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Mensch, ärgere dich nicht!

23.05.2022
Oft ärgern wir uns über Dinge, die wir ohnehin nicht ändern können. Das lässt sich aber abstellen, sagt Alexander Groth.

Termindruck im Büro oder anstrengende Teenager zu Hause: Das Leben ist manchmal ganz schön stressig. Auch wenn sich daran zunächst wenig ändern lässt – jeder hat es selbst in der Hand, wie sehr Stress, Ärger und Unzufriedenheit ihn beeinflussen, sagt Alexander Groth, Buchautor und Redner für Führungskräfte. „Es kommt auf die eigene Wahrnehmung an. Und an der kann man arbeiten.“ Seit Jahren treibt ihn  die Frage nach einem guten Leben um. Wie lernt man also, gelassener zu werden? Und hilft es nicht manchmal, einfach mal zu jammern? Am 24. Mai spricht Alexander Groth in Dresden.

Herr Groth, worüber haben Sie sich das letzte Mal so richtig geärgert?

Ich habe zu Hause ein Voll-Pubertier und ein Halb-Pubertier, da gibt es schon öfters mal Grund, sich zu ärgern. Man sagt dem Sohn dreimal, er soll den Müll mit rausnehmen, stellt ihn sogar mitten in die Ausgangstür, und das Pubertier steigt geistig abwesend entspannt drüber. Das aber regelmäßig. Auch Lichtschalter haben für Pubertiere nur eine Funktion: an. Eltern kennen das. Früher habe ich mich auch über solche Sachen richtig stark geärgert. Heute bin ich dank der Einsichten, die ich auch im Vortrag vermittle, ein vergleichsweise entspannter Mensch geworden.

Warum ärgern wir uns über Dinge, die wir ohnehin nicht ändern können?

Der Stoiker Epiktet sagt: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“ Wir stellen Regeln auf, wie die Welt zu funktionieren hat und wenn sie das nicht tut, ärgern wir uns. Es ergibt aber keinen Sinn, sich über etwas zu ärgern, das man nicht ändern kann oder will. In der Corona-Zeit haben sich sehr viele Menschen über die Auflagen geärgert, die vorgegeben wurden. Ich empfand einige auch an der Grenze zum Schwachsinn, habe mich aber tatsächlich nicht geärgert. Den Politikern in Berlin ist es nämlich völlig egal, ob ich oder jemand anderes sich ärgert. Man ändert nichts, gerät aber in eine sehr niedrige negative Schwingung, unter der man selbst und andere leiden.

Wie werden wir gelassener?

Buddha sagt: „Sich zu ärgern, ist, wie Gift zu trinken und zu hoffen, dass der andere stirbt.“ Ärger ist eine sehr negative Energie im Körper, wenn man ihn nicht konstruktiv nutzt, um etwas zu verändern. Zu unterscheiden sind der Einflussbereich und der Interessenbereich. Alles im Einflussbereich können wir ändern, also unser Jobumfeld, Familie, Verein. Anders ist es im Interessenbereich. Die Dinge interessieren uns, aber wir können sie nicht beeinflussen, etwa die Bundespolitik. Sich über diese Dinge zu ärgern,
produziert schwarze Gedanken, hat aber sonst keine Wirkung. Oder wie Mark Aurel sagt: „Auf Dauer nimmt die Seele die Farben der Gedanken an.“

Woher kommt diese häufige Unzufriedenheit?

Ein Grund sind unsere hohen Erwartungen an uns selbst. Es gibt eine Milliarden-Industrie, die uns immerzu suggeriert: Du kannst alles erreichen! Die Botschaft lautet: „Entwickle dich beruflich weiter, leiste Großartiges, mach dein Ding. Komm groß raus. Du kannst auch eine tolle Familie haben. Natürlich musst du auch deine Freundschaften pflegen und deinen Body fit halten. Vergiss auch nicht, anspruchsvolle Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen und ehrenamtlich aktiv zu sein.“ Man erhält den Eindruck, das alles ließe sich miteinander verbinden, und man könne in all diesen Lebensbereichen erfolgreich sein. Tatsächlich geht das nicht. Ich möchte zeigen, was realistisch erreichbar ist.

Oft hört man den Satz „Du musst das nur positiv sehen“. Was aber, wenn das einfach nicht funktioniert?

Das Leben besteht nicht nur darin, alles rosa oder positiv zu sehen. Wir Menschen benötigen auch Phasen des Leides, um innerlich zu reifen. Wenn im Leben alles gerade super läuft, der Job, die Beziehung und sogar die Kinder, warum sollte man sich dann verändern? Tatsächlich machen wir fast nur in Krisen menschliche Entwicklungssprünge.

Warum ist das so?

Im Nachhinein erkennen wir meist, was es uns gebracht hat und wollen das nicht mehr missen. Während wir in dieser Phase sind, sehen wir aber leider oft nicht, wohin es uns führen wird. Vielleicht könnte das Positive darin bestehen, die Dinge mehr anzunehmen und darauf zu vertrauen, dass alles später einmal einen Sinn ergibt.

Gefühlt klagt jeder über zu viel Stress.Jammern wir zu schnell und zu viel?

Jammern hilft bis zu einem gewissen Grad. Es entlastet. Andererseits macht es uns passiv und hält uns davon ab, die Initiative zu ergreifen. Ich finde es, gelegentlich betrieben, nicht so schlimm. Das mit dem Stress ist tatsächlich ein größeres Problem. Ein Mensch muss heute pro Jahr die Menge an Reizen verarbeiten, die man in Goethes Zeiten im ganzen Leben hatte. Die Taktung und Geschwindigkeit nimmt zu. Gleichzeitig nimmt die ruhige Zeit für ein gutes Gespräch oder die Naturerlebnisse ab. Wir werden tatsächlich immer hektischer.

Was lässt sich dagegen tun?

Man kann dem Stress nicht entkommen. Es gibt immer Baustellen im Leben: Ärger im Job, Beziehungsstress, die eigenen Kinder schreiben schlechte Noten in der Schule, ein Elternteil wird krank oder sonst irgendetwas. Man kann versuchen, die Probleme aus der Welt zu schaffen, aber man kann nicht vermeiden, dass sie auftreten. Das Einzige, woran man sehr sinnvoll arbeiten kann, ist die eigene Einstellung zu den Dingen, die passieren. Das Gute ist, man muss im Außen gar nicht so viel verändern, sondern nur im Kopf. Mit der Veränderung
der Wahrnehmung kann man tatsächlich deutlich gelassener und glücklicher werden.

Sie sprechen auch von sogenannten Wahrnehmungsfiltern. Was hat es damit auf sich?

Ein Wahrnehmungsfilter bestimmt, wie wir die Realität erleben, was wir wahrnehmen und was nicht. Man kann etwas vereinfacht drei Filter unterscheiden: Es gibt den neuronalen Filter, den kulturellen Filter und den individuellen Filter. Der heftigste ist der neuronale Filter. Er begrenzt unsere Wahrnehmung und nimmt ganz vieles raus. Wie stark dieser neuronale Filter ist, zeige ich in meinem Vortrag anhand eines Beispiels. Es ist verblüffend.

Kann jeder die Filter beeinflussen?

Man kann an den Filtern arbeiten. Den individuellen stellen wir sowieso dauernd neu ein. Wenn Sie zum Beispiel selbst schwanger sind, sehen Sie überall Schwangere oder Eltern mit Kinderwagen. Es gibt Möglichkeiten, wie man die Filter verändern kann. Dafür muss man sich aber erst einmal bewusst machen, wie wir Tag für Tag unbewusst die Realität interpretieren.

Zum Beispiel?

Ein Kollege hat mal in einem Luxushotel in Paris eingecheckt. Neben ihm schrie ein Mann den Rezeptionisten an: „Sie machen mir meinen ganzen Urlaub kaputt.“ Der Grund war, dass er kein Zimmer mit Blick auf den Eiffelturm bekommen konnte. Das ist dann die tatsächliche Realität dieses Mannes.

Wären manche Menschen glücklicher, wenn sie materiell abgesichert wären?

Nein, das glauben wir zwar, aber tatsächlich spielt Geld eine viel kleinere Bedeutung. Nur wirklich arme Menschen werden durch Geld deutlich glücklicher. Ab einem bestimmten Einkommen passiert aber fas gar nichts mehr bezüglich des Glücksempfindens. Da werden andere Sachen viel wichtiger. Es ist schade, dass nur wenige Menschen die aktuelle Glücksforschung kennen und was sie über ein gutes Leben aussagt. Mehrere langjährige Freunde zu haben, macht zum Beispiel glücklich.

Sie sprechen in der Regel vor Führungskräften. Nun über Wahrnehmung. Wie passt das zusammen?

Meine Zielgruppe der Manager hat Spaß am Job, und sie sind erfolgreich. Gleichzeitig zahlen sie einen hohen Preis, indem sie viel Stress und Ärger haben. Wenn man damit gelassen umgehen kann, ist man eine bessere Führungskraft und auch ein Vorbild für andere.

Das Gespräch führte Kornelia Noack.

Alexander Groth spricht am Dienstag, dem 24. Mai, in der Reihe „Erfolgsmacher“ um 19.30 Uhr im Ostra-Dome in Dresden zum Thema „Bewusste Wahrnehmung – Die Eigenverantwortung Ihrer Emotionszustände“.

Präsenzkarten kosten 49 Euro, die Onlineteilnahme 39 Euro.

Tickets gibt es unter 02561 9792888 oder info@sprecherhaus.de
oder unter www.sz-link.de/Erfolgsmacher

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