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Sachsens Autozulieferern droht eine Pleitewelle

17.06.2020
In kurzer Zeit melden gleich drei große Betriebe Insolvenz an. Staatshilfen und Kurzarbeitergeld infolge der Corona-Krise verschaffen nur wenig Luft.

Von Michael Rothe

Nun kommt es knüppeldick für Sachsens stolze Autozulieferbranche. Mit der Minda KTSN Plastic Solutions GmbH & Co. in Pirna ist seit Ende April bereits das dritte große Unternehmen pleite. Nach SZ-Informationen hat der Hersteller von Kunststoffteilen für den Auto-Innenraum schon vor einer Woche Insolvenz angemeldet. Zuvor hatte es bereits die Veritas Sachsen GmbH erwischt und zuletzt die DGH Heidenau GmbH & Co. KG – alle Mitausrüster großer Automarken. In Summe sind mehr als 1.200 Mitarbeiter betroffen.

Die Automobil- und Zulieferindustrie hat für den Freistaat große Bedeutung. 95.000 Beschäftigte erwirtschaften dort ein Viertel der sächsischen Industrieproduktion. 815 Betriebe mit 75.000 Mitarbeitern liefern VW, BMW, Mercedes & Co Teile zu oder arbeiten als deren Dienstleister.

Veritas in Neustadt, Ableger der Poppe-Veritas-Gruppe und bis 2012 als Ostsächsische Gummiwerke Polenz GmbH bekannt, fertigt u. a. Luftführungskomponenten sowie Zahnriemenräder und Riemenscheiben aus Duroplast. Rund 260 Beschäftigte erwirtschafteten 2019 gut 83 Millionen Euro Umsatz. Die 650 Beschäftigten der DGH Group in Heidenau produzieren Struktur-, Motor- und Getriebeteile aus Aluminium- und Magnesium-Druckguss. In der Bilanz des vergangenen Jahres stand ein Konzernumsatz von fast 126 Millionen Euro. Das Unternehmen ist nach 2012 bereits zum zweiten Mal insolvent.

Bei der Kunststofftechnik Sachsen, kurz KTSN, kommt die Hiobsbotschaft überraschend. Das seit 2007 vom indischen Minda-Konzern geführte Unternehmen mit rund 300 Mitarbeitern stellt auch Handschuhfächer, Sitzverschalungen, Getränkehalter, Fensterrahmen her – ein Jahresgeschäft von zuletzt fast 57 Millionen Euro. Die Pirnaer waren aus dem VEB Presswerk Ottendorf-Okrilla hervorgegangen, mit bis zu 2.700 Beschäftigten größter plastverarbeitender Betrieb der DDR.

„Das war zu 100 Prozent Corona“

Befragt nach der Insolvenzursache sagt der vorläufige Verwalter Rainer Bähr: „Das war zu 100 Prozent Corona.“ Auch der Zulieferer habe Lieferanten, u. a. in Italien. Zwar sei kein Vertrag mit einem Autobauer gekündigt worden, „aber wenn die Autohäuser zu sind, wird auch kein Porsche oder BMW verkauft“, sagt er. Bähr spricht von „Schicksalsgemeinschaft“ – und „in der Nahrungskette werden die Fische nach unten immer kleiner“. Die Produktion in Pirna laufe, es gebe keine Freistellungen. „Ich habe schon Gespräche mit Kunden und zwei potenziellen Investoren geführt“, macht der Anwalt Hoffnung. Für die Branche schwant ihm aber nichts Gutes: „Da kommt noch einiges auf Sachsen zu.“

Angesichts des umfassenden Strukturwandels und der Absatzkrise in der Autobranche galten die Zulieferer schon vor der Epidemie als Risikopatienten. Corona gibt manchem nun den Rest. Stellenabbau ist noch das kleinere Übel. Das Drama erfasst bundesweit nahezu alle Marktteilnehmer: von Konzernen wie Continental, ZF und Brose bis hin zu „Nonames“.

Nach einer Umfrage des sächsischen Automobilzuliefernetzwerks AMZ rechnet 2020 gut die Hälfte der Unternehmen mit rückläufiger Beschäftigung. 43 Prozent schätzen das Risiko einer akuten wirtschaftlichen Notlage in diesem oder nächstem Jahr als hoch ein, elf Prozent sogar als sehr hoch.

Laut Branchenverband VDA fahren die Autobauer ihre Produktion nur langsam hoch: Nach fünf Monaten habe ihre Fertigung bei knapp 1,2 Millionen Einheiten gelegen, dem niedrigsten Wert seit 1975. Auch das Exportgeschäft bleibe außerordentlich schwach, heißt es.

Ist das insolvente Sachsentrio Vorbote einer nur verschobenen Pleitewelle? Seit 2010 waren die Insolvenzzahlen in Deutschland über alle Branchen rückläufig, und im Mai sind sie nur leicht gestiegen. „Jedoch sind erstmals deutlich mehr große Firmen und somit mehr Arbeitskräfte betroffen“, warnt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Und in Sachsens kleinteiliger Wirtschaft gelten schon Adressen mit einigen Hundert Beschäftigten als groß.

Ausmaß der Pleitewelle kommt noch

Die Entwicklung ist für Steffen Müller nicht überraschend. „Wir haben schon in der Finanzkrise 2008/2009 beobachtet, dass deutlich größere Unternehmen Insolvenz anmelden als in normalen Zeiten“, sagt der IWH-Chef für Strukturwandel und Produktivität. Jenseits von Wirtschaftskrisen schafften es angeschlagene Großbetriebe besser als kleine Firmen, Pleiten durch rechtzeitige Sanierungsmaßnahmen zu vermeiden. Aber in der akuten Krise fehle oft die Zeit.

Auch wenn wegen Corona schon jetzt viele Firmen aufgäben, sei das Ausmaß der Pleitewelle erst in den nächsten Monaten sichtbar, prophezeit der Wirtschaftsforscher – „auch, weil die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen unter bestimmten Umständen bis 30. September ausgesetzt wurde“. Außerdem würden viele Unternehmen über Reserven verfügen und nicht sofort bei Ausbruch einer Krise Insolvenz anmelden. Und schließlich hätten Soforthilfen und andere staatliche Maßnahmen geholfen, die Pleitewelle zumindest aufzuschieben, sagt der Experte.

Derweil nennt das sächsische Zuliefernetzwerk AMZ die Einschätzungen seiner Mitglieder zu Insolvenzrisiken aufgrund von Liquiditätsengpässen „alarmierend“. Momentan sei das Kurzarbeitergeld Hauptmittel der Unternehmen, um ihre Liquidität sicherzustellen.

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