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Neißeland will Tourismus-Hochburg werden

31.03.2021
Ein neues digitales Buchungssystem soll dabei helfen. Görlitz und Zittau arbeiten schon damit. Von der Initiative profitieren könnten aber in Zukunft alle.

Von Frank-Uwe Michel 

Bis jetzt sind Görlitz und das Zittauer Gebirge dem Neißeland beim Buchungsservice mindestens eine Nasenlänge voraus.

Denn wer - sobald es die Corona-Krise wieder erlaubt - in Rothenburg, Niesky oder Krauschwitz ausspannen will, der muss sich entweder Broschüren schicken lassen oder die Tippel-Tappel-Tour durch's Internet gehen. Das bedeutet: Die Webseite der Touristischen Gebietsgemeinschaft (TGG) suchen, den gewünschten Ort auswählen, dann bei den Gastgebern fragen, ob es noch freie Kapazitäten gibt. Individuell Urlaub buchen funktioniert heute aber eigentlich ganz anders: Große Plattformen wie booking.com, fewo-direkt.de oder hrs.de zeigen sofort, untersetzt mit vielen zusätzlichen Suchkriterien, alle zum gewünschten Zeitpunkt verfügbaren Unterkünfte an.

In kontaktarmen Zeiten wie diesen kommt modernen Buchungssystemen eine noch viel größere Bedeutung zu. Deshalb holt die Marketing Gesellschaft Oberlausitz (MGO) jetzt nach, was in vielen anderen Regionen schon längst Normalität geworden ist. Während Hotels und andere größere Beherbergungsbetriebe diesen Schritt auch hier schon selbst gegangen sind, sollen nun vor allem die kleineren Anbieter - Betreiber von Ferienwohnungen, Pensionen und Privatzimmern - von der Initiative profitieren.

"Für uns wird das ein erheblicher Fortschritt sein, denn unser Anbieter-Querschnitt ist recht kleinteilig geprägt", erklärt Maja Daniel-Rublack, Geschäftsführerin der TGG Neißeland. "In den großen Portalen taucht bisher keiner auf." Bisher hätten sie ihre Zimmer über Mundpropaganda, Anzeigenschaltung und Prospektversand vermietet. "Ein digitales Buchungssystem ist da schon ein anderes Kaliber."

Auf dem Neißeradweg einen Zwischenstopp einlegen und sich per Handy mit dem Buchungssystem die nächste Unterkunft sichern - bald spoll das auch im Neißeland möglich sein.
Auf dem Neißeradweg einen Zwischenstopp einlegen und sich per Handy mit dem Buchungssystem die nächste Unterkunft sichern - bald spoll das auch im Neißeland möglich sein. © Archiv/Rolf Ullmann

Noch steckt das Ganze jedoch in den Kinderschuhen. Fest steht: Genutzt werden soll das System des Freistaates Sachsen, an dem aus der Oberlausitz bis jetzt nur die TGG Naturpark Zittauer Gebirge beteiligt ist. Dort hat man ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Inzwischen würden 130 Beherbergungsbetriebe mit insgesamt rund 3.000 Betten ihre Leistungen darüber anbieten, so Linda Pietschmann vom Zittauer Tourismuszentrum. Sie sieht den Schritt der MGO als sinnvoll und notwendig an. Kleine Privatvermieter hätten allein gar nicht die Ressourcen dazu, seien unter den Anbietern im Landkreis jedoch in der Mehrzahl.

Nach der Grundsatzentscheidung der MGO geht es nun darum, möglichst viele Mitstreiter unter den Beherbergern zu finden. "Wir haben etwa 250 Kontakte weitergegeben und hoffen, dass die Resonanz gut ausfällt", so Maja Daniel-Rublack. Aktuell wisse man nicht genau, wer noch am Markt ist oder sein Übernachtungsgewerbe coronabedingt aufgegeben hat. Die für das Neißeland in der zweijährigen Anlaufzeit geschätzten 5.000 bis 7.000 Euro Projektkosten - darunter 1.000 Euro jährliche Lizenzgebühr - sieht sie als gut investiertes Geld.

Görlitz hat schon seit 2008 Buchungssoftware

Den gleichen Standpunkt vertritt naturgemäß die MGO-Sprecherin Caroline Schneider: "Wir sind seit Oktober vergangenen Jahres dabei, die Rahmenbedingungen zu klären und den Anbieter Feratel Deskline mit ins Boot zu nehmen." Jetzt gehe es offensiv in die Akquise von Gastgebern, um die Zahl der online buchbaren Unterkünfte in der Oberlausitz spürbar zu erhöhen. Beteiligt seien neben dem Neißeland und dem schon etablierten Zittauer Gebirge auch die Gebietsgemeinschaften Oberlausitzer Bergland, Westlausitz sowie Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft mit der Stadt Bautzen.

Görlitz geht seit 2008 einen eigenen Weg und nutzt neben dem Lausitzer Seenland die Buchungssoftware von DS Solution. Wie wichtig und richtig dieser Schritt für die Neißestadt war, verdeutlicht Katrin Prenzel von der Görlitz-Info an einem Beispiel: "Früher war eine Mitarbeiterin komplett damit ausgelastet, von morgens bis abends Zimmer zu vermitteln - telefonisch oder direkt vor Ort. Jetzt kommt das vielleicht noch einmal pro Woche vor. So stark haben sich die Buchungsgewohnheiten der Menschen verändert." Von der MGO-Offensive könne auch Görlitz profitieren. "Wir streben eine Schnittstelle zwischen beiden Systemen an."

Von der Aussichtsplattform der Lausche den Gipfelblick über das Zittauer Gebirge genießen - das ist erst seit Kurzem möglich. Ferienunterkünfte können hier schon seit vielen Jahren über die großen Buchungsplattformen geordert werden.
Von der Aussichtsplattform der Lausche den Gipfelblick über das Zittauer Gebirge genießen - das ist erst seit Kurzem möglich. Ferienunterkünfte können hier schon seit vielen Jahren über die großen Buchungsplattformen geordert werden. © Matthias Weber/photoweber.de

Doch wie funktioniert die neue Offerte für die Anbieter der Region? Nach deren Okay werden die Daten einmalig in die Software von Feratel Deskline eingelesen. Danach erscheinen die Objekte automatisch auf den regionalen Plattformen wie oberlausitz.com und den großen Buchungsportalen. Das Neißeland strebt zusätzlich die Verknüpfung auf die eigene und die Webseiten der beteiligten Gemeinden an. Maja Daniel-Rublack: "Wir brauchen einen möglichst großen Streueffekt."

Mit ins digitale Boot möchte die MGO auch die Freizeitanbieter der Region holen, zum Beispiel die Kulturinsel Einsiedel oder den Findlingspark Nochten - in der Pandemie momentan nicht weniger wichtig. "Dadurch besteht die Möglichkeit, von der Buchung über die Zahlungsabwicklung bis hin zur aktiven Besucherlenkung und der Steuerung der Personenzahl alles online abzuwickeln", erklärt Caroline Schneider. Dafür genutzt werden soll die Software Regiondo.

Beherbergungsbetriebe zahlen nur Provision

Abgewickelt wird die Anmeldung der interessierten Beherbergungsbetriebe über die in Regensburg ansässige Online Buchung Service GmbH. Für den Eintrag auf den Buchungsportalen verlangt sie erst einmal nichts. Bezahlt werden müssen später Provisionen, wenn es durch einen der Online-Wege zur Vermietung des Quartiers kommt. Für die Vermittlung über den Buchungslink auf der eigenen Webseite werden drei Prozent verlangt, über die regionalen Tourismusseiten macht der Provisionssatz zehn Prozent aus und wenn der Erfolg über die großen Buchungsportale führt, werden 15 Prozent fällig.

Dass der Beginn des digitalen Zeitalters für den Tourismus in der Oberlausitz einen großen Fortschritt bedeuten kann, darüber ist man sich im Neißeland, in Görlitz und in Zittau einig. "Wir bringen den modernen, heute üblichen Standard damit auf ein einheitliches Niveau. Das hilft den Urlaubern, aber auch unseren Anbietern vor Ort."

Info-Termine zur Beratung von Gastgebern gibt es digital am 12. und 13. April, für Freizeitanbieter am 15. und 16. April. Interessenten melden sich mit ihren Kontaktdaten, Name und Art der Unterkunft/des Freizeitangebotes per E-Mail an buchen@oberlausitz.com an. In der Rückmeldung gibt es einen Link zur Teilnahme an dem entsprechenden Termin.

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