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Leipziger Messe sieht nach Lockdown wieder Land

02.09.2022
Der Konzern verbucht ausgerechnet in der Pandemie seinen ersten Gewinn. Nicht die einzige Überraschung.

Von Michael Rothe

Rein betriebswirtschaftlich müssten es die Chefs der Leipziger Messe bedauern, dass der Corona-Lockdown vorüber ist. Ausgerechnet als die Hallen auf staatliches Geheiß 16 der 24 Monate geschlossen waren, hat der Konzern erstmals Gewinn gemacht: 2021 rund 5,7 Millionen Euro. „Aber das spiegelt nicht den Geschäftsverlauf wider“, relativiert Geschäftsführer Markus Geisenberger.

Normalerweise schreibt auch Sachsens Vorzeigemesse Millionenverluste, wie nahezu alle großen Branchenvertreter in Deutschland. Selbst unter dem Rekordjahr 2019 mit fast 100 Millionen Euro Umsatz stand ein Fehlbetrag von 4,9 Millionen Euro. Die schwarzen Zahlen seien Ausgleichszahlungen der Gesellschafter – hälftig der Freistaat und die Stadt Leipzig – von 34,3 Millionen Euro geschuldet, räumt Geisenberger ein. Ferner hätten 7,3 Millionen Euro vom Bund und Kurzarbeit durch die Pandemie geholfen. „Und kluges Sparen“, sagt der 54-Jährige.

Staatsbetrieb hat endlich Tarifvertrag

Trotz des Gewinns spricht er vom „schwierigsten Geschäftsjahr seit Bestehen 1991“, und natürlich seien er und Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung, froh, dass es seit dem Frühjahr wieder Präsenzveranstaltungen gibt – „und dass unsere Mannschaft noch an Bord ist“. Kein Arbeitsplatz sei abgebaut worden, sagt er. Überraschung für die 370 Beschäftigten: Sie können sich seit Juni über einen Haustarifvertrag freuen. Die Messe hatte zu 15 Frei-Staatsbetrieben ohne Regelungen zu Löhnen, Arbeitszeit- und bedingungen gehört. Geisenberger verneint jedoch eine Einflussnahme von Wirtschaftsminister und Aufsichtsratschef Martin Dulig (SPD).

Die Doppelspitze des Unternehmens, mit gut 850 Jahren eine der ältesten Messen der Welt, hatte die Presse zur ersten Nabelschau nach drei Jahren in ihren Denk- und Kreativraum Midea eingeladen. Dort werden zwischen Tischkicker und Schaukelsofa, auf unbequemen neongrünen Sitzwürfeln und mit modernster Technik innovative Messe-Konzepte geboren.

Es gebe eine wunderbare Botschaft, sagt Buhl-Wagner: „Menschen wollen sich wieder treffen.“ Zwei Jahre Pandemie hätten das Geschäftsmodell nicht infrage gestellt. Es werde nur immer mehr durch Digitalisierung bereichert. Seit Ende März habe es bereits 97 Veranstaltungen gegeben, und 168 seien bis zum Jahresende geplant. Im vergangenen Jahr habe es allenfalls halb so viele Kleinstevents gegeben – unterm Strich ein Konzerngeschäft von gerade mal 28,4 Millionen Euro.

Buchmesse soll zum Festival werden

Im Frühjahr seien Messen „mit Wucht wieder angelaufen“, sagt Buhl-Wagner. Mit den in diesem Jahr angepeilten über 60 Millionen Euro Umsatz werde aber noch nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht. Die „Monate des Berufsverbots“ seien die intensivsten überhaupt gewesen, so der 56-Jährige. Man habe die Zeit genutzt, das Neugeschäft voranzutreiben und das Portfolio durch Eigenentwicklungen und Zukäufe auszubauen. „Die Routinen waren weg, wir haben über alle Produkte geredet.“

Gleich zwei industrielle Leitmessen wurden akquiriert: Die „Paintexpo“, eine Schau für Lackiertechnik, hatte unter sächsische Ägide im April in Karlsruhe stattgefunden. Und mit der „Grindtec“ zieht der Branchentreff für Werkzeugbearbeitung von Augsburg nach Leipzig und ergänzt dort im März 2023 die „Intec“ und die „Z“.

Die „Therapie“ München komplettiert im November gleichnamige Veranstaltungen in Leipzig, Hamburg und Düsseldorf. Und mit dem Gamingevent „Caggtus“gibt es im nächsten April nach zwei an Konkurrenten verlorenen Messen den 3. Computerspiel-Anlauf. Anders als Gamesconvention und Dreamhack soll jene Eigenschöpfung von Dauer sein, so die Hoffnung. Immerhin bleibt das Internationale Transportforum mindestens bis 2027 in Leipzig. Dort fiebert die Öffentlichkeit nach wiederholter Absage vor allem dem Restart der Buchmesse 2023 entgegen – mit noch mehr Festivalcharakter, wie es heißt.

Ein großer Vorteil der Sachsen gegenüber den Wettbewerbern ist, dass der Konzern mit den fünf Töchtern als umfassender Dienstleister die gesamte Kette des Veranstaltungsgeschäfts abbilden kann: vom Standbau bis zur Verpflegung, zunehmend ergänzt durch digitale Komponenten.

Online-Tickets für Eintracht Frankfurt

Dank frühzeitiger Investitionen „haben wir auf dem Gelände 100 Gigabit redundant anliegen“, sagt Geschäftsführer Geisenberger. Das mache vieles möglich, auch TV-Studios, Livestreams, interaktive Event-Erlebnisse via App. Kunden und Besucher hätten das Unternehmen zum 8. Mal infolge zum deutschen Service-Champion in der Messebranche gekürt. Das hauseigene Ticketing-System sei zum Geschäftsmodell entwickelt worden und werde bundesweit vertrieben, sagt Geisenberger. So laufe jedes Ticket des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt über IT-Systeme der Messe. Seit kurzem seien auch die Ehrlich-Brothers mit ihrer Zauber-Erlebniswelt „House of Magic“ in Oberhausen Kunden, so der Manager.

Leipzigs Messe-Führung ist optimistisch – trotz drastisch gestiegener Energiekosten. Noch seien die Folgen nicht absehbar, heißt es. Bislang lagen die Temperaturen in den Messehallen laut Buhl-Wagner bei 20 Grad. „Ich würde sagen, da könnte man mit 19 leben“, sagt der Messechef. Er erwartet, dass es keine Corona-Einschränkungen für Messen und Kongresse mehr geben wird. Dann stünde 2023 auch der 2. Auflage der Hochzeitsmesse „Ja-Wort“, einem „Import aus Dresden, nichts im Weg. Und vielleicht ist der Name ihrer Fachschau für Nahrungsmittelhandwerk im Rück- und Ausblick bald auch Generalmotto der Leipziger: „Iss gut!“

 

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