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Ostdeutschlands Energieriese baut jetzt Hirse an

15.04.2021
Die VNG stellt sich um: Wasserstoff und Biomasse sollen in Zukunft Erdgas ersetzen.

Von Sven Heitkamp 

Eigentlich verdient Ostdeutschlands umsatzstärkstes Unternehmen, die Verbundnetzgas AG in Leipzig, ihr Geld vor allem mit dem Transport und Handel von Erdgas. Allein voriges Jahr setzte die VNG die unfassbare Summe von 600 Milliarden Kilowattstunden Gas um und machte einen Umsatz von 9,8 Milliarden Euro. Doch in der mehr als einstündigen Online-Jahresbilanz am Dienstagmittag spielt das Basismodell fast keine Rolle mehr. Nicht einmal der Kauf des Frankfurter Konkurrenten Gas-Union wird erwähnt.

Bei der VNG geht es jetzt um Ökothemen: um Biogas vom Bauernhof und Wasserstoff aus dem Windpark. So hat die VNG in wenigen Jahren 37 Biogasanlagen zwischen Hamburg und Görlitz gekauft und kann damit rechnerisch fast 100.000 Haushalte mit erneuerbarem Strom oder grünem Gas versorgen. Mehr noch: Der alte, graue Gasriese baut jetzt sogar Pflanzen für seine Biogasanlagen an: Hirse, Sudangras und die Durchwachsende Silphie. „Die VNG steht hinter den Pariser Klimaschutzzielen“, sagt Konzernchef Ulf Heitmüller. „Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zur Transformation des Energieträgers Gas.“ Als grünes und digitales Unternehmen wolle die VNG künftig mit Biogas und Wasserstoff wachsen – auch wenn grünes Gas bisher mit zweistelligen Millionen-Umsätzen nur einen Bruchteil des gesamten Geschäfts ausmacht.

Zum Wandel gehört auch ein Flaggschiff-Projekt in Bad Lauchstädt, das dieses Jahr anlaufen soll: Der geplante Energiepark soll mit Windkraft und einer Großelektrolyse-Anlage grünen Wasserstoff im industriellen Maßstab produzieren. Der soll über eine Erdgasleitung der Chemie-Industrie im nahen Leuna zufließen. Im Dezember haben die beteiligten Unternehmen eine Förderung für das „Reallabor Energiewende“ beim Bundeswirtschaftsministerium beantragt. „Wir rechnen Mitte des Jahres mit einem positiven Bescheid und wollen im Sommer mit der Umsetzung beginnen“, sagt VNG-Vorstandsmitglied Hans-Joachim Polk.

Mitteldeutschland solle zu einer technologisch starken Wasserstoffregion werden. Schon heute werde jede größere, neu gebaute Gasturbine in der Region so ausgelegt, dass sie künftig auch mit Wasserstoff betrieben werden kann. Dennoch geht die VNG-Spitze davon aus, dass Erdgas noch über 2030 hinaus ein wichtiger Baustein und eine Brückentechnologie im Energiemix sein werde. Die wachsende Kritik am Gas als klimaschädlicher Energieträger wies Konzernchef Heitmüller daher zurück: „Es braucht die Gas-Infrastruktur, um die Transformation des Energiesystems mit grünen Gasen mitgestalten zu können.“ Die Volkswirtschaft solle Gas keineswegs vorschnell abschreiben. „Wir rechnen mit 15 bis 20 weiteren Jahren, in denen Erdgas eine wichtige Rolle spielen wird.“

Die Corona-Krise habe den Gasversorger indessen weniger belastet als zunächst befürchtet. Alle Geschäftsbereiche hätten 2020 positive Ergebnisse erzielt und die Erwartungen teils deutlich übertroffen, so Heitmüller. 392 Millionen Euro investierte die VNG besonders in ihr Transportnetz, knapp 60 Millionen flossen in die neuen Biogas-Anlagen. Die Zahl der Mitarbeiter stieg mit den neuen Anlagen sogar um rund 150 auf 1.300 – eine Tendenz, die laut Vorstand Polk noch zunehmen wird.

Am Jahresende blieb ein Gewinn von 46 Millionen Euro. 20 Millionen davon werden als Dividende an die Eigentümer ausgeschüttet, zu denen unter acht ostdeutschen Städten auch Dresden und Leipzig gehören. Das Dresdner Rathaus kann sich damit auf knapp 1,3 Millionen Euro freuen.

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