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Raus aus der Führungsblase

22.07.2022
Die gemeinnützige Organisation Common Purpose will Führungskräfte zusammenbringen. Im Fokus steht nicht Gewinnmaximierung, sondern der gesellschaftliche Mehrwert. Ein Ansatz, der auch in Sachsen ankommt.

Von Annett Kschieschan

Was haben die Geschäftsführerin einer Universität, der Leiter eines Polizeireviers, eine Pflegedirektorin und der Chef einer Umweltorganisation gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Und auf den zweiten? Genau das wollen die Männer und Frauen in den nächsten Wochen gemeinsam herausfinden. Unter dem Motto „Raus aus dem Alltag - rein in die Gesellschaft“ nehmen sie am aktuellen Seminar „Meridian“ von Common Purpose in Dresden teil. Dahinter steht ein Konzept, das so in Deutschland seinesgleichen sucht. Die einfachste Erklärung dafür ist vielleicht, dass Common Purpose – auf Deutsch „Gemeinsames Ziel“ – eigentlich aus England kommt. Julia Middleton gründete die Organisation dort bereits 1989. Seit 2003 gibt es den gleichnamigen gemeinnützigen Verein in Deutschland, seit 2010 fungiert Common Purpose hier als gemeinnützige GmbH.


Gemeinsam Brücken bauen
Sie will nicht weniger als die Gesellschaft als Ganzes verändern – sie soll vielfältiger, gerechter, offener werden. Und zwar, indem sie bei den Männern und Frauen ansetzt, die Verantwortung tragen. Eben dem Revierleiter, der Pflegedirektorin, dem Chef der Umweltorganisation und der Uni-Geschäftsführerin.
„Das funktioniert aber nicht, wenn jeder in seiner Blase bleibt“, weiß Barbara Sarx-Lohse, Programmdirektorin des Dresdner Standortes von Common Purpose. Der Ansatz der Seminare ist es deshalb, die eigene Welt für andere zu öffnen und selbst neue Erfahrungen zu machen. Dieses „Erleben lassen“ endet nicht beim Austausch im Schulungsraum. Regelmäßig geht es in Unternehmen, Organisationen, Schulen, Institutionen. In Dresden stand zum Beispiel schon der Besuch einer Einrichtung für beeinträchtigte Jugendliche auf dem Programm. Für die meisten Teilnehmer eine ganz neue Erfahrung. „Durch das Kennenlernen entstanden Kontakte, die später zum Beispiel auch in Praktika-Angebote für die Jugendlichen mündeten“, so Barbara Sarx-Lohse.
Common Purpose will Netzwerke knüpfen – auch dort, wo es scheinbar zunächst wenige Berührungspunkte gibt. Die Entwicklung dieser „Brückenkompetenz“ ist der vielleicht wichtigste Teil der Seminare. Der Lernprozess selbst wird durch eigene und die Erfahrungen der anderen Teilnehmer in Gang gesetzt. Expertenvorträge und Motivationstrainer sucht man im Seminarprogramm vergeblich.
Für Führungskräfte in Deutschland ist das oft ungewohnt. Berufliches und soziales oder gesellschaftliches Engagement werden hierzulande meistens strikt getrennt. Die-Common Purpose-Gründerin Julia Middleton kennt die Unterschiede in Europa gut. „Zu viele Leute glauben, dass Demokratie nur bedeutet, Politiker zu wählen. Sie bedeutet auch, dass man sich engagieren muss – als Privatmensch, als Unternehmen, als Manager. Es geht auch darum, selbst etwas zu bewegen“, sagte sie in einem Interview mit dem Wochenmagazin „Die Zeit“.


Angebot für junge Leute
Auch deshalb setzt Common Purpose explizit auf den Nachwuchs. Zum Beispiel mit dem Leadership-Workshop „Sachsen 125“. Junge Sachsen zwischen 18 und 25 Jahren können sich mit eigenen Ideen für die Teilnahme bewerben. Der Hintergrund: 2043 wird der Freistaat 125 Jahre alt. Menschen, die jetzt gerade erwachsen geworden sind, sollen überlegen, wie man im Jubiläumsjahr zwischen Görlitz und Zwickau leben wird und was es braucht, um die Zukunft in der Region lebenswert für alle Menschen zu gestalten.
Die Teilnehmer erwartet neben dem dreitägigen Workshop ein sechsmonatiges Mentorenprogramm. Erfahrene Macherinnen und Macher stärken den jungen Leuten bei der Persönlichkeitsentwicklung den Rücken, beraten aber ebenso bei ganz konkreten Fragen zur Umsetzung von Projekten, Social-Media-Strategien und Finanzierungsmöglichkeiten.
Ganz nebenbei sinkt die Gefahr, irgendwann selbst in der Blase zu landen – jenem Kosmos, in dem es ausschließlich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und Interessen gibt, und der über die Jahre oft blind macht für die Gesellschaft als Ganzes. Letztere im Blick zu behalten, ist gerade in der aktuellen, krisengebeutelten Zeit ein anspruchsvolles Ziel. Common Purpose will es angehen – an insgesamt acht Standorten in Deutschland. Sachsen ist mit Dresden und Leipzig gleich zweimal vertreten.
 

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