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Konzern nimmt Kita den Namen weg

Landkreis Meißen 20.09.2019
Die Kita Merschwitz muss sich umbenennen, weil eine Hamburger Firma es so will. Selbst Rolf Zuckowski gab ihr nach.

Wer viel Geld hat, gewinnt. Oder anders: ... mit dem legt man sich am besten nicht an. Im Namenstreit zwischen der Kita Merschwitz und der Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten hat sich der Konzern aus der Hansestadt durchgesetzt. Während der größte Kita-Träger Hamburgs, zu dem 187 Kindertagesstätten und 37 Schulen gehören, den Namen „Elbkinder“ behält, müssen die Merschwitzer ihn ablegen.

Im März dieses Jahres erhielt die Gemeinde Nünchritz ein erstes Schreiben aus Hamburg. Darin bat die Vereinigung, dass die Kita Merschwitz doch ihren Namen „Elbkinder“ ablegen soll. Kita-Leiterin Kathrin Schubert erinnert sich an die Wortwahl: „Sie war vernünftig, aber dennoch resolut.“ Daraufhin hatten Bürgermeister Gerd Barthold (CDU) und sie zurückgeschrieben und nachgefragt, ob denn die Umbenennung wirklich notwendig sei. Immerhin liegen per Luftlinie mehr als 300 Kilometer dazwischen. Eine Verwechslungsgefahr sei da nicht zu befürchten. Doch das sehen die Hamburger anders. In einem zweiten Schreiben wurde die Wortwahl deutlicher. Danach wurde die Kita Merschwitz aufgefordert, bis Mai ihren Namen zu ändern. Der Bürgermeister und die Kita-Leiterin entschieden, sich lieber nicht auf einen Rechtsstreit mit dem Giganten von der Waterkant einzulassen.

Wie die Sächsische Zeitung bei ihren Recherchen herausfand, besitzen die Kinder und Erzieherinnen der Kita Merschwitz einen prominenten Leidensgenossen. Es ist Rolf Zuckowski. Jedes Kind kennt den Hamburger Liedermacher, der mit „Wie schön, dass du geboren bist“ oder „In der Weihnachtsbäckerei“ das einzigartige Kunststück vollbracht hat, wahre Volkslieder zu erschaffen. Aber auch das half ihm nicht, sich im Namensstreit gegen den Konzern „Elbkinder“, der im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben knapp 390 Millionen Euro Umsatz gemacht hat, zu behaupten.

Dabei hatte Rolf Zuckowski den Begriff „Elbkinder“ mit seiner gleichnamigen CD, die am 21. Juli 2000 erschien, quasi erfunden. Der heute 72-Jährige tourte noch im gleichen Sommer mit Kinderchören von Hamburg bis Dresden an der Elbe entlang. Dabei machte er auch in Riesa und Meißen Station. Später gründete er den Verein „Elbkinderland“, der sich der musikalischen Förderung von Kindergruppen entlang der Elbe bis heute widmet.

Als Rolf Zuckowski davon erfuhr, dass die Vereinigung Hamburger Kindertagesstätte ihr verstaubtes Image loswerden möchte und sich die damals 5 000 Angestellten für den Namen „Elbkinder“ entschieden, befürchtete er Verwechslungen mit seinem Verein „Elbkinderland“ und legte sein Veto ein.

Ende November 2012 berichtete dann das Hamburger Abendblatt, dass Rolf Zuckowski und die Kita-Vereinigung ihren Streit um den Namen „Elbkinder“ beilegt haben. Beide Seiten einigten sich auf einen Koexistenzvertrag. Damit war der Weg für den Konzern, der mittlerweile rund 6 800 Mitarbeiter hat und mehr als 31 000 Kinder betreut, frei, sich ab dem 1. Januar 2013 den Namen „Elbkinder“ zu geben. 

Während Rolf Zuckowski den monatelangen Streit schnell vergessen hat – er schenkte allen 187 Kitas jeweils eine „Elbkinder“-CD und war auch im April 2019 zum 100. Jubiläum der Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten als Ehrengast eingeladen – gab es für die Merschwitzer keine Möglichkeit der „friedlichen Koexistenz“.

Im Oktober soll die Kita Merschwitz nun umbenannt werden. Sie erhält dann wieder ihren alten Namen „Aquarellius“. So hieß die Kita Merschwitz schon einmal, bevor sie ihr altes Domizil am Herrenhaus verließ, mit der Seußlitzer Kita „Bussibär“ zusammengelegt wurde und Ende 2011 in die ehemalige Merschwitzer Schule einzog. Damals hatten sich die Kinder unter mehreren Vorschlägen für den Namen „Elbkinder“ entschieden. Doch der ist nun Geschichte.

Der alte und neue Name „Aquarellius“ geht auf das gleichnamige Kinderbuch der österreichischen Autorin Friederike Mayerhofer zurück. Diesmal fragte die Gemeinde Nünchritz vorher nach, ob die Kita Merschwitz den Namen „Aquarellius“ benutzen darf. „Wir waren heilfroh, als die Zustimmung aus Wien kam“, sagt Bürgermeister Gerd Barthold.

Wie die Kita-Vereinigung aus dem großen Hamburg auf die Kindereinrichtung im kleinen Merschwitz gestoßen ist, bleibt unklar. Kathrin Schubert vermutet, dass die „Elbkinder“ aus Merschwitz Anfang des Jahres die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Denn da hatten sie es beim Deutschen Kita-Preis unter die besten 25 von rund 1 600 Einrichtungen geschafft. Die Merschwitzer Kita arbeitet mit einem offenen Konzept und versucht, Kinder naturnah und umweltbewusst zu erziehen. Das hatte der Jury gefallen – dem Konzern aus Hamburg nicht.

 

Von Jörg Richter

Foto: ©  Klaus-Dieter Brühl

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