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Millionenauftrag für SBS Bühnentechnik im Kreml

25.06.2020
Die Dresdner sanieren Technik und Steuerung von einer der größten Spielstätten für Unterhaltung und Politik.

Von Michael Rothe 

Dieser Millionenjob in Moskau sei „ein Geschenk des Himmels“, heißt es bei der SBS Bühnentechnik GmbH in Dresden. Zum einen helfe der Auftrag über die schwere Corona-Zeit. Andererseits sei der staatliche Kreml-Palast wegen seines einzigartigen Standorts und seiner Akustik einer der prestigeträchtigsten Konzertsäle Russlands und die rund 450 Quadratmeter große Bühne eine der größten Europas, sagt SBS-Chef Christian Freimüller zur SZ.

Der staatliche Kreml-Palast, ein Prachtbau aus weißem Marmor und besser bekannt unter seinem früheren Namen „Kreml-Kongress-Palast“, wurde 1960/61 als jüngstes Bauwerk auf dem Kreml-Gelände erbaut. Über fast drei Jahrzehnte war der 6.000 Plätze fassende Hauptsaal Schauplatz von Parteitagen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Außer zu politischen Veranstaltungen wurde die Bühne auch für Konzerte, Ballett-Aufführungen des Bolschoi-Theaters und Weltmeisterschaften im Schach genutzt - und zur Auslosung der Fußball-WM 2018 in Russland. Viele Weltstars haben dort Konzerte gegeben: darunter Ray Charles, Sting, Elton John, Bryan Adams, Tina Turner, Eric Clapton, die Scorpions und am häufigsten Modern Talking.

SBS hat schon namhafte Spielstätten in Europa, Asien und Arabien ausgestattet – mit Ober- und Untermaschinerie, mit Steuerungstechnik - darunter die Royal Opera in London, das Chinesische Nationaltheater in Peking, das Royal Opera House in Muscat. Der Wahlspruch der Dresdner: „Sie machen die Kunst. Wir machen die Technik.“

Seit dem Jahr 2000 hat die Bühnentechnik in Europa und Asien rund 300 Projekte verwirklicht. Sie zählt damit weltweit zu den Top-3 der Spezialisten für Bühnenmaschinerien. „Nur Ihre Fantasie setzt unserer Technik Grenzen“, behauptet das Unternehmen selbstbewusst auf seiner Website. Dabei ist der jüngste Job in Wladimir Putins Machtzentrum „technisch eher Routine“, sagt Geschäftsführer Freimüller. Da sei die umfangreiche Generalsanierung im Nationaltheater von Taipeh weit anspruchsvoller gewesen. Außerdem kennen sich die Dresdner mit den Anlagen in Moskau aus, hatten sie doch schon 2006 die erste Sanierung der in die Jahre gekommenen Obermaschinerie und der Automatisierungstechnik durchgeführt. „Dann spielten wir viele Jahre mit“, sagt Freimüller. 2018 kam der Folgeauftrag: Erneuerung wichtiger Maschinenantriebe und Integration in die Steuerungstechnik. Ende 2019 fanden schließlich Verhandlungen statt, die Orchesterpodien zu erneuern.

Im Saal des staatlichen Kreml-Palastes finden 6.000 Zuschauer Platz.
Im Saal des staatlichen Kreml-Palastes finden 6.000 Zuschauer Platz. © dpa PA/Tass/Mikhail Metzel

Doch dann war Ruhe, Corona in Deutschland wie in Russland. SBS hatte den kommenden Wochen mit wenig Hoffnung entgegengesehen. In Deutschland und in den Nachbarländern tut sich nichts. In der vergangenen Woche kam dann der erlösende Anruf aus Moskau: Es geht los. Unter anderem sollen im Orchestergraben acht separat hoch- und herunterfahrbare Podien installiert und in die SBS-eigene Steuerungstechnik eingebunden werden. „Bis zum Frühjahr werden wir die Teile liefern und sie dann in etwa vier Wochen vor Ort zusammenbauen“, beschreibt Freimüller den Ablauf. Die Inbetriebnahme sei im nächsten Sommer geplant. Die Zuschauer würden die Arbeit der Sachsen nicht zu sehen bekommen, „sondern nur merken, dass alles wieder zuverlässig läuft“, sagt Christian Freimüller, der den Chefposten von seinem Vater Manfred übernommen hatte.

Das familiengeführte Unternehmen kann sich auf eine über 140-jährige Tradition stützen. Es hat seine Wurzeln in der 1874 gegründeten Firma Kelle & Hildebrandt. Zu den Großaufträgen um 1900 gehörten die Dachkonstruktion der Dresdner Kreuzkirche, Arbeiten für das Königliche Hoftheater und später für die Semperoper. Im Zweiten Weltkrieg baute das Werk im Dresdner Osten auch U-Boot-Rümpfe. Es folgten Demontage, Enteignung und Wiederaufbau. Zu DDR-Zeiten war der Betrieb Teil des Takraf-Kombinats.

Neben der Bühnentechnik gehören ein Maschinenbauzulieferer, ein konzerninterner Dienstleister und eine Immobilienfirma zur Firmengruppe mit rund 180 Beschäftigten. Doch den Löwenanteil am Konzernumsatz erwirtschaften die knapp 80 Mitarbeiter der Bühnentechnik. Ihr Projektgeschäft in einem Nischenmarkt ist starken Schwankungen unterworfen und brachte zuletzt etwa 23 Millionen Euro ein.

„Der Auftrag im Kreml ist für uns ein wirklich unerwartetes, starkes Zeichen, dass auch das internationale Geschäft wieder anspringt“, sagt der Firmenchef. Durch Corona habe es punktuell Probleme gegeben - ausgerechnet im chinesischen Wuhan, wo die Pandemie ihren Anfang nahm. Dort sollte in diesen Tagen eigentlich das Qintai Grand Theatre übergeben werden, doch die Dresdner mussten ihre Arbeiten unterbrechen. „Bislang haben wir nur die Teile geliefert“, sagt Freimüller. Denn wegen der Einreisebeschränkungen kämen die Monteure nicht ins Land, um sie zusammenzubauen. „Jetzt hoffen wir auf den Herbst, auch weil die Chinesen selbst vor Ort wieder arbeiten“, so der Firmenchef.

Zudem gebe es Probleme, weil Lieferanten in Kurzarbeit seien. „Aber im Großen und Ganzen läuft die Abwicklung unserer Auslandsprojekte, kommen wir besser als andere Maschinenbauer und ohne Kurzarbeit durch die Krise“, sagt Freimüller. Die meisten Projekte liefen derzeit und weitgehend ungestört in Deutschland, etwa in Berlin, Bonn, Bochum und Erfurt.

Deutschland und andere EU-Länder haben umfangreiche Projekte zur Förderung von Kultur nach dem Ende von Corona aufgelegt. Die Dresdner Bühnentechniker sehen der Zukunft daher mit großer Erwartung entgegen. Zwar wird die Verteilung der Bundesmittel auf Länder und Städte Zeit in Anspruch nehmen, aber ein starker Neustart ausgangs des Sommers scheint möglich.

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