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Möglicher Gasmangel: „Wir sehen keine Alternative zum Stillstand“

22.07.2022
Die Automobilbranche und ihre Zulieferer in Sachsen verfolgen die unsichere Gasversorgung aus Russland mit großer Sorge. Wie die Firmen jetzt reagieren.

Von Sven Heitkamp

Die Gießerei Lößnitz vor den Toren Aues besteht seit 173 Jahren – angesichts der derzeitigen Gas-Misere aber erlebt das Unternehmen eine neue historische Situation. „Wir sind im Krieg“, sagt der junge Chef Max Jankowsky. „Rationalität und Vernunft existieren da zurzeit nicht.“ Mit riesiger Spannung wartet er diese Woche darauf, ob Russland nach der Wartung der Pipeline Nord Stream 1 wieder ausreichend Gas liefert – oder eine Mangellage beginnt.

Wenn die Gießereien keine Zufuhr mehr bekämen, stünden sie still und könnten auch die Autoindustrie nicht mehr beliefern, warnt Jankowskys. Seine Kunden heißen Volkswagen, Audi und Porsche, BMW und Mercedes. Die Gießerei stellt Press-Formen für den Bau der Karosserien her. 85 Mitarbeiter verarbeiten dafür 14.000 Tonnen Eisen im Jahr. Für das Anfeuern des Ofens und der Pfannen braucht die Gießerei allein bis zu 800 Kubikmeter Gas am Tag – rund 1,7 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Normalerweise.

„Wir sehen zurzeit keine Alternative zu einem Stillstand, wenn es zur Gasmangellage kommt“, sagt Jankowsky. „Da geht es auch um 85 Familien, die bei uns in Lohn und Brot stehen.“ Dabei hat sich der 29-jährige Wirtschaftsingenieur und Manager, der das Familienunternehmen in dritter Generation mit einem Kollegen führt, wirklich um einen Ausweg bemüht: Er wollte eine eigene Gasstation mit Flaschenbündeln für den Betrieb einrichten, um notfalls unabhängig zu sein. Fünf Gasflaschenbündel hätte seine Firma dafür täglich benötigt. „Aber es gibt nicht genug Flaschen, Tanks und Personal dafür“, erzählt er. „Ich musste meinen Plan B wieder aufgeben.“

Die Gießerei hat inzwischen ein „Team Gas“ eingerichtet, das sich um die Analyse und Bewertung der sich ständig ändernden Lagen kümmert. Vorbereitet wird, den Gaseinsatz um bis zu 20 Prozent zu reduzieren: Das Anfeuern der Öfen und die Arbeitsabläufe sollen anders organisiert und die Aufträge möglichst an zwei statt drei Gießtagen geschafft werden. Aber mehr Einsparungen seien derzeit nicht drin. Zusätzlich müsse der Betrieb die steigenden Preise für Koks und Gas verkraften, die sich dieses Jahr für ihn verdoppeln bis vervierfachen. Jankowsky ärgert in dieser Lage auch die Kommunikation der Politik. „Als Unternehmer weiß ich, dass die Situation nicht unter Kontrolle ist. Aber es wird eine Versorgungssicherheit behauptet, die zurzeit nicht existiert.“

Es wird vorsorglich gespart

Die Gießerei Lößnitz steht beispielhaft für das derzeitige Dilemma der Auto-Branche mit ihren mehr als 90.000 Beschäftigten in Sachsen. „Zwar ist der Einsatz von Gas in der Automobilindustrie insgesamt gesehen relativ gering“, sagt Dirk Vogel, Geschäftsführer beim Netzwerk Automobilzulieferer Sachsen (AMZ). Es seien vor allem Gießereien, Härtereien, Glasproduzenten und Lackierereien, die Gas in großen Mengen in ihren Produktionsprozessen nutzen. „Doch die Auswirkungen, wenn Gas an einer wichtigen Stelle fehlt, betreffen die ganze Branche.“ In Sachsen gehören dazu immerhin mehr als 800 Zulieferbetriebe mit mehr als 70.000 Beschäftigen. Ähnliche Effekte habe man schon bei den Lieferengpässen von anderen Bauteilen wie Mikrochips aus Asien oder Kabelbäumen aus der Ukraine gesehen. Man könne eben keine halbfertigen Autos in großen Stückzahlen produzieren und irgendwo zwischenparken.

Die großen Autokonzerne mit ihren Standorten in Leipzig, Dresden, Chemnitz und Zwickau verfolgen daher die Gefahr eines Engpasses beim Gas ebenfalls mit Sorge. „Die BMW Group bereitet sich auf einen möglichen Gasmangel vor“, sagt Sprecher Frank Wienstroth. Dies betreffe sowohl die eigenen Standorte als auch das Lieferantennetzwerk. Dafür habe das Unternehmen an allen Produktionsstandorten in Deutschland und Österreich bereits untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, die Nutzung von Gas zu reduzieren und die Ergebnisse auch an die Bundesnetzagentur gemeldet. „Grundsätzlich sind für einen begrenzten Zeitraum weitere Einsparungen des Gasverbrauchs der BMW Group möglich, ohne die Versorgungssicherheit der deutschen Standorte zu gefährden“, sagt Wienstroth ohne ins Detail zu gehen. Zu einzelnen Werksstandorten könne er keine Aussagen treffen. „Auch an Spekulationen zu künftigen Szenarien möchten wir uns nicht beteiligen.“

Der Volkswagen-Konzern betont ebenso, man sei im regelmäßigen Austausch mit den Behörden, Netzbetreibern und Lieferanten, um gegebenenfalls „notwendige Maßnahmen ableiten zu können“. Derzeit sei die Gasversorgung für die Volkswagen-Werke und ihrer Marken in Deutschland sowie der Kraftwerke und Heizhäuser an den Standorten aber gesichert. „Volkswagen bezieht Erdgas aus dem deutschen Verbundnetz, das den aktuellen Bedarf decken kann“, sagt der Sprecher von Volkswagen Sachsen, Jonas Wetzel. „Wir beobachten weiter die Situation.“ Konkretere Aussagen wolle der Konzerne erst in den kommenden Wochen treffen.

Auch die VW-Tochter Porsche in Leipzig hält sich noch bedeckt. Man prüfe ohnehin fortlaufend Möglichkeiten, um den Energieverbrauch im Unternehmen zu reduzieren, sagt Sprecherin Kristin Bergemann. Derzeit würden dafür auch im Porsche-Werk Leipzig technische Maßnahmen und Prozessoptimierungen erwogen.

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