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Neue Diskussion um den Kohleausstieg

22.06.2022
Weil aus Russland weniger Gas kommt, soll nun verstärkt Kohle zur Stromerzeugung genutzt werden: Welche Folgen die Pläne der Bundesregierung für Sachsens Kohlekraftwerke haben.

Von Irmela Hennig

Der Lausitzer Kraftwerks- und Tagebaubetreiber Leag mit Sitz in Cottbus prüft derzeit, ob die Kraftwerksblöcke F und E im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde wieder ans Netz gehen können. Konkret gehe es um die technischen Voraussetzungen, teilte Unternehmenssprecherin Kathi Gerstner mit.

Hintergrund für die Prüfung ist eine Aussage von Bundeswirtschaftminister Robert Habeck (Grüne). Danach sollen Kohlekraftwerke vorübergehend verstärkt wieder eingesetzt werden, um fehlende Gasmengen zu kompensieren. Denn der russische Energiekonzern Gasprom leitet momentan deutlich weniger Erdgas nach Deutschland weiter, als vereinbart.

Die Jänschwalder Blöcke, die nördlich von Cottbus stehen, wurden beide bereits 2018 beziehungsweise 2019 in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft überführt. Das heißt, sie sind nicht mehr regulär zur Stromerzeugung in Betrieb, können im Notfall aber aktiviert werden. Grundlage für ihr Aus war eine Entscheidung von 2015 durch die damalige Bundesregierung. Danach sollten Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 2.700 Megawatt schrittweise in eine Sicherheitsbereitschaft überführt und nach je vier Jahren ganz stillgelegt werden. Für die beiden Blöcke in Jänschwalde wäre eigentlich zum 1. Oktober dieses Jahres beziehungsweise 2023 Schluss.

Laut Sprecherin Kathi Gerstner müsse bei Wiederinbetriebnahme auch die Personalfrage bedacht werden. Zum Bedienen beider Blöcke benötige man ungefähr 40 Beschäftigte, aufgeteilt in mehreren Schichten. Dazu kommen weitere Gewerke und Bereiche im Kraftwerk, die dann ebenfalls Aufgaben für den Betrieb der Blöcke übernehmen. Deswegen könne die Leag keine abschließenden Zahlen nennen, was den Mitarbeiterbedarf angeht. Kurzfristig mehr Energie liefern können die Leag-Kraftwerke kaum. "Sie sind derzeit zu 95 Prozent ausgelastet", so Kathi Gerstner. 2021 hatten sie zusammen 44,6 Terrawattstunden Strom produziert. Das Unternehmen steht nach eigenen Aussagen für etwa zehn Prozent der Stromversorgung in Deutschland.

Die Auswirkungen der Kohle-Pläne des Bundes für Sachsen

In Sachsen ist derzeit kein Leag-Standort von den aktuellen Überlegung betroffen. Nach Auskunft von Susanne Ungrad, Pressesprecherin im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, gehe es nämlich erst einmal um eine kurzfristige Lösung bis 2024. Sachsens große Kohlekraftwerke gehen gemäß dem Kohleausstiegspfad zwischen 2029 und 2038 vom Netz.

Im Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig gehen 2035 die Lichter aus. Im brandenburgischen Jänschwalde werden die nächsten Blöcke ab Ende 2025 schrittweise und zeitlich gestreckt abgeschaltet. Im Kraftwerk Schwarze Pumpe in Südbrandenburg ist 2038 Schluss. Das Kraftwerk der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft (Mibrag) stellt die Kohleverstromung im sachsen-anhaltinischen Schkopau 2034 ein. Das Mibrag-Kraftwerk Buschhaus in Niedersachsen wurde schon stillgelegt. Für Unternehmen selbst spielen die momentanen Debatten deswegen keine direkte Rolle, so eine Sprecherin.

Anders sieht es möglicherweise aus beim Heizkraftwerk Nord II in Chemnitz. Das läuft noch mit Rohbraunkohle, soll aber dieses Jahr auf Erdgas umgestellt werden. 2023 soll hier eigentlich Schluss sein mit der Kohlenutzung. Laut Betreiber Eins - Energie in Sachsen prüfe man eine Weiternutzung von Braunkohle über das Jahr 2023 hinaus. Dafür müssten aber noch gesetzliche Rahmenbedingungen geändert werden, damit das ohne Schaden für das Unternehmen möglich sei.

Kretschmer signalisiert Zustimmung

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer befürwortet die Pläne aus Berlin indirekt. "Es ist die Aufgabe des Bundeswirtschaftsministers, für Versorgungssicherheit zu sorgen, ohne dass die Preise für Unternehmen und Verbraucher ins Unermessliche steigen", betonte Kretschmer auf Nachfrage von sächsische.de.

Langfristig seien der stärkere Ausbau erneuerbarer Energien und der Einsatz von grünem Wasserstoff die richtigen Maßnahmen, um auf russisches Öl und Gas zu verzichten. Aber die aktuelle Situation am Energiemarkt mache deutlich, dass der Plan der Bundesregierung, den Kohleausstieg bereits auf 2030 vorzuziehen, absolut unrealistisch sei. "Sachsen bekennt sich klar zu dem breit ausgehandelten Kohlekompromiss mit einem Ausstieg im Jahr 2038", so Kretschmer. Er forderte außerdem erneut, zu prüfen, ob die drei noch aktiven Kernkraftwerke einige Jahre weiterlaufen können.

Kritik an den Plänen aus dem Wirtschaftsministerium kommt unter anderem von Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Man solle sich bei der Bereithaltung von Ersatzkraftwerken auf Steinkohle beschränken. Es fehle ein Bedarfsplan, "warum über die geplanten LNG-Terminals und die Energiesparkampagne hinaus neben der Sicherheitsbereitschaft der Steinkohle auch die der Braunkohle vergrößert werden müsste", so Energiepolitik-Experte Oliver Powalla. Eine Untersuchung der European Climate Foundation, einer Klimastiftung, habe dargelegt, dass Braunkohle mit sieben Terrawattstunden nur einen "sehr geringen Beitrag zur Sicherheitsbereitschaft leisten könnte". Der Kohleausstieg 2030 sollten nicht angetastet werden.

Das Umweltministerium Sachsens teilte auf Anfrage mit, dass die Pläne des Bundes für den Freistaat praktisch keine Auswirkungen haben. Denn weil Braunkohle nur äußerst eingeschränkt als Gasersatz genutzt werden könne, spielten bei den Überlegungen des Bundes ohnehin vor allem Steinkohlekraftwerke eine Rolle.

Und Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) sieht keine Renaissance der Kohlekraftwerke. "Braunkohle wird nicht der neue Partner der Energiewende. Was unsere Probleme geschaffen hat, ist ungeeignet, sie zu lösen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Vorübergehend Steinkohle zu verstromen, um Gas zu sparen, rüttele nicht an den nationalen Klimaschutzzielen.

 

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