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Sachsen will führender Wasserstoff-Standort werden

13.07.2021
Der Innovationsbeirat stellt zehn Missionen für die Strukturentwicklung im Freistaat vor. Wo könnte Sachsen in Zukunft brillieren?

Von Nora Miethke 

Der von Ministerpräsident Michael Kretschmer ins Leben gerufene Innovationsbeirat Sachsen hat seine Empfehlungen für eine „zukunftsweisende Strukturentwicklung im Freistaat“ vorgelegt. Unter der Überschrift „Mission Sachsen 2038“ haben die 17 Mitglieder unter Vorsitz des früheren Präsidenten der TU München, Professor Wolfgang Herrmann, zehn Zukunftsmissionen beschrieben, für die sie schon vorhandene Kompetenzen sehen, auf denen aufgebaut werden kann. „Es sind keine Patentrezepte, vielmehr Vorschläge, mit denen der Strukturwandel beherrschbar gemacht werden kann“, sagt Herrmann im Anschluss an die zweitägige Sitzung in einem Hotel am Berzdorfer See.

Die ersten beiden Missionen sehen Sachsen als Energiemodellregion und Wasserstoffmodellregion. Schwerpunkt der Beratungen waren die Potenziale für eine sächsische Wasserstoffwirtschaft. Mehrere Unternehmen und Forschungseinrichtungen stellten in einer Praxisschau vor, woran sie auf diesem Gebiet forschen und arbeiten. Die Vision des Innovationsbeirates ist die Industrialisierung der Wasserstofftechnologien für den globalen Markt. Vorteilhaft sei, dass Sachsen mit den Kraftwerksstandorten in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier über die notwendige Infrastrukturanbindung und gut ausgebildete Fachkräfte mit energietechnischem Know-how verfüge, heißt es in dem Bericht.

Erste emissionsfreie Straßenbahn?

Auch Katherina Reiche, Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG und Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung, die als Gast teilnahm, sieht den Freistaat gut aufgestellt. Sie nannte als ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, dass sich Sachsen auch schon über die Abnehmerseite Gedanken gemachte habe, also wer den Wasserstoff nutzen kann. „Wir brauchen die Elektrifizierung von Bahnstrecken. Aber der Zughersteller Alstom setzt auf Wasserstoffzüge“, so Reiche.

In einigen Städten gäbe es Bestrebungen, die Straßenbahnen auf Wasserstoff umzustellen. Eine Vision könnte also sein, dass die in der Oberlausitz ansässigen Schienenfahrzeughersteller in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft die erste emissionsfreie Straßenbahn in Europa entwickeln.

Sachsen muss Kontakt suchen

Der Nationale Wasserstoffrat hat 80 konkrete Maßnahmen für die nächste Bundesregierung erarbeitet, um den Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft zu ermöglichen. Das erfordere allerdings höhere Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien und eine Beschleunigung von Genehmigungsverfahren – auch in Sachsen, mahnte Reiche an. Der Genehmigungsprozess eines kleineren Windparks dauere inzwischen bis zu zehn Jahren, kritisierte sie.

Auch in Sachsen gibt es zahlreiche Akteure, Projekte und Ideen rund um das Thema grüner Wasserstoff – viele einzelne Puzzleteile, die noch kein ganzes Bild von Sachsen als Wasserstoffland ergeben und besser koordiniert werden müssen. Dafür soll ein neues „Koordinierungszentrum Wasserstoff“ sorgen, das die Landesregierung „in einigen Wochen“ ins Leben rufen will im Rahmen der sächsischen Wasserstoffstrategie, die dann vorgestellt werden soll, kündigte Kretschmer an.

Lausitz könnte Recycling-Zentrum werden

Wolfgang Herrmann, der mit der Ansiedlung von mehreren Lehrstühlen Straubing im strukturschwachen Niederbayern zu einem Universitätsstandort entwickelte, sieht aber noch zwei weitere Missionen, die Erfolg versprechen würden – der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft und im Bereich der Bioökonomie, Biotech und Biopharma. Diese Felder seien bundesweit noch wenig bestellt, „hier kann sich Sachsen als Pionier zeigen“, so Herrmann. Konkret sieht der Innovationsbeirat sehr gute Voraussetzungen dafür, die Lausitz zu einem deutschlandweit führenden Zentrum für zirkuläres Wirtschaften für Batterie-, Baustoff- und Phosphorrecycling, Leichtbau und Verpackungen weiterzuentwickeln.

„Eine Mission ist eine Aussendung, die bei den Menschen ankommen muss“, betonte Herrmann. Das könne nur gelingen, wenn alle Kräfte zusammenwirken, forderte der Hochschulexperte. Wirklichen Erfolg im Strukturwandel werde Sachsen aber nur erzielen, wenn es auf Allianzen setze und den Willen zeigt, mit anderen Regionen zusammenzuarbeiten. Und da sieht Herrmann als erstes die ostdeutschen Bundesländer sowie die Nachbarstaaten Polen und Tschechien. Kretschmer versprach schon mal, noch stärker mit den ostdeutschen Länderchefs den Schulterschluss beim Thema Wasserstoff zu suchen. Auf der nächsten Sitzung Anfang 2022 will sich der Innovationsbeirat mit dem Thema Mikroelektronik beschäftigen.

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