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Nossen erprobt die Zukunft des Ökolandbaus

18.05.2022
Nach 20 Jahren Feldforschung sollen die Erkenntnisse stärker mit Landwirten geteilt werden. Ein sächsisches Bekenntnis zur Biolandwirtschaft.

Von Marvin Graewert

Nossen. Um der Ernährungskrise einen Schritt entgegenzusetzen, muss Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) zuerst ein Roggenfeld zertreten. Zur Eröffnung des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau in Nossen braucht es starke Bilder. Also steigen die Politiker ganz behutsam in ein Versuchsfeld des sächsischen Umweltamts, wo mit Klee statt Dünger der Stickstoff aus der Luft gebunden und gespeichert wird.

Seit 20 Jahren werden in Nossen mit solchen Versuchen neue Anbaumöglichkeiten von Getreide, Raps oder Kartoffeln ausprobiert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der ökologischen Landwirtschaft. Das Wissen ist längst da. Mit dem neu eröffneten Kompetenzzentrum sollen diese Erkenntnisse nun stärker mit sächsischen Landwirtschaftsbetrieben geteilt werden, um regionale Wertschöpfungsketten und Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Mit 15 Mitarbeiterinnen wird zu den drängendsten Fragestellungen geforscht und bestehende Produktionsverfahren werden weiterentwickelt.

Zur Eröffnung ist Günther nach Nossen gekommen, um den politischen Rückhalt für das Projekt zu unterstreichen: "Die Ökolandwirtschaft ist langsam aus der Pionier-Nische rausgekommen." Mittlerweile gibt über 900 Biobetriebe, dazu kommen 400 verarbeitende Betriebe. Es geht um eine Fläche von knapp 83.000 Hektar – 9,2 Prozent der gesamten sächsischen Landwirtschaftsfläche. Das Wachstum sei dynamisch. "Langsam nähert sich Sachsen dem bundesweiten Durchschnitt an", sagt Günther.

Immer mehr Betriebe entdecken die biologische Landwirtschaft für sich, die EU hat sich eine Ausweitung des Ökolandbaus auf 25 Prozent, die Bundesregierung sogar auf 30 Prozent bis 2030 zum Ziel gesetzt – die Fläche müsste sich dafür verdreifachen. Aktuell sei die Entwicklung an einem fragilen Punkt angekommen: "Auf dem Weg zum Wachstum der Branche, dass auch kleinere Betriebe, die schon lange dabei sind, nicht von größeren Betrieben überrollt werden."

Lässt sich mit Bio die Welt ernähren?

Um die riesige Herausforderung zu unterstreichen, muss Günther nur eine Zahl nennen: "Mit Ausnahme der Zuckerrüben erwirtschaften leider alle Betriebe im langjährigen Mittel ein Minus – wenn man die Förderungen nicht mit einbezieht." Für einen so fundamentalen volkswirtschaftlichen Zweig sei das bedauerlich, hinzukämen die ökologischen und biodiversen Herausforderungen. Der Forschungs- und Experimentierbedarf sei deshalb enorm: "Wenn uns nicht schon durch Corona klar geworden ist, dann doch durch den furchtbaren Krieg in der Ukraine, wie abhängig wir nicht nur von Energieträgern sind, sondern auch von Dünge- und Pflanzenschutzmittel." Durch geschlossenere und regionalere Kreisläufe könne die Ernährungssicherheit wieder erreicht werden. "Genauso können wir uns aber auch die Frage stellen, wie wir uns von synthetischen Pflanzenschutzmitteln unabhängig machen," erklärt Günther.

Ein paar der drängendsten Probleme, mit denen sich das neue Kompetenzzentrum in den nächsten Jahren beschäftigen sollte, identifizierte Jürgen Heß von der Uni Kassel gleich in seinem Eröffnungsvortrag: Denn obwohl Verbraucher täglich vor die Entscheidung gestellt werden, ob sie sich im Supermarkt für das Bioprodukt oder das aus der konventionellen Landwirtschaft entscheiden, habe es seit 20 Jahren keine Vergleichsstudie zu dieser Fragestellung gegeben – die Ergebnisse seien dementsprechend veraltet. Für beide Konsumentscheidungen gibt es die passende Studie.

Das Thema polarisiert, weil es so viele Aspekte zu beachten gibt – seien es die Auswirkungen auf Boden, Wasser, Biodiversität oder Tierwohl. Heß hat sich dem angenommen. Herausgekommen sei die größte Metastudie, die es bislang gegeben hat und auch die meist geringere Ertragsmenge der ökologischen Landwirtschaft mit einbezieht.

Heß' Fazit fällt eindeutig aus: Der Ökolandbau sei in allen Punkten überlegen oder zumindest gleichwertig – mit einigen Einschränkungen: "Beim Einsatz von fossilen Treibstoffen besteht in der Praxis kaum ein Unterschied zur konventionellen Landwirtschaft", sagt Heß. "Bei der Methanemission von Kühen bezogen auf den Liter Milch schneidet der Ökolandbau sogar schlechter ab." So muss es nicht bleiben, das Öko-Kompetenzzentrum könnte sich diesen identifizierten Baustellen annehmen, die Erkenntnisse teilen und die Klimabilanz von Bio-Produkten verbessern und Ertragslücken zu schließen.

Bleibt die Frage, ob sich mit flächendeckender, platzintensiver ökologischer Landwirtschaft auch die Weltbevölkerung ernähren lässt. Heß antwortet mit der Gegenfrage, ob es denn die konventionelle Landwirtschaft schafft? "Die Welternährung ist nicht vorrangig eine Ertragsfrage, sondern eine des Geldes: Geht es nicht eher darum, wie sich die Welt ernähren lässt und nicht wie wir die Welt ernähren?"

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