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Lieber 16-Stunden-Tag im Osten als Jobsuche im Westen

Dresden 10.10.2019
Der Sachse Gerd Engel ging 1989 nach Bayern. Dann hatte er Abenteuerlust und gründete in Dresden die Firma H+E.

Es beginnt mit ganz feinem, hellgrauem Pulver. Die winzigen Metallkörner liegen in einem Kasten, an dessen Oberseite ein Lasergerät hängt. Zoomt man weiter heraus, sieht man einen mannsgroßen Metallkasten, einen 3D-Metalldrucker, der aus dem Pulver Metallteile bauen soll. Und noch einen Schritt weiter weg zeigt sich das Unternehmen, das sich im Metall-3D-Druck als Technologieführer sieht: die H+E Produktentwicklung im Moritzburger Stadtteil Boxdorf. Aufgebaut hat die Firma ein Rückkehrer: Gerd Engel, kurz vor der Wende 1989 aus Dresden in den Westen gegangen, sechs Jahre später zurückgekommen mit einem Netzwerk in Bayern im Rücken, das er in kürzester Zeit geknüpft hatte.

H+E entwickelt Bauteile wie Düsen, Turbinen oder Verteilerelemente für Maschinen oder gleich ganze Geräte für viele Branchen. Das Unternehmen will Experte für Gerätetechnik, Luft- und Raumfahrt, Werkzeugbau und Haushaltstechnik sein. Plant etwa ein Werkzeughersteller, ein neues Gerät auf den Markt zu bringen, legt er fest, welche Eigenschaften es haben soll. Mit diesen Vorgaben kommen Unternehmen zu H+E. Dort überlegen dann Ingenieure, Materialforscher und Techniker, welches Material am besten geeignet ist, welche Form ein Teil haben muss, damit es gut funktioniert – und sie müssen beachten, dass der Hersteller es auch tatsächlich auf seinen Maschinen produzieren kann. H+E entwickelte zum Beispiel Teile für die Papiermaschinen des Herstellers Pama, über die laut Engel unter anderem Euroscheine laufen.

Viel verspricht sich Engel dabei vom Metall-3D-Druck. Vor allem bei Entwicklungen für den Maschinenbau und in der Medizintechnik nutzt H+E dieses Verfahren. Rund ein Viertel des Umsatzes von jährlich 3 bis 3,5 Millionen Euro macht das Unternehmen mit Druckarbeiten. Gefragt aus dem 3D-Drucker sind Verteiler, ein Kunde bestellte etwa Sirup-Einspritzer für Eismaschinen.

Ein Entschluss und viele Kontakte

„Wir können damit Dinge konstruieren, die mit anderen Methoden undenkbar oder sehr viel schwieriger sind“, sagt Gründer Engel. „Oft sind es gar keine neuen Funktionen, die die Teile damit erfüllen, es braucht aber viel weniger Arbeitsschritte“. Kugelgelenke, die aus mehreren ineinandergesteckten Teilen bestehen, können so in einem Guss aus dem Pulver produziert werden. Konstrukteure können so mit neuen „Geometrien“ planen, wie es im Branchensprech heißt – „und weil unser Unternehmen schon immer eng mit dem 3D-Druck verbunden war, haben wir viel Erfahrung damit“, so Engel. Die kommt auch aus Forschungskooperationen: Mit der TU Dresden hat H+E ein Metall-3D-gedrucktes Kieferimplantat entwickelt.

Die Geschichte des heute 40 Mitarbeiter starken Unternehmens in Boxdorf beginnt mit einem Entschluss vor ziemlich genau 30 Jahren – und mit den Beziehungen, die Engel danach knüpfen konnte. Im Oktober 1989 verließ er mit seiner Familie die DDR. Unter der Vorgabe, nach Ungarn in den Urlaub zu fahren, gelangte die Familie von dort über die offene Grenze nach Österreich und weiter in die Bundesrepublik. Nach der Ankunft dort fand Engel, der Maschinenbau an der Dresdner TU studiert hat, eine Anstellung als Konstrukteur beim Kunststoffhersteller Mitras in Weiden in der Oberpfalz. Nach wenigen Jahren übernahm er die Leitung der zehnköpfigen Entwicklungsabteilung. Dort bemerkte er aber, dass das ein Job ohne lange Zukunft sein könnte: Viele Unternehmen hatten Abteilungen wie seine damals ausgegliedert. Dem wollte Engel zuvorkommen.

Er gründete die Hofmann und Engel Produktentwicklung. Der gewählte Firmensitz: Dresden. Engel kehrte 1995, sechs Jahre nach seinem Weggang, zurück. Hier hatte er nach wie vor Familie und Freunde, „und ein bisschen Abenteuerlust im unbekannten Geschäftsumfeld war auch dabei“, sagt er. Allerdings musste er auch Entbehrungen hinnehmen. „In den ersten zwei Jahren hatte ich 16-Stunden-Arbeitstage, habe wirklich manchmal in der Firma geschlafen“, sagt Engel. Kinder und Frau blieben erstmal in Bayern. Die Kinder kamen später nach und leben heute auch in Dresden. Die Beziehung zu seiner Frau ist an der Rückkehr gescheitert.

Produktpalette wird immer mehr erweitert

Bei der Gründung waren als Mitgesellschafter die Brüder Hofmann dabei, Geschäftspartner aus Bayern. Einer der beiden produzierte Werkzeuge, der andere fertigte Protoypen und Kleinserien neuer Entwicklungen. Engels Firma schien da die richtige Ergänzung zu sein, um ein Produkt von der Entwicklung bis zur Marktreife zu bringen. Aus dem Umfeld der Hofmann-Brüder stammt auch die Nähe zum Metall-3D-Druck. Um die Jahrtausendwende wurde dort an dem Verfahren geforscht, das H+E heute verwendet. Dabei wird feinkörniges Metallpulver auf eine Platte geschoben und dort mit einem Laser an den gewünschten Stellen zusammengeschweißt. Die so entstandene Form wird dann auf der Platte Stück für Stück abgelassen und immer wieder mit Pulver bedeckt, das der Laser dann schichtweise fixiert.

Die Leitung des Unternehmens hat Engel 2015 an drei seiner Mitarbeiter abgegeben. Die heutige Chefin Stephanie Frohberg hat den Einsatzbereich der 3D-Druck-Maschinen bei H+E erweitert. Sie stellen nicht mehr nur Maschinenteile her, sondern inzwischen auch Luxus-Griffe und -Klinken für Türen in Jachten, die H+E unter der Marke Edelschmied verkauft.

Als Engel vor 25 Jahren zurück nach Dresden wollte, bestärkten ihn seine Geschäftspartner: „Wenn es Sachsen nicht schafft, schafft es der ganze Osten nicht.“ Was würde Engel heute sagen, hat es Sachsen geschafft? „Eigentlich ja“, sagt er. Doch es könnte sich noch etwas verbessern: Engel wünscht sich mehr Hauptsitze von Unternehmen in Sachsen und nicht nur „verlängerte Werkbänke. Dass Engels Netzwerk im Westen liegt, merkt auch H+E: „Sicher 98 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Westen“, sagt er. Und etwas vermisst er in Sachsen: Mehr Zusammenhalt: „Gerade in Bayern und Baden-Württemberg vergeben Unternehmen Aufträge verlässlich untereinander und haben gemeinsame Projekte“, sagt Engel. In Sachsen erlebe er größeres Misstrauen. Trotzdem: Engel würde alles wieder so machen, auch wenn er selbst sagt: „Das sagt sich natürlich nur im Nachhinein so leicht, wenn man Erfolg hatte“.

 

Von Julius G. Fiedler

Foto: © Sven Ellger

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