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Kretschmer drängt: Chance auf Mikrochips nicht verbummeln

02.05.2022
Sachsens Ministerpräsident trifft sich in der Bosch-Fabrik mit seinem Innovationsbeirat. Dabei erfährt er, dass der "EU Chips Act" in Brüssel kaum vorankommt - doch Firmen in Sachsen warten darauf.

Von Georg Moeritz

Dresden. Sachsen kann mit neuen Investitionen von Mikroelektronik-Firmen rechnen, auch wenn der US-Konzern Intel sich für Magdeburg als Standort einer großen Chipfabrik entschieden hat. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte am Freitag nach einer Sitzung des Innovationsbeirats, die schon vorhandenen Unternehmen wollten auch wachsen.

Allerdings sei über das angekündigte Milliardenförderprogramm der Europäischen Union, den „EU Chips Act“, in Brüssel noch nicht endgültig entschieden worden. Das dürfe „nicht verbummelt“ werden. Die Unternehmen stehen laut Kretschmer „in den Startlöchern“, zumal Chips dringend benötigt würden – beispielsweise Leistungshalbleiter, wie sie Infineon in Dresden für die Energieversorgung herstellt.

Der Ministerpräsident bedauerte, dass Europa nicht so schnell wie Asien und die USA bei Bau- und Umweltgenehmigungen sei. Die Investoren müssten in Europa auch höhere Strom- und Lohnkosten tragen als anderswo. Dafür müsse „über die EU ein Stück weit“ Ausgleich bezahlt werden. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton hatte bei einem Dresden-Besuch im November der Halbleiter-Industrie hohe Subventionen versprochen.

Chance für Sachsen: Chips fürs Gesundheitswesen

Mit dem Chips Act will die EU nach früheren Angaben bis 2030 rund 45 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Geldern mobilisieren, um in innovative Halbleitertechnologien und den Aufbau modernster Chipfabriken zu investieren. Der EU-Anteil auf dem Weltmarkt für Chips soll auf 20 Prozent wachsen und damit verdoppelt werden. Dafür müsste sich die Produktion vervierfachen, da erwartet wird, dass sich der Markt bis 2030 verdoppelt.

Die Mikroelektronik gehört auch zu den zehn „Zukunftsmissionen“, die Sachsen nach Ansicht des Innovationsbeirats neue Chancen bieten. Zum Beirat gehören 17 Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft, darunter Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer und die ehemalige Bundesforschungsministerin Johanna Wanka.

Der Beiratsvorsitzende Wolfgang A. Herrmann, ehemaliger Präsident der Technischen Universität München, sprach von einer „Führungsrolle“ Sachsens in der Halbleiterbranche. Nach den Vorschlägen des Innovationsbeirats soll Sachsen sich beispielsweise um die Zusammenarbeit von Mikroelektronik und Gesundheitswesen kümmern, um für die Gesellschaft nützliche Technologien zur Diagnose und Therapie zu entwickeln.

Tipp: Viel nach Brüssel laufen, dort gibt es Geld

Herrmann lobte, die Sachsen wüssten bei Subventionen „immer, wo sie hinlangen müssen“. Die Landesregierung solle "möglichst viel nach Brüssel laufen und sagen, was man haben will". Kretschmers Amtsvorgänger Stanislaw Tillich (beide CDU) hatte viel Erfahrung in Brüssel gesammelt. Auch die Mikrochipfabrik von Bosch in Dresden, in der sich der Beirat am Freitag traf, ist mit Hilfe von Subventionen aufgebaut worden. Bosch stellt dort zunächst Chips für Elektrowerkzeuge her, wie sie in der älteren Fabrik des Konzerns in Sebnitz produziert werden. Vitrinen im Foyer der Dresdner Fabrik zeigen sowohl einen Akku-Bohrschrauber als auch Steuerungsmodule für Automobiltechnik.

Laut Kretschmer sind sächsische Unternehmen bereit, mit Investitionen bereits zu beginnen, sofern der vorzeitige Start nicht die erhoffte Förderung verhindere. Die Formalitäten aus Brüssel dürften den Investoren nicht die Lust nehmen, sagte Herrmann.

Der Innovationsbeirat soll Sachsen auch beim Strukturwandel in der Lausitz beraten. Kretschmer sagte auf Nachfrage, dabei gehe es aber nicht um die Ansiedlung von Mikrochipfabriken in den Braunkohlegebieten. „Wir werden nicht leichtfertig versuchen, Unternehmen an einen anderen Standort zu bringen“, sagte Kretschmer. Das vorhandene "Silicon Saxony", also die Region um Dresden mit Chipfabriken, Lieferanten und Forschern, habe ein "so gewaltiges Potenzial, dass sich weitere Dinge entwickeln werden".

Es gebe „noch Platz“ um die vorhandenen Chipfabriken. Ein so großes Industriegebiet wie in Magdeburg konnte Intel im Raum Dresden allerdings nicht angeboten werden. Kretschmer sagte, es sei Aufgabe von Regionalentwicklungsminister Thomas Schmidt (CDU), geeignete Flächen in Sachsen zu finden und zu entwickeln – den Kommunen fehle oft die Kraft dafür.

Lausitz hofft auf Zulieferbetriebe statt Chipfabriken

Die Lausitz habe die Chance auf Zulieferbetriebe im Zusammenhang mit dem Silicon Saxony sowie auf das angekündigte Großforschungszentrum, für das eine Kommission Vorschläge sichtet. Der Staat bemühe sich um bessere Bahnverbindungen und um Facharbeiternachwuchs, sagte Kretschmer.

Sachsen benötige jedes Jahr Zehntausende Fachkräfte von außerhalb sowie die Rückwanderung von weggezogenen jungen Sachsen, um sich weiter so gut zu entwickeln wie in den vergangenen drei Jahrzehnten. Wirtschaft, Medizin und Pflege benötigten Nachwuchs. Ukrainer dürften gerne hier arbeiten, aber es sei ein "Irrglaube", dass viele zum Arbeiten hergekommen seien. Geflüchtete Menschen wollten in der Regel bald zurück in ihre Heimat.

Am 10. Mai tagt die sächsische Landesregierung in Brüssel und will dabei auch mit Vertretern der Europäischen Union über die Mikrochip-Förderung sprechen. Der Innovationsbeirat Sachsen tagt im Oktober wieder und will dann auch über Möglichkeiten sprechen, mehr Fachkräfte für Sachsen zu gewinnen.

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