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Sachsen ist Musterschüler bei der Zahlungsmoral

22.06.2020
Firmen im Freistaat sind bundesweit die zweitpünktlichsten Schuldner – trotz Corona. Den größten Verzug gibts am Bau.

Von Michael Rothe 

Wer hätte das gedacht: Trotz meist schlechter oder gar zum Erliegen gekommener Geschäfte begleichen die Unternehmen in Sachsen offene Rechnungen relativ pünktlich. Das geht aus einer Studie von Creditreform für das 1. Quartal 2020 hervor, an dessen Ende Corona bereits Spuren hinterlassen hatte. „Auch im April und im Mai gab es keine signifikanten Veränderungen“, ergänzt Thomas Schulz, Vertriebschef der Wirtschaftsauskunftei in Dresden.

Den Angaben zufolge waren Rechnungen bis Ende März im Durchschnitt aller Branchen 8,8 Tage überfällig. Das ist für den Zeitraum zwar gut ein Tag mehr als beim Zehnjahresbestwert vor einem Jahr, aber zwei Tage besser als im vorherigen Quartal. Damit rangieren die Unternehmen im Freistaat knapp hinter den Bayern auf dem 2. Platz. Am säumigsten sind Firmen in Mecklenburg-Vorpommern mit fast zwölf Tagen. Im Bundesmittel werden Rechnungen zehn Tage zu spät bezahlt.

Die guten Sachsen-Zahlen kommen für Schulz nicht überraschend. „Viele Unternehmen dort haben gegenüber Westfirmen eine bessere Ausgangslage für die Bewältigung der aktuellen Krise“, so der Prokurist. „Sie verfügen mit rund 36 Prozent über die bundesweit höchste Eigenkapitalquote und eine solide Kapitalausstattung.“ Nach Umsatzrückgängen, Corona-bedingten Verlusten und neuen Krediten werde sich die Quote aber deutlich verringern, prophezeit er. 

Ferner hätten viele Chefs in den letzten 30 Jahren Krisenerfahrung gesammelt, Flexibilität bewiesen und früh reagiert. Und: „Die Kleinteiligkeit der sächsischen Wirtschaft wird den Abschwung, wie schon in der Finanzkrise 2008/09, dämpfen“, ist Schulz überzeugt. 87 Prozent der Unternehmen im Freistaat erwirtschaften weniger als 500.000 Euro Jahresumsatz.

Bei grundsätzlich gestiegener Bereitschaft, Rechnungen pünktlicher zu bezahlen, gibt es zwischen den Branchen große Unterschiede. Besonders viel Zeit lassen sich traditionell Baubetriebe mit im Schnitt zwei Wochen über dem Soll. Anders der Einzelhandel: Dort müssen Gläubiger nur gut vier Tage länger als vereinbart auf ihr Geld warten.

Das Zahlungsverhalten ist ein wichtiger Parameter für die Liquidität der Unternehmen. „Trotz der positiven Entwicklung bleiben viele Firmen auf Forderungen sitzen“, sagt Creditreform-Mann Schulz. Häuften sich nicht oder zu spät beglichene Rechnungen, kämen Lieferanten ohne ausreichende Rücklagen in Not. Aufträge könnten dann nicht vorfinanziert werden, die Substanz der Unternehmen werde angegriffen. 

Selbst starke Betriebe könnten so in Existenznot geraten. „Gerade kleine Gläubiger leiden unter dem egoistischen Grundsatz: Der Lieferantenkredit ist noch immer der billigste“, kritisiert Schulz. Für die Berechnung des Zahlungsverzugs in Sachsen hat der Marktführer für Wirtschaftsinformationen und Inkasso in Deutschland und Europa 70.000 überfällige Rechnungen von 15.000 Firmen analysiert.

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten neben anderen der Sportartikler Adidas und der Schuhhersteller Deichmann angekündigt, die Mieten für ihre wochenlang geschlossenen Filialen auszusetzen. Nach massiver Empörung der Öffentlichkeit waren sie zurückgerudert, fühlten sich missverstanden. Auch die Baumarktketten Obi und Hagebau bezahlen angesichts geringerer Umsätze wegen der Corona-Krise und zum Schutz ihrer Liquidität ihre Lieferanten später als üblich. 

Hagebau bat seine Geschäftspartner dafür um Erlaubnis. Konkurrent Obi fragte gar nicht erst, sondern kündigte in einem Schreiben an, befristet auf vier Zahlungsläufe „das Zahlungsziel um jeweils zusätzliche 30 Tage zu verlängern“.

Obwohl die Pleitewelle bislang ausgeblieben ist, rechnen Experten wie Crifbürgel, Konkurrent von Creditreform, bundesweit mit über 29.000 Insolvenzen, gut die Hälfte mehr als 2019. Die Folgen der Pandemie werden laut Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) erst in den nächsten Monaten sichtbar – auch, weil die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen unter bestimmten Umständen bis Ende September ausgesetzt wurde.

Thomas Schulz von Creditreform sieht besonders Branchen gefährdet, die schon vor Corona gekränkelt haben. In der Autoindustrie sowie im Maschinen- und Anlagenbau habe aufgrund der rückläufigen Nachfrage bereits 2019 eine Rezession begonnen. Diese Zweige litten nun zusätzlich unter den Corona-Folgen – ebenso ihre Zulieferer, wie die jüngsten Pleiten der Autozulieferer Veritas in Neustadt, Minda KTSN in Pirna und Druckguss Heidenau belegten. 

Wegen der Pandemie steige die Insolvenzgefahr vor allem in risikobehafteten Branchen wie Tourismus, Gastronomie und kleinteiliger Einzelhandel, so Schulz. „Kleinere Betriebe werden die Situation schwerer schultern können, größere Unternehmen tendenziell profitieren.“

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