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Leben in Liebon

30.06.2020
Wer das Klima retten will, muss nicht gleich seinen Lebensstandard aufgeben. Es reicht, kleine Dinge zu ändern. Welche es sind, zeigt Andreas Reitmann in seinem Ökodorf.

Von Ines Mallek-Klein

Der Bauer von nebenan, er scheint schon infiziert vom Nachhaltigkeitsgedanken, den Andreas Reitmann von Liebon aus in die Welt tragen will. Mitten im Winter wächst die Rainfarn-Phazelie auf dem Feld, als Zwischenfrucht und Bienenweide mit ihren zart violetten Blüten. Das fördert die Artenvielfalt und ernährt das Vieh.

Die Felder, 65 Hektar waren es insgesamt, gehörten einst zu dem Gutshof, den der gebürtige Leverkusener Reitman 2011 gekauft hat. Da hatte der kleine Ort, der mitten in der Lausitz liegt, zwischen Kamenz und Bautzen, bereits eine mediale Weltkarriere hinter sich. Als Ebay-Dorf sorgte Liebon für Schlagzeilen, selbst japanische und australische Fernsehteams reisten an, um in dem Dorf zu drehen, das als Ganzes verkauft werden sollte. Bei 300.000 Euro lag das Startgebot auf der Auktionsplattform. Die Kinder der Eigentümer hatten die Idee zur Versteigerung. Sie zog es mit ihren mittlerweile betagten und auf medizinische Betreuung angewiesenen Eltern in eine deutlich urbanere Gegend. Auch Andreas Reitmann, der damals in Dresden lebte und für einen Solaranlagenbauer arbeitete, hatte von dem ungewöhnlichen Verkauf über das Internet gehört, der es in der 20-jährigen Ebay-Geschichte immerhin auf Platz zwei der ungewöhnlichsten Auktionen schaffte.

Reitmann reizte das Gehöft im Grünen, aber ernste Kaufabsichten gab es damals noch nicht. Als das Dorf zwei Jahre später immer noch zum Verkauf stand, fuhr er am Wochenende kurzerhand nach Liebon und traf die Alteigentümer. Sie lebten bescheiden und hatten weder die körperliche noch die finanzielle Kraft, das Gutshaus und die beiden angrenzenden Scheunen zu erhalten. Doch trotz des unübersehbaren Verfalls, "es war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Reitmann. Es gab eine weitere Versteigerung, diesmal ohne Ebay, und Reitmann bekam den Zuschlag, für 62.000 Euro - 2000 Euro über seinem selbst gesetzten Limit: "Aber die waren es wert."

Seitdem ist er der Mann, der ein ganzes Dorf gekauft hat. Nicht, um es zu besitzen, sondern um hier seinen Traum von einer besseren, einer nachhaltigeren Welt zu leben. Reitmann will nicht missionieren. Er will vorleben, wie regionale Wirtschaftskreisläufe funktionieren, wie Selbstversorgung und autarke Energieerzeugung ablaufen können. Im besten Fall finden sich Nachahmer, so seine Idee.

Jetzt kann er, während er am riesigen Küchentisch seinen frisch gebrühten Kaffee genießt, durch die bodentiefen Fenster seinen gut 35 Hühnern und Hähnen beim Scharren zusehen. Gerade streiten sie mit den acht Laufenten um die letzten Salatblätter. Und dann leben da noch zwei Hunde und ein knappes Dutzend Kamerunschafe auf dem Hof. Bald soll ein Truthahn dazukommen, und auch zwei Micro-schweinchen werden Zuflucht finden. Sie sollen Sissi und Napoleon heißen. Was Lola dazu sagen wird, wird man sehen. Die pechschwarze Hauskatze sitzt mauzend vor dem Fenster und hofft auf Einlass. Sie ist eine von elf Hofkatzen, aber nicht nur wegen ihrer imposanten Größe die unumstrittene Chefin.

Die Zahl der zweibeinigen Lieboner Einwohner ist mittlerweile auf 20 angewachsen. Neben Andreas Reitmann und seiner sechsköpfigen Familie leben 14 weitere Bewohner auf dem Hof. Manche sind gekommen, weil sie schnell eine bezahlbare Bleibe brauchten, andere, weil ihnen der Ökogedanke gefiel oder sie einfach die Abgeschiedenheit mögen. Eine Wohnung hat der Investor Reitmann noch zu vergeben. Es gibt Interessenten, doch die sind meist jüngeren Baujahres. "Und ich hätte dort gerne ein Paar 60 plus", so Reitmann, der hier, umgeben von Feldern und einer kleinen Hainbuchenallee, auch seinen Traum eines Mehrgenerationenhauses leben möchte.

Es klingt nach Nostalgie, nach der Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Aber die will der Rheinländer auf keinen Fall zurück. Das Leben damals war nicht schön. Die Leute arbeiteten hart, bis zu sieben Tage die Woche, lebten in zugigen Häusern und hatten nicht selten Mühe, sich vernünftig zu ernähren. "Wir müssen unseren Lebensstandard nicht aufgeben, um das Klima zu retten. Aber wir müssen etwas verändern", so der Investor. Und wie das gehen kann, will er in seinem Energiedorf zeigen.

Die Sonnenenergie ist ihm dabei die größte Hilfe. Und so liegen auf dem Dach des für 1,5 Millionen Euro sanierten Gutshauses keine Ziegel, sondern Solarpanele. Sie umschließen auch die Balkone und schmücken die nach Süden zeigende Hausfassade. "Wir decken hier rund 80 Prozent unseres Energiebedarfs aus der eigenen Anlage. Zur Sicherheit haben wir noch einen Vertrag mit einem Anbieter von grünem Strom", sagt Reitmann. Er hat den Strom- mit dem Wärmekreislauf gekoppelt. Die Sonne treibt nicht nur die Waschmaschinen an, sie bringt auch den Heizkreislauf auf Temperatur. Über eine App, die Andreas Reitmann gemeinsam mit einer befreundeten Firma entwickelt hat, kann er auf seinem Handy sehen, welchen Akkuladestand er hat, welche Temperatur es in welchem Heizkreislauf gibt und ob in der Mittagszeit Energieüberschüsse vorhanden sind, die für sonnenärmere Zeiten gespeichert werden können. Die Anlage war deutlich teuerer als eine normale Gasheizung. Das hat den meisten Banken nicht gefallen. Ein regionales Geldhaus zog sogar eine bereits mündlich gegebene Kreditzusage wieder kurzfristig zurück und brachte Reitmann damit in ernste Schwierigkeiten, gab es doch bereits Absprachen mit den Baufirmen. Doch bisher hat der gelernte Einkäufer die Banker immer wieder überzeugt. Denn er zahlt den Kredit nicht nur aus den Einnahmen für die Kaltmiete zurück. Er kann noch einen Teil der Warmmiete obendrauf packen, "schließlich bin ich hier selbst Produzent von Strom und Wärme", so Reitmann. Dass den Bankern zu erklären, sei allerdings ein langwieriger Prozess gewesen.

Auch beim Wasser kann Reitmann auf das Selbstversorgerprinzip bauen. Es gibt einen Brunnen, eine eigene Quelle, und das Regenwasser wird in einer Zisterne gesammelt. Das Wasser, so seine Vermutung, war auch der Grund, warum sich das Gut Liebon einst an genau dieser Stelle ansiedelte. Von den zwei Höfen ist einer in den 1960er-Jahren abgebrannt. Die verbliebenen Mauerreste sind von Efeu überwuchert. Daneben wachsen auf einer Streuobstwiese Apfelbäume, uralte Johannisbeerbüsche und ein Walnussbaum, der 2019 reiche Ernte einbrachte. Es gibt sogar einen Fischteich. "Wir könnten uns hier weitgehend selbst versorgen", sagt Andreas Reitmann. Die Eier, die die Hühner legen, landen in einer großen Box. Es gibt eine Kasse des Vertrauens, und die Bewohner können sich nehmen, was sie brauchen. Das klingt nach Kommune. Doch genau die will Andreas Reitmann nicht. Er will gleichberechtigte Partner, und die sucht er auch für sein neues Projekt.

In der Nordseite des Gehöftes sollen acht Ferienwohnungen und ein großer Raum für Schulungen oder Feiern entstehen. Andreas Reitmann plant ein Passivhaus, das ausschließlich mit der Kraft der Sonne beheizt wird. Deshalb wird auch hier wieder die gesamte Dachfläche mit Solarpanelen bedeckt sein. Im Inneren soll vor allem Holz verbaut werden. Geht es nach Reitmann, hätte die Sanierung längst begonnen. Doch noch ringt er mit den Hausbanken um die Finanzierung. Über Nachhaltigkeit zu reden, sei zwar modern. Dass die sich mittel- und langfristig sogar rechnet, daran glauben aber längst nicht alle Banker. "Die sehen in erster Linie die Mehrkosten und fordern Sicherheiten", so Reitmann. Die wird er auch brauchen, um den dritten und vorerst letzten Teil seiner Sanierungspläne umzusetzen. Im Südhaus soll eine Großküche einziehen. Reitmann will von hier aus Feriengäste und andere Besucher bewirten. Es wird eine Terrasse und einen Biergarten geben. Auf die Frage nach dem Eröffnungstermin nennt Andreas Reitmann 2032. Dann kann Liebon den 700. Jahrestag seiner urkundlichen Ersterwähnung feiern. "Es wäre schön, wenn bis dahin alles fertig ist", sagt der Mann, der ein ganzes Dorf gekauft hat.

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