9zgc5vblxrrw4friugpwvygnev5q51bg.jpg

Sachsen bei Zukunftsbranche weit vorn

30.03.2022
Biotechnologie boomt in Sachsen. Warum aber Leipzig und nicht Dresden dabei die Nase vorn hat, erklärt André Hofmann, Chef des Branchenverbands Biosaxony.

Von Martina Hahn

Herr Hofmann, wie gut ist Sachsen für Firmen und Institute aus den Bereichen Biologie, Chemie und Medizin aufgestellt?

Gut! Im Pharmabereich hat die Region starke Wurzeln – und in der Nuklearmedizin sind wir einzigartig. Was alternative Methoden der Krebsbestrahlung betrifft, ist Dresden führend in der Entwicklung, dazu tragen auch das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, das Uniklinikum und die Technische Universität bei. Sachsen hat um die Jahrtausendwende viel investiert, um Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen – etwa in ein Technologiezentrum in Dresden, in einen Biotechnologie-Campus, die Bio City, in Leipzig, sowie in Labore, in neue Professuren, in Forschungsprojekte.

Das war vor 20 Jahren die Initialzündung, daraus sind die Life Sciences in der Region entstanden. Zusammen haben Leipzig und Dresden hier enormes Potenzial – und könnten als biotechnologischer und gesundheitswirtschaftlicher Standort so wichtig werden wie München, Hamburg oder derzeit Mainz. Da beginnt eine ganz neue Dekade.

Was haben die Menschen in Sachsen von dieser noch jungen Branche?

Dieser Zukunftsmarkt Medizintechnik, Biotechnologie und Pharmazie hat nicht nur viele Jobs – bis jetzt rund 15.500 – und tolle Wissenschaftszentren geschaffen. Er zieht als Wissenschaftsstandort auch Forschende und junge Unternehmen an. Letztendlich profitiert jeder Bürger von neuen Krebsmedikamenten oder Instrumenten für die Gefäßchirurgie, um nur zwei Endprodukte zu nennen. Hinzu kommt, dass Pharma-Firmen, Labore oder Unternehmen der Medizintechnik in der Corona-Krise nicht wackelten, sondern gewachsen sind – im Gegenteil zu anderen Branchen. Das macht sie attraktiv für all jene, die neue Märkte suchen. Und auch als Arbeitgeber.

Und was haben branchenfremde Firmen von den Lebenswissenschaften?

Sie können an diese Biotech-Innovationen andocken. Biowissenschaft als Grundlagentechnologie kommt auch ihnen zugute. Denn die Biologisierung wird die gesamte Wirtschaft erreichen. Mit mikrobiologischen Prozessen lässt sich beispielsweise Bergbau betreiben, lassen sich alternative und recycelbare Plastikhüllen entwickeln oder Lebensmittel veredeln und haltbar machen. Aber auch Kliniken und Mikroelektronik-Firmen sind Abnehmer biotechnologischer Produkte. Und hierfür brauchen wir wiederum Zulieferer von Grundchemikalien bis hin zu Elektronik und IT für die Medizintechnik.

Große, mittlere oder kleine Zulieferer?

Das ist unterschiedlich. Die Szene ist bei uns stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt, mit im Schnitt 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Biosaxony hat aber auch Mitglieder mit 700 Beschäftigten und mehr. Dennoch: die meisten Firmen sind eher klein, weil sie agil sein müssen.

Wie gut sind all die Unternehmen und Einrichtungen, die das große Ganze eines Biotech-Standorts ausmachen, miteinander vernetzt?

Da ist noch Luft nach oben. An ihren jeweiligen Standorten sind die Akteure gut miteinander vernetzt – aber Dresden und Leipzig könnten noch besser miteinander vernetzt sein. Hier sehen wir aber immer mehr erfolgreiche Verbindungen – zuletzt im Zukunftscluster SaxoCell, das die Zelltherapie-Aktivitäten in Dresden, Leipzig und Chemnitz vereint. Diese Zusammenarbeit voranzubringen, ist mit unser Job. Wir verstehen uns nicht nur als Standortentwickler, sondern auch als Wirtschaftsförderer. Allerdings bekommen wir nicht überall dieselbe Unterstützung.

André Hofmann ist Geschäftsführer von Biosaxony, wozu 134 Mitglieder der Biotechnologie, Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft gehören.

André Hofmann ist Geschäftsführer von Biosaxony, wozu 134 Mitglieder der Biotechnologie, Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft gehören.© PR

Wer blockt?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: In Leipzig haben wir von der Stadtverwaltung den Kampfauftrag bekommen: Betreut die Bio City und entwickelt den Campus der Alten Messe weiter, damit sich dort noch mehr Biotech-Firmen und Labore ansiedeln! Leipzig ist offen und nutzt unsere Fachkompetenz, um sich inhaltlich und operativ beraten und unterstützen zu lassen – und fährt, glaube ich, ganz gut damit. Das würden wir auch gerne in Dresden tun.

Was ist der Grund für die Dresdner Zurückhaltung?

Dresden fokussiert auf den starken Sektor Mikroelektronik. Dazu kommen einige strukturelle Probleme: Die Hausleitung des BioInnovationsZentrums schließt Mietverträge mit den Unternehmen, unterstützt sie darüber hinaus aber kaum. Aktive Ansiedlungspolitik der Stadtverwaltung nehmen wir kaum wahr, wohl auch, weil jetzt schon die notwendigen Laborflächen dafür fehlen. Zum Glück bewegt sich hier aber gerade etwas. Dabei könnte der Standort Dresden, was Biotechnologie betrifft, noch sehr viel stärker wachsen, noch mehr Firmen aus der Pharmabranche, Biotechnologie und Medizintechnik ansiedeln. Da wird ein enormes Potenzial nicht genutzt.

Was raten Sie der Stadt Dresden?

Wir erleben gerade den Wechsel vom 5. zum 6. Kondratieff-Zyklus, also eine neue lange Welle in der Wirtschaftsentwicklung, die der russische Wirtschaftswissenschaftler entwickelt hat. Das heißt: Biowissenschaften lösen die Mikroelektronik und Informations- und Kommunikationstechnologien als treibende Kraft des Fortschritts ab. Als Technologiestandort sollte Dresden prüfen, ob man vorbereitet ist.

Könnte oder müsste der Freistaat da gegensteuern?

Die Landesregierung hat extrem viel getan in diesem Bereich – und in den zurückliegenden 20 Jahren rund eine Milliarde Euro investiert. Sie kann nicht direkt in die Standorte eingreifen. Aber sie könnte und wie ich finde, müsste über ihre Wirtschaftsförderung Biotechnologie im Interesse Sachsens weit stärker unterstützen. Lebenswissenschaften sind leider kein Selbstläufer – bei zum Teil 20 Jahren Entwicklungszeit zwischen der ersten Idee und den ersten Einnahmen durch den Verkauf des Produktes wird bei jedem Unternehmen irgendwo mal die Luft knapp.

Fordern Sie mehr Fördermittel?

Ja. Viele Standorte auf der Welt lösen dieses Problem des hohen Finanzbedarfs durch leichter verfügbares Risikokapital. Wir kompensieren bei uns das Fehlen dieses Kapitals durch Fördermittel. Das ist gut, hat aber Grenzen. Wir werben dafür, das Innovationsökosystem durch zusätzliche Unterstützungsplattformen weiter auszubauen – vor allem nach erfolgter Gründung. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir haben einen Technologie- und Gründerfonds in Sachsen, mit 147 Millionen Euro. Das klingt viel, ist aber wenig für eine teure Branche wie die Biotechnologie. Außerdem müssen wir uns dieses Geld mit allen anderen Technologien teilen.

Wie hilft Ihr Verband den Unternehmen der Biotech-Branche?

Wir beraten sie in Forschung und Entwicklung, wir vernetzen sie. Und wir informieren sie über die Zulassungsvoraussetzungen. Demnächst helfen wir auch direkt bei der Bewältigung regulatorischer Anforderungen. Denn die sind in dieser Branche hoch – schließlich geht es bei biotechnologischen Produkten oft um einen Einsatz am Menschen. Kurz: Wir versuchen, Problemlöser zu sein. Insbesondere den jungen Unternehmen möchten wir helfen, indem wir die gesammelte Erfahrung des gesamten Netzwerkes erschließen. Etwa mit dem Programm Medical Forge Leipzig: Es unterstützt Unternehmen dabei, ihre Medizinprodukte schneller in den deutschen Gesundheitsmarkt zu bringen. Im April fangen die ersten acht Teams an, mit einem erstaunlich hohen Anteil ausländischer Teams, die dieses Programm nutzen möchten, um sich hier ein Standbein aufzubauen. Wenn in jedem neuen Jahr von den jeweils acht nur fünf in Sachsen hängen bleiben und nach den ersten drei Mitarbeitern jedes Jahr um zwei Mitarbeiter wachsen, dann hätten wir nach acht Jahren 400 neue Jobs. Übrigens: Ursprünglich haben wir das Programm für Dresden konzipiert. Aber nur in Leipzig fanden wir Partner.

 

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Die erfolgreichste Gründerin in Sachsen kommt aus Pirna

Die erfolgreichste Gründerin in Sachsen kommt aus Pirna

Hotelgewerbe, Textil und Frisörgewerbe – aus diesen drei Branchen kommen die diesjährigen Gewinnerinnen des Sächsischen Gründerinnenpreises.

Sachsens höchstes Hotel: Fichtelberghaus wird nicht geschlossen

Sachsens höchstes Hotel: Fichtelberghaus wird nicht geschlossen

Das bekannte Fichtelberghaus im Erzgebirge bekommt einen neuen Pächter aus Sachsen. Auch die Mitarbeiter werden übernommen.

Görlitzer Bäcker empfängt Kretschmer bei Kerzenschein

Görlitzer Bäcker empfängt Kretschmer bei Kerzenschein

An diesem Freitag blieb in vielen Bäckereien im Kreis Görlitz das Licht aus. Sachsens Regierungschef unterstützt den Protest.

Was die neue B170 alles kann

Was die neue B170 alles kann

Der Ausbau der Bundesstraße zwischen Bannewitz und Dresden bringt Vorteile für Anwohner, Autoindustrie und Wissenschaftler.