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Sachsens Firmenchefs erwarten etwas schlechtere Geschäfte

Dresden 08.02.2019
Neue Arbeitsplätze versprechen sie trotzdem.

Zehn Jahre liegt die letzte große Krise zurück – und eine neue ist nicht in Sicht. „Der sächsischen Wirtschaft geht es gut“, sagte am Donnerstag Andreas Sperl. Der Chef der Elbe-Flugzeugwerke ist zugleich Präsident der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK). Seine jüngste Umfrage unter rund 1 800 Firmenchefs in Sachsen zeigt, dass das Geschäftsklima zwar etwas kühler ist als vor einem Jahr. Das Wachstum lässt nach, „aber Gott sei Dank gibt es noch Wachstum“, sagte Sperl. Es gebe keinen Grund zum Jammern, sagten auch Vertreter der Handelskammern aus Leipzig und Chemnitz. Allerdings fielen ihnen dennoch viele mögliche Risiken sowie Wünsche an Politiker ein.

Laut IHK-Präsident Sperl ist die Stimmung „nicht mehr ganz so euphorisch wie vor einem Jahr“. Mit 1,2 Prozent Wachstum in Sachsen rechnet das Ifo-Institut für dieses Jahr. Die Ifo-Wirtschaftsforscher haben auch eine Umfrage zum Geschäftsklima in Ostdeutschland gemacht und festgestellt: Die Erwartungen für die kommenden sechs Monate gehen „merklich“ zurück, aber nicht in der Industrie.

Bei Dienstleistern ist die Stimmung laut IHK-Umfrage sogar „hervorragend“, dank starker Nachfrage. Sperl sagte auf Nachfrage, er glaube nicht, „dass es zu einer längeren Abwärtstendenz kommt“. Ein Ende des Konjunkturzyklus ist für ihn nicht zu erkennen. Auch Gerd Ziemer, einer der Geschäftsführer in der IHK zu Leipzig, sieht „keine harte Landung und keinen Grund zu irgendwelcher Panik“.

Zu den Wachstumstreibern gehört weiterhin die Bauindustrie. Obwohl sie die Preise erhöht hat, sind die Aufträge für dieses Jahr noch einmal kräftig gestiegen. Sperl machte darauf aufmerksam, dass nicht etwa der Wohnungsbau den größten Teil der Aufträge beisteuert. Vielmehr investieren Industrie und Gewerbe in neue Hallen. Um fast 23 Prozent sind die Aufträge für den gewerblichen Bau voriges Jahr gestiegen, im öffentlichen und Straßenbau um fast sieben Prozent. So gingen Sachsens Baufirmen mit einem Auftragsbestand von rund fünf Milliarden Euro ins neue Jahr.

Während die Nachfrage aus dem Inland dank gestiegener Löhne und niedriger Zinsen den Unternehmern Freude macht, sehen sie Risiken im Export. Die Ausfuhren nach Großbritannien sind schon vor dem Brexit gesunken. Auch die USA nehmen weniger Waren aus Sachsen ab. Noch im Jahr 2017 waren die Exporte in beide Staaten sehr stark gewachsen. Vor allem die Autoindustrie hat nun den Schaden. Ihr Umsatz hängt zu mehr als 50 Prozent am Export, doch das gilt auch für Sachsens Maschinenbau, für Elektronik und Chemie. Sperl beklagte die „Muskelspiele zwischen USA und EU“, aber auch die Sanktionen gegen Russland. Nach fünf Jahren seien die sächsischen Exporte dorthin erneut gesunken. Politiker hätten „immer noch nicht gemerkt“, dass die Sanktionen nicht zu politischen Zielen führten. Laut Sperl ist der Schaden für die hiesige Wirtschaft am größten. Laut Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) sind für den jüngsten Rückgang allerdings eher wirtschaftliche Gründe wie die Schwäche des Rubels entscheidend. Dulig nannte es kürzlich einen Trugschluss, dass sich nach einem Ende der Sanktionen sofort Erfolge einstellen würden.

Weiter gewachsen sind Sachsens Exporte nach China, und Sperl setzt auch große Hoffnungen in das neue Freihandelsabkommen mit Japan. Dadurch gebe es so gut wie keine Zölle mehr im Handel mit einer der wichtigsten Wirtschaftsnationen.

Geht es nach der Umfrage, schaffen Sachsens Unternehmer in diesem Jahr erneut Arbeitsplätze. In den vergangenen fünf Jahren entstanden rund 77 500. Nun wollen erneut 22 Prozent der Firmenchefs mehr Stellen schaffen, zwölf Prozent wollen reduzieren. Freilich kreuzt der größte Teil der Unternehmer den Fachkräftemangel als Hauptrisiko an. Vor allem Verkehr und Bau nennen diese Sorge. Sperl hofft auf ein gutes Zuwanderungsgesetz.

Als neue Chancen sehen Sachsens Unternehmer beispielsweise Digitalisierung, Breitbandausbau und Online-Geschäfte. Was das Elektro-Auto für die künftige Industrielandschaft in Sachsen bedeutet, können sie noch nicht recht einschätzen. Der Chemnitzer IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich erwartet diese Prognose-Fähigkeit auch nicht bei Politikern und verlangt deshalb, für verschiedene Technologien offen zu bleiben. In Sachsen seien außer den Autofabriken auch 780 Lieferanten und Dienstleister vor allem auf Verbrennungsmotoren ausgerichtet. „Alle Unternehmer fragen sich, ob sie noch richtig unterwegs sind“, sagte Wunderlich. Sie seien hellwach. Einige würden auf der Strecke bleiben, doch das Gros werde zurechtkommen. „Wir reden nicht über Krisenszenarien“, sagte der Chemnitzer.

 

Von Georg Moeritz

Grafik: © SZ

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