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Porzellanmanufaktur vor dem Aus?

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 08.01.2020
Das Werk in Freital hat den Mitarbeitern zum Monatsende gekündigt. Die Zukunft des Traditionsunternehmens steht auf der Kippe.

Das Jahr 2020 startet für ein Traditionsunternehmen gar nicht gut: Die Sächsische Porzellan-Manufaktur Dresden, in Freital besser bekannt als Porzelline, hat den verbliebenen sechs Mitarbeitern zum Monatsende die Kündigung ausgesprochen. Wie die Sächsische Zeitung erfuhr, soll die gesamte Produktion bis dahin eingestellt werden.

Lediglich das Ladengeschäft am Unternehmensstandort an der Carl-Thieme-Straße und wohl auch die Niederlassung im Hotel Kempinski in Dresden werden vorerst weiter betrieben. Die Unternehmensleitung war für eine Stellungnahme am Dienstag nicht erreichbar.

So gibt es vorerst mehr Fragezeichen als Antworten zum Thema Porzelline. Fakt ist, dass das Unternehmen seit 1990, als dort noch um die 180 Menschen arbeiteten, immer wieder in argen Schwierigkeiten steckte. Mehrmals musste die Porzelline Insolvenz anmelden, die Eigentümer wechselten infolgedessen, schrittweise wurde Personal abgebaut. Zuletzt schien etwas Konstanz eingezogen zu sein: Seit 2008 gehört die Porzellanmanufaktur dem russischen Geschäftsmann Armenak S. Agababyan.

Doch auch Agababyan hatte mit dem Unternehmen offenbar einige Probleme. So stand die Porzelline 2013/2014 schon einmal vor dem Aus. Auch damals wurden Mitarbeiter entlassen und die Produktion heruntergefahren. Letztendlich schoss der Eigentümer private Mittel zu, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Der nächste Tiefschlag kam 2016, als das alte Formenlager einstürzte. Die Baracke gegenüber dem Firmengrundstück am Bachlauf der Wiederitz war schon lange marode gewesen. Auf eine Bergung der wertvollen Formen war die Porzelline dennoch nicht vorbereitet, schon gar nicht finanziell. Der Freistaat half schließlich mit Fördermitteln aus, die Stadt Freital stellte eine Lagerhalle zur Verfügung.

Die abermaligen Schwierigkeiten zum jetzigen Zeitpunkt hatten sich lange angedeutet. Nach SZ-Informationen erwirtschaftete das Unternehmen seit Jahren kaum noch Gewinne. So betrug der Verlust im Jahr 2016 mehr als 160.000 Euro, 2017 lag das Minus bei 148.000 Euro. Neuere Zahlen sind noch nicht veröffentlicht, doch sie dürften sich kaum besser lesen. Über die Jahre hat sich so ein großes Defizit angehäuft. Agababyan schoss nach eigenen Angaben aus seinem Privatvermögen Geld zu, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Von Barock bis Biedermeier

Dabei steuert die Porzellanmanufaktur auf ihr 150-jähriges Bestehen zu. 1872 begann in der Manufaktur die Herstellung von Kunst- und Zierporzellan. Gegründet hat sie der Dresdner Hausmaler Carl Thieme. Bekannt wurde das Unternehmen für seine üppigen Blumendekore auf Vasen, Schalen und Kerzenleuchtern. Zum Sortiment gehören auch Figuren und Figurengruppen, deren Gestaltung sich am Barock, Klassizismus und Biedermeier orientieren. Zudem wurde in der Fabrik an der Eisenbahnstrecke bei Potschappel auch Geschirr für den Alltag hergestellt.

Bis 1972 wurde die Manufaktur privat geführt, seit 1958 allerdings mit staatlicher Beteiligung. Dann erfolgte die Enteignung und Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb. Nach der Wende gab es mehrere Neuanfänge, so mit einem französischen Bankenkonsortium und einem westdeutschen Unternehmer. Zwei Sachsen übernahmen 1997 den Betrieb. Sie mussten aber 2002 Insolvenz anmelden. Es kamen weitere Eigentümer, bis Agababyan übernahm.

Der Mann aus Russland hatte vor allem ausländische Märkte im Auge. 70 Prozent des Umsatzes machte das Unternehmen zuletzt in Russland, den USA, Japan, Spanien, Großbritannien und Italien. So gibt es neben den beiden Geschäften in Freital und Dresden auch einen Laden in Moskau.

Im Freitaler Rathaus befürchtet man nun das Schlimmste. "Die Nachricht, dass Mitarbeitern der Porzelline gekündigt wurde und damit ein Freitaler Traditionsunternehmen vor dem Aus steht, ist sehr schmerzlich", sagte Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU), als er von den Problemen erfuhr. Er zolle dem Eigentümer, der Geschäftsleitung und den Mitarbeitern, die dem Unternehmen so lange die Treue gehalten haben, allergrößten Respekt. Rumberg: "Die Nachricht ist für uns alle ein trauriger Start ins neue Jahrzehnt." Rumberg deutet an, dass es Gespräche geben wird, wo unter anderem die Formen verbleiben sollen, die noch in der Halle der Stadt lagern. 

Ob und wie es überhaupt mit der Porzellanmanufaktur weitergeht, dass will Armenak S. Agababyan demnächst klären. Mitte nächster Woche kommt er nach Freital. Bis dahin muss er einen Plan in der Tasche haben, ob er die Fabrik zeitweise oder für immer stilllegt oder gar verkauft. Ausgang offen.

 

Von Annett Heyse

Foto: © Andreas Weihs

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