sein?

Bis Ende des Jahres wollen wir einen Instrumentenkasten präsentieren, der Sicherheitsmaßnahmen enthält, auf die die Mitgliedsländer zurückgreifen können. Ein einheitliches Sicherheitsniveau ist nicht für alle Anwendungen erforderlich. Bei grenzüberschreitenden Diensten wie dem automatisierten Fahren wollen wir natürlich einheitliche Bedingungen erreichen. Dagegen lassen sich Industrie-Campusnetze schneller ausrüsten, weil es lokale Netze sind. Hier können die Unternehmen bestimmte zusätzliche Sicherheitsstandards selbst bestimmen.

 

Das Gespräch führte Nora Miethke.

Foto: © Christian Juppe

Weitere Artikel

Was beim Schenken zu beachten ist

Was beim Schenken zu beachten ist

Wer Weihnachtsfeiern und Geschenke für seine Mitarbeiter plant, sollte ans Finanzamt denken.

„Es werden Krankenhäuser schließen müssen“

„Es werden Krankenhäuser schließen müssen“

Die Rückzugspläne der Malteser sorgen in Kamenz für Unruhe. Der Bautzener Klinikchef sagt weitere Einschnitte vorher.

Landkreis Bautzen
Ohne Ralf läuft die Aida nicht aus

Ohne Ralf läuft die Aida nicht aus

Ein Großenhainer betreut die Müllverbrennungsanlagen auf allen Aida-Schiffen und neuerdings auch für Phönix-Reisen.

Insolvenzplan für Selectrona bestätigt

Insolvenzplan für Selectrona bestätigt

Der Autozulieferer in Reinholdshain schafft einen wichtigen Schritt und bekommt einen neuen Gesellschafter.

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge