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Plastic Logic unterbricht Produktion

Dresden 09.10.2018
Zehn Jahre nach Eröffnung der Fabrik in Dresden ist elektronisches Papier noch kein wirklicher Renner.

Eine Welt ohne Glas – das ist die Zukunftsvision des Dresdner Unternehmens Plastic Logic. Elektronisches Papier soll an die Stelle von bruch-empfindlichen Bildschirmen treten. Biegsame Folien, robust und leicht, eignen sich als Aushangfahrplan an der Bushaltestelle oder als Armband-Display. Doch seit Eröffnung der Fabrik vor zehn Jahren nahe der Mikrochipfabrik von Globalfoundries ist der Siegeszug von Glas ungebremst. Zwar stellten die Erfinder von Plastic Logic ihre Kunststoff-Elektronik auf Messen von Dresden bis Kalifornien vor und suchten Kunden und Geldgeber. Doch aus der anfangs erhofften Erweiterung der Fabrik wurde nichts. Nun hat ihr Geschäftsführer Tim Burne einen Produktionsstopp verordnet, wie die SZ aus der Belegschaft erfuhr.

Seit voriger Woche ruht die Produktion der elektronisch aufladbaren Folien. Wer in der Fabrik anruft, bekommt eine Ansage zu hören: Wer die 1 wählt, wird mit dem Vertrieb verbunden, 2 führt zur Buchhaltung. Ein freundlicher Vertriebsmitarbeiter bittet darum, Fragen per E-Mail an Geschäftsführer Burne in London zu stellen. Der antwortet knapp: Am Donnerstag sei entschieden worden, die Produktion eine Woche lang anzuhalten. Der Grund: Die Fabrik habe für den Hauptkunden bereits Material hergestellt, das bis ins nächste Jahr ausreiche. Plastic Logic diskutiere mit dem Kunden die Nachfrageplanung. 

Nach früheren Angaben aus dem jüngsten veröffentlichten Geschäftsbericht für 2016 hat das Dresdner Unternehmen 105 Beschäftigte – davon 78 in der Produktion. Demnach ist der Betrieb in den Jahren zuvor deutlich geschrumpft: Für 2010 wurden 186 Mitarbeiter gemeldet. Geschäftsführer Burne antwortet nicht direkt auf die Frage, ob nun Arbeitsplätze gefährdet sind. Er schreibt, das Angebot der Produktion müsse mit der Nachfrage ins Gleichgewicht gebracht werden.

An Ideen für den Einsatz des elektronischen Papiers hat es Plastic Logic nie gemangelt. Der Start war allerdings von einer peinlichen Panne begleitet: Mit einem eigenen Lesegerät wollte Plastic Logic ursprünglich auf den Markt treten, einer Art elektronischer Aktentasche mit vielen speicherbaren Textseiten. Für das Lesegerät namens Que nahm das Unternehmen auch Bestellungen entgegen, stornierte sie aber Mitte 2010 überraschend. Später entschied sich Plastic Logic, nicht mehr selbst Endprodukte herzustellen, sondern Fabrikanten als Kunden zu suchen. 2014 wurden die Produktionskapazitäten verringert.

Doch 2015 berichteten Manager auf der Dresdner Messe Semicon von Einsatzgebieten. Ein kalifornischer Hersteller nutzte demnach die Folien aus Dresden als zweiten Bildschirm für die Rückseite von Smartphones. Die Idee: Dort könnte zum Beispiel das elektronische Flugticket vielreisender Manager gespeichert werden – denn die Folie von Plastic Logic funktioniert auch bei leerem Akku. Nur zum Wechseln der Abbildung wird Strom benötigt. In der Folie sind Tausende winzige Kügelchen, die schwarze und weiße Farbpigmente enthalten – und je nach elektrischer Ladung ein Bild zusammensetzen. An Farben forschte Plastic Logic auch, allerdings kamen sie nicht in die Serienfertigung.

Als mögliche Einsatzfelder nennt Plastic Logic auch Geldkarten und Preisschilder an Regalen. 2011 war von der Produktion Tausender elektronischer Schulbücher für Russland die Rede – robust und ohne Glas. Russland erhoffte sich von Plastic Logic außerdem den Bau einer größeren Fabrik in Zelenograd nordwestlich von Moskau.

Der russische Staatsfonds Rusnano besitzt das Dresdner Unternehmen, über eine Beteiligungsfirma in Luxemburg. In den Gründungsjahren gaben auch Riskokapital-Tochterfirmen von Siemens, Dow und BASF Geld. Auf mehr als 100 Patente ist Plastic Logic stolz. Zu Beginn des Jahres 2017 standen laut Geschäftsbericht Aufträge im Wert von 15 Millionen Euro in den Büchern. Allerdings waren da bereits 120 Millionen Euro Investitionen in die Fabrik und die Maschinen geflossen, davon mindestens 21 Millionen Euro Fördergeld.

Auf seiner Internetseite sucht das Unternehmen nach mehr Geldgebern. Auf Englisch heißt es dort: „Investieren Sie in ein Unternehmen, das den Markt für flexible Displays formt!“ Zugleich sucht Plastic Logic weiter nach Fabrikanten, die das elektronische Papier nutzen können.

 

Von Georg Moeritz

Bildquelle: Plastic Logic

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