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Ruf nach freiwilligem Jahr im Handwerk

25.05.2022
Sachsens Handwerkstag warnt vor einem Fachkräfte-Fiasko. Den Betrieben machen aber auch noch andere Probleme zu schaffen.

Von Michael Rothe

Not macht erfinderisch – auch bei der Personalsuche: Angesichts bedrohlicher Fachkräfteknappheit fordert der Sächsische Handwerkstag (SHT) „praktische Wirtschaft“ als Lehrinhalt „ab der 6., 7. Schulklasse“ sowie ein Freiwilligenjahr im Handwerk – als Alternative zum Dienst in der Bundeswehr und zum Freiwilligen Sozialen Jahr. „Oberstes Ziel von Politik und Handwerk muss sein, mittel- und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit von Handwerksbetrieben durch ein stabiles Reservoir an Fachkräften zu sichern“, sagt Jörg Dittrich, Präsident jener Dachorganisation der Kammern und Verbände.

Der Dresdner Dachdeckermeister plädiert für eine „Exzellenzinitiative Berufliche Bildung“. Nicht nur an Unis, auch in der gewerblichen Wirtschaft gebe es „viele überdurchschnittlich qualifizierte und förderungswürdige junge Leute“, argumentiert Dittrich. Ihm erschließe sich nicht, warum mittels passgenauer Strategie für berufliche Karrieren „nicht auch leistungsstarke Azubis sowie herausragende nichtakademische Fachkräfte über ihr Berufsleben hinweg gefördert werden sollen“, so der Präsident. Dafür müsse das Instrumentarium – vom „Meister-Bafög“ über Weiterbildungsstipendien bis hin zu steuerlichen Vergünstigungen – neu justiert und ausgebaut werden, sagt er.

Klischees über's Handwerk

Dittrich, der zum Jahresende Präsident des Zentralverbands und so Deutschlands Oberhandwerker werden will, fordert, der Berufsausbildung mehr Gewicht zu geben. Um ihr Ansehen sei es „nicht gut bestellt“. Noch kursierten Klischees, die junge Menschen abhielten, eine Laufbahn im Handwerk einzuschlagen. Es sei „nicht nur demografisch bedingt, wenn in Sachsen jedes Jahr Hunderte Lehrstellen unbesetzt bleiben“. Die von der Politik beschworene Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung werde in der Praxis kaum erkannt. Sie müsse – wie in der Schweiz und in Österreich – rechtlich verankert werden, fordert der SHT-Präsident.

Auch könnten strengere Zulassungsvoraussetzungen für ein Hochschulstudium „beitragen, dass nicht jedes Jahr um die 30 Prozent der Studierenden enttäuscht ihre akademische Ausbildung vorzeitig abbrechen“. Zwar würden auch im Handwerk ähnlich viele Azubis im 1. Anlauf scheitern, die Lehre aber in einem anderen Betrieb oder einer anderen Branche fortsetzen und dem Handwerk somit erhalten bleiben, sagt der Präsident auf Nachfrage der SZ.

Schon vor acht Jahren hatte Dittrich, auch Präsident der Dresdner Kammer, angesichts brechend voller Hochschulen und 800 unbesetzter Lehrstellen nach Wiederbelebung der in der DDR gängigen „Berufsausbildung mit Abitur“ gerufen. Der demografische Wandel beschere weniger Abgänger von Haupt- und Realschulen, und Gymnasiasten ziehe es zur Uni statt an die Werkbank, hieß es damals.

Besser mit Tarifpartnerschaft

Es habe „einige Musterprojekte" im Freistaat gegeben, sei aber in den letzten Jahren wieder ruhiger geworden, bedauert Dittrich. Befunde von Bildungsforschern zeigten, dass angesichts von Herausforderungen wie Klimawandel, Energie- und Mobilitätswende „schon in den nächsten Jahren mit einem Fachkräfte-Fiasko gerechnet werden muss, wenn nicht jetzt politisch wirksam gegengesteuert wird“, appelliert der Präsident an die Regierenden in Bund und Land.

Und was tut das Handwerk selbst dagegen, dass nur gut jeder zweite Betrieb ausbildet? Für attraktive Jobs mit Tariflohn und Extras wie Jobticket, Jobrad, bezahlte Kita-Plätze – in der Industrie längst Basics. Dittrich verweist auf die langjährige Imagekampagne, die Früchte trage. Das Handwerk bilde mehr aus als andere, sagt er, aber Bürokratie mache es kleinen Betrieben schwer. Er plädiert für mehr Sozialpartnerschaft, wie sie etwa der Bau mit seiner Urlaubs- und Lohnausgleichskasse Soka vorlebe. Die Geschichte der Bundesrepublik zeige, „dass man mit Sozial- und Tarifpartnerschaft besser vorwärtskommt“, wirbt Dittrich auch für mehr Mitglieder in Innungen und Gewerkschaften.

Aufschwung in weiter Ferne

Während die Wirtschaftsforscher des Münchner Ifo Instituts im Mai erneut ein verbessertes Geschäftsklima für Deutschland vermelden, bleibt Sachsens Handwerk skeptisch. Der nach zwei Jahren Pandemie erhoffte Aufschwung sei in weite Ferne gerückt, sagt SHT-Vizepräsident Tobias Neubert. Lieferengpässe, explodierende Rohstoff- und Energiepreise, die Fachkräftelücke und der Krieg in der Ukraine hätten zu „Verwerfungen“ geführt, sagt der Steinmetzmeister aus Halsbrücke bei Freiberg. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Neubert, der seit 1991 selbstständig ist. Angesichts wöchentlich steigender Preise für Vorprodukte sei eine seriöse Kalkulation kaum noch möglich. Selbst am Bau, lange Konjunkturlok, herrsche Verunsicherung.

Laut der jüngsten Umfrage beurteilen nur noch 51 bzw. 38 Prozent der Betriebe ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend. Im Frühjahr 2019, also vor der Pandemie, waren es noch 68 und 28 Prozent. Umsätze und Auftragsbestand blieben aber im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit stabil.

Die Wirtschaftsmacht von nebenan

  • In Sachsen gibt es gut 56.000 Handwerksbetriebe, etwa 71 Prozent davon in zulassungspflichtigen Gewerken – und die meisten davon im Elektro- und Metallgewerbe sowie am Bau.
  • Das Handwerk beschäftigt im Freistaat gut 300.000 Menschen, Tendenz leicht sinkend.
  • Mit 13,9 Betrieben pro 1.000 Einwohner liegt die Handwerksdichte dort über dem Bundesmittel (zwölf).
  • Bis Ende April waren 1.280 neue Lehrverträge vereinbart worden, etwas weniger als im Vorjahr. (mr)

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