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Mit „Odysseus“ in ein neues Zeitalter

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 31.10.2019
A. Lange & Söhne stellten vor 25 Jahren ihr erstes neues Uhren-Modell vor. Jetzt wird der Glashütter Luxusuhrenhersteller sportlich.

Anthony de Haas ist Chefentwickler bei A. Lange & Söhne und hält sein neuestes Produkt in der Hand. Seit 2004 leitet der Niederländer die 55-köpfige Entwicklungsabteilung des Glashütter Unternehmens und brachte mechanische Uhren wie die „Lange 31“ mit einer Gangdauer von 31 Tagen, die „Zeitwerk“ und die „Grand Complication“ auf den Markt. Fünf Modellfamilien bot die Luxusmarke bisher an. Jetzt ist die erste Kreation der sechsten Modellfamilie fertig. Die heißt „Odysseus“ und verfolgt nach den Worten von de Haas ein völlig neues Konzept, das sich jedoch in die Tradition des Hauses einfüge.

Schon als er nach Glashütte kam, habe es die ersten Ideen dafür gegeben; in den vergangenen zehn Jahren hätten Hunderte von Entwürfen vorgelegen, die meisten wurden verworfen. Erst nach vier Jahren intensiver Arbeit war sich der Chefentwickler Anfang 2019 sicher, dass er dieses sportlich-elegante Modell mit Automatikuhrwerk und dunkelblauem Zifferblatt präsentieren kann. 

Bis auf wenige Ausnahmen gibt es die Uhren von Lange nur in Gold oder Platin. Erstmals kommt nun ein Modell mit Edelstahlgehäuse und Stahlarmband auf den Markt. Das wasserdichte Gehäuse samt verschraubter Krone könne einen Druck von 12 bar aushalten, sagt de Haas. Der Kaufpreis liegt bei 28.000 Euro.

„Wir haben mit diesem etwas robusteren Modell auf den Wunsch vieler unserer Kunden reagiert, die ihre ,Lange‘ beim Sport oder beim Spielen mit den Kindern nicht ablegen möchten. Sie passt zum Anzug genauso wie zur Jeans“, sagt Geschäftsführer Wilhelm Schmid. Zudem sei das 25-jährige Jubiläum der Präsentation des ersten neuen Modells, der Lange 1, ein guter Anlass, die Innovationsfähigkeit des Hauses erneut unter Beweis zu stellen. Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass die Glashütter zuletzt mit der „Zeitwerk“ eine neue Uhrenfamilie vorstellten.

Der erste öffentliche Auftritt einer neuen Lange-Uhr nach der Enteignung 1948 hatte am 24. Oktober 1994 in einem improvisierten Konferenzraum auf der Baustelle des Dresdner Schlosses stattgefunden. Gründer-Urenkel Walter Lange und der Unternehmer Günter Blümlein waren seinerzeit die treibenden Kräfte hinter der Neugründung der Marke und der Wiederauferstehung der Manufaktur im Osterzgebirge.

Marketing aus Berlin

Was die feine Uhrengesellschaft 1994 am meisten faszinierte, war die asymmetrische Zifferblattaufteilung der Lange 1. Mit großem Einfühlungsvermögen war dafür die Lange’sche Uhren-Philosophie aus der Vorkriegszeit miniaturisiert und in die Neuzeit transportiert worden. Insgesamt 123 Uhren wurden im ersten Jahr produziert, der Einstiegspreis lag bei 27.000 DM für eine Lange 1 in Gold.

Seit 2001 gehört A. Lange & Söhne zu Richemont. Der Anschluss an den Schweizer Luxuskonzern schuf neue technische Möglichkeiten. Bei den Bewertungen deutscher Uhrenhändler liegt Lange in den Kategorien Tradition und Innovation noch vor Schweizer Konkurrenten wie Patek Philippe. Um die 5.500 Uhren werden pro Jahr produziert, davon verkauft die Manufaktur gut 30 Prozent in Asien, 30 Prozent in Europa, und 30 Prozent in Amerika. 

Im Juli 2008 wurde der 500. Mitarbeiter eingestellt, heute sind es 750 und zurzeit insgesamt 38 Auszubildende, Uhrmacher und Werkzeugmechaniker. Angefangen wurde 1994 mit einem Gebäude, heute sind es fünf. Am 26. August 2015 wurde in Glashütte von Kanzlerin Angela Merkel ein neues, größeres Manufakturgebäude eingeweiht. Die 5.400 Quadratmeter Fläche bieten Platz für über 200 Mitarbeiter.

In der Marketingabteilung sind 30 Mitarbeiter tätig, der größte Teil von ihnen zog im April 2018 nach Berlin, das Büro befindet sich in der Backfabrik in Mitte. Wilhelm Schmid erklärt dazu: „Die Lange Uhren GmbH hat sich entschieden, ihre Fachbereiche Marketing und Unternehmenskommunikation vom Standort Glashütte an den Standort Berlin zu verlegen. Damit schaffen wir in einer modernen Weltstadt ein ideales Umfeld für die zukünftige digitale und kreative Weiterentwicklung unserer Marke A. Lange & Söhne. Gleichzeitig tragen wir der Tatsache Rechnung, dass in Zeiten zunehmender Digitalisierung und Internationalisierung gut ausgebildete Fachkräfte eher an Standorten mit hoher Medienkonzentration und digitaler Vernetzung verfügbar sind.“

15 eigene Lange-Boutiquen gibt es auf der Welt, fünf davon in Asien, 14 Boutiquen arbeiten zusätzlich im Auftrag des Glashütter Unternehmens. Doch das Kaufverhalten ändert sich permanent. Weniger ist mehr, gilt zum Beispiel in China, seit dort das Wirtschaftswachstum stagniert. In Hongkong ging der Umsatz Schweizer Uhren im vorigen Jahr um 23 Prozent zurück.

Wilhelm Schmid sagt: „Wenn die Menschen auf die Straße gehen zum Demonstrieren, ist das nicht unbedingt gut für die Öffnungszeiten und Umsätze der Boutiquen. Das war ganz ähnlich in der Hochphase der ,Gelbwesten‘ in Paris oder bei den Ausschreitungen rund um den Hamburger G-20-Gipfel.“ Zum Thema USA-Politik bleibt der Geschäftsführer zurückhaltend: „Die USA gehören zu unseren wichtigsten Märkten. Da habe ich keinerlei Befürchtungen. Andererseits stimmt auch: Da, wo wir uns als Branche wie als Marke den sich verändernden Märkten anpassen müssen, tun wir das.“

Anthony de Haas schwärmt indes von der neuen Uhr: „Es ist unsere erste Uhr mit einer Frequenz von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, also vier statt wie bisher drei Hertz.“ Der Name „Odysseus“ sei übrigens ein Hinweis auf den Helden der griechischen Mythologie, der sich während seiner Irrfahrt durch außergewöhnlichen Verstand und listige Ideen ausgezeichnet habe und am Ende erfolgreich gewesen sei.

 

Von Peter Ufer

Foto: © Matthias Rietschel

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