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"Meissen wäre ins Ausland gegangen"

09.07.2020
Manufaktur-Chef Tillmann Blaschke verteidigt den Verbleib des Unternehmens im Staatsbesitz.

Von Peter Anderson 

Meißen. Was hat Manufaktur-Geschäftsführer Tillmann Blaschke eigentlich am 1. Juli 1990, dem Datum der Währungsunion,  gemacht? So genau wisse er das nicht, sagt der 57-Jährige in einem Gespräch für eine Beitragsreihe des Bundesministeriums der Finanzen unter der Überschrift "Für die Zukunft erinnern"

Fakt ist: Einen Draht in den Osten Deutschlands hatte er damals bereits. Sein Professor organisierte ihm als Wissenschaftlichem Mitarbeiter an der Universität Frankfurt am Main einen Lehrauftrag in den angehenden neuen Bundesländern. Es galt, die Leipziger Studenten von der marxistischen Ökonomie auf die Lehren des Westens umzuschulen. "Eine ganz spannende Zeit", sagt Blaschke. Später arbeitete er in gehobenen Positionen beim Chip-Entwickler und -Hersteller AMD in Dresden. Nach dem Weggang des gescheiterten Globalisierers Christian Kurtzke zeichnet er in vorderster Reihe für die Zukunft des Weißen Goldes aus Sachsen verantwortlich.

Mit der Villa Meissen in Mailand wollte der Ex-Chef der Manufaktur, Christian Kurtzke, ein Schaufenster für den von ihm und Kurt Biedenkopf konzipierten weltweit führenden deutschen Luxuskonzern schaffen. Der Plan scheiterte an der Finanzierung und Qualit
Mit der Villa Meissen in Mailand wollte der Ex-Chef der Manufaktur, Christian Kurtzke, ein Schaufenster für den von ihm und Kurt Biedenkopf konzipierten weltweit führenden deutschen Luxuskonzern schaffen. Der Plan scheiterte an der Finanzierung und Qualit © Foto: Thomas Gasparini

"Meissen war  eines der wenigen Unternehmen, das zu DDR-Zeiten sehr, sehr gut funktioniert hat", rekapituliert der Manager in Bezug auf die Währungsunion. Die Manufaktur zählte zu den wichtigsten Devisenbringern des Arbeiter- und Bauernstaates. Das Weiße Gold aus Sachsen war begehrt, weltweit. Er denke, diese Erfolgsgeschichte habe die Entscheider bewogen, Meissen fortzuführen und nicht auf das Notwendigste herunterzustutzen, so wie es vielen Unternehmen unter der Ägide der Treuhand erging.

In der Folge wurde der Versuch unternommen, in den damaligen Strukturen weiterzuarbeiten. "Ich würde sogar sagen, dass es eine gute Entscheidung war, das Unternehmen in der schützenden Hand des Landes Sachsen zu belassen", sagt Blaschke. Nur so sei  sichergestellt worden, dass es in dem sich später entwickelnden schwierigen Marktumfeld bewahrt wurde. 

Riesiges Lager aufgelöst

Seine Einschätzung in einem Gespräch mit der SZ über die seit der Wende vergangene Zeit: Über drei Jahrzehnte hinweg seien die Prognosen größtenteils zu optimistisch ausgefallen und regelmäßig von der tatsächlichen Lage auf dem Porzellanmarkt überholt worden. 

Tatsächlich bildete die  Währungsunion mindestens in zweifacher Hinsicht eine Zäsur für die Manufaktur: So musste das riesige Lager des in Westdeutschland tätigen Meissener Generalvertriebs Bock - einer Salamander-Tochter - aufgelöst werden. Das dort eingelagerte Porzellan im Wert von zwölf Millionen DM erhöhte die Lagerbestände des Mutterunternehmens. Ende der 1990er Jahre ging nach dem Zusammengehen von Hertie und Karstadt nochmals Meissener im Wert von vier Millionen DM aus Hertie-Beständen ins Triebischtal zurück. Ein Teil dieser Ladenhüter dürfte beim sogenannten Polterabend 2010 entsorgt worden sein.

Dass kaum noch umfangreiche Services gekauft werden, da es immer weniger Großfamilien mit der bürgerlichen Esskultur des 20. Jahrhunderts gibt, ist ein weiterer, in der Vergangenheit schon häufig angeführter Grund für den Niedergang der Branche. Hinzu kommt der rasante Zuwachs an Porzellan-Importen aus China. Die chinesische Marktmacht ist wesentlich verantwortlich für die zahlreichen Insolvenzen, welche die Branche in den vergangenen Jahren registrieren musste. Das Sterben der Fachgeschäfte in den Innenstädten bildet einen zusätzlichen Faktor.

Produktion ausgelagert

Der Unternehmenschef kennt die Hintergründe auch aus europäischer Perspektive. Diese fällt ähnlich negativ aus wie das deutsche Bild. Seit vergangenem Jahr steht Blaschke dem europäischen Branchenverband FEPF vor und vertritt dessen Interessen. Vor dem europäischen und branchenspezifischen Hintergrund stellt er sich die Frage, was mit dem Kulturerbe passiert wäre, wenn es privatisiert worden wäre. "Was hätte ein Privater mit diesem Unternehmen getan. Er hätte das Allerbeste erhalten. Gewiss nicht seine Energie in das Bewahren und Schützen und Entwickeln des Kulturguts gesteckt", so der Meissen-Chef.

Mit dem Unternehmen in Privathand wären verschiedene Szenarien vorstellbar gewesen, so Blaschke. Die Marke hätte vielleicht irgendwann zum Verkauf gestanden. Wäre das Unternehmen in einem Konzern aufgegangen, sei denkbar, dass dieser nur Teile verwertet oder Zweige der Produktion ins Ausland verlagert hätte.

Dass diese Szenarien nicht an den Haaren herbeigezogen sind, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Die German Brands Gruppe aus Walldorf bei Mannheim kündigte 2014 an, den Wachstumskurs der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen mit einer hohen Summe unterstützen zu wollen. Wegen Insolvenzverschleppung steht aktuell ein Gerichtstermin gegen German-Brands-Manager Uwe Freund an. 

In der Fliesenbranche gibt es ein zweites Beispiel. Der polnische Fliesen- und Sanitärkeramik-Hersteller Cersanit verkündete im März vergangenen Jahres, die Produktion in Meißen einzustellen.  Rund 100 Mitarbeiter verloren ihren Job. Die Marke Meissen Keramik existiert nach wie vor, allerdings ohne Produktionsstätte in der namensgebenden Stadt. 

Für die Zukunft zeigt sich Blaschke  optimistisch: "Corona wird weggehen. Wir werden alle daraus gelernt haben", sagt er. Mit der Wende sei diese Herausforderung nicht vergleichbar.

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