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Sachsens Nahverkehr kämpft um abtrünnige Kunden

19.07.2021
Die Nahverkehrsunternehmen in Sachsen lassen sich einiges einfallen. Doch sie brauchen 92 Millionen Euro Corona-Hilfe von Land und Bund.

Von Michael Rothe 

Das Wichtigste ist: Wir sind noch da“, sagt Burkhard Ehlen, Chef der Verkehrsverbund Oberelbe GmbH (VVO). Trotz der Pandemie habe der Verbund sein Angebot aufrechterhalten und nicht gekürzt, so der Geschäftsführer.

Sachsens öffentlicher Personennahverkehr wird von den Landkreisen und kreisfreien Städten organisiert. Dafür gibt es fünf Verkehrsverbünde wie den VVO für die Region Oberelbe, den ZVON für Oberlausitz-Niederschlesien und den VMS für Mittelsachsen mit Döbeln.Lockdown, Homeoffice und die Sorge vor Ansteckung hatten die Fahrgastzahlen und Einnahmen einbrechen lassen.

Reisewarnung bis zum April

Allein dem VVO hätten 2020 gegenüber dem Vor-Coronajahr 30 Millionen Euro an Einnahmen gefehlt, sagt Chef Ehlen. In diesem Jahr seien es weitere 13,6 Millionen Euro. Ein Grund: Bis in den April habe es eine Reisewarnung für den Nahverkehr gegeben, so Ehlen – mit der Folge, dass sich mancher noch immer in Bus und Bahn unwohl fühle. Auch fehlten Reiseanlässe wie Einkauf oder Freizeitangebote.

Der ÖPNV sei zwar „der Problemlöser beim Klimaschutz“, aber „ausgerechnet jetzt in der Krise, wo wir ihn so dringend brauchen“ und die Innenstädte sich wieder füllen sollen, klagt Stephan Kühn (Grüne), Dresdens Bürgermeister unter anderem für Verkehr. Die Landeshauptstadt wolle vor 2050 klimaneutral werden, so der Beigeordnete. Der Stadtrat habe beschlossen, dass 2030 30 Prozent der Wege vom ÖPNV bedient werden sollen statt derzeit 20 Prozent. Es gelte, die Liquidität der Unternehmen zu sichern, ruft Kühn nach einem „wichtigen Impuls aus dem sächsischen Kabinett“.

Es fehlen 7 Milliarden Euro

Der frühere Verkehrsexperte seiner Partei im Bundestag fordert ein Stabilisierungsprogramm und eine Investitionsoffensive. Bus und Bahn seien in Dresden im Schnitt mit 20 km/h unterwegs, Pkw mit 27 km/h. Der Stadtrat werde zusätzlich sieben Millionen Euro zur Beseitigung von Holperpisten für Busse und Langsamfahrstrecken der Straßenbahn bewilligen.

Trotz der Pandemie waren Busse und Bahnen im Nahverkehr fast uneingeschränkt im Einsatz – auch im Betriebshof Gorbitz der Dresdner Verkehrsbetriebe.
Trotz der Pandemie waren Busse und Bahnen im Nahverkehr fast uneingeschränkt im Einsatz – auch im Betriebshof Gorbitz der Dresdner Verkehrsbetriebe. © André Wirsig

Mit verbessertem Angebot, digitalen Lösungen sowie attraktiven Tickets und Tarifen will die Branche verlorene Mitfahrer zurück- und neue hinzugewinnen. Für Abo-Kunden gibt es in den am Wochenende beginnenden Sommerferien Aktionen – als Dankeschön für ihre Treue in schwerer Zeit. Bund und Länder hatten im vorigen Jahr einen gemeinsamen und hälftig finanzierten Rettungsschirm aufgespannt, um die Einnahmeausfälle auszugleichen: nach Berechnungen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) 2020 und 2021 bundesweit sieben Milliarden Euro.

Davon entfallen laut Andreas Hemmersbach, Vorsitzender der VDV-Landesgruppe Sachsen/Thüringen, „insgesamt 160 bis 170 Millionen auf Sachsen“. Die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB), deren Vorstand für Finanzen und Technik er ist, hätten vor Corona 165 Millionen Fahrgäste befördert, 2020 seien es nur noch 115 Millionen gewesen. Mittlerweile sei man bei 80 Prozent der Nachfrage angekommen. Hemmersbach taxiert die Mindereinnahmen in diesem Jahr auf 20 Millionen Euro. Auch der DVB-Vorstand hofft auf Hilfe durch Sachsens Rettungsschirm.

Streit um 2 Rettungsschirm

Doch um dessen Neuauflage gibt es seit Wochen heftigen Streit in der Landesregierung. Nach SZ-Informationen geht es für das laufende Jahr um 92 Millionen Euro, von denen der Freistaat 70 Millionen aufbringen muss. Weil die Ausfälle der Kommunen bei der ersten Tranche aus Sicht des Finanzministeriums überkompensiert worden seien, habe sie Minister Hartmut Vorjohann (CDU) nun mit 20 Prozent an den Kosten beteiligen wollen, heißt es. Der Eigenanteil sei aber, Stand Montag, vom Tisch.

Für Stephan Kühn, Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden, Andreas Hemmersbach, Vorsitzender der VDV-Landesgruppe Sachsen/Thüringen und Vorstand der Dresdner Verkehrsbetriebe, Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig, sowie Burkhard Ehlen, Geschäftsführe
Für Stephan Kühn, Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden, Andreas Hemmersbach, Vorsitzender der VDV-Landesgruppe Sachsen/Thüringen und Vorstand der Dresdner Verkehrsbetriebe, Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig, sowie Burkhard Ehlen, Geschäftsführe © Anja Schneider

Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) soll für Dienstag mit der bislang kürzesten Kabinettssitzung gedroht haben – zulasten von CDU-Vorhaben auf der Tagesordnung. Er hatte wohl Erfolg. Dem Vernehmen nach sollen die coronabedingten Ausfälle der Verkehrsunternehmen zu 100 Prozent ausgeglichen werden.

Dulig betont vor der Presse, wie wichtig ein starker ÖPNV, „ein Herzensanliegen von mir“, für die Mobilitätswende sei. Er feiert das über viele Jahre immer wieder verschobene und nun ab 1. August geltende Bildungsticket als „großen Schritt zur Steigerung von dessen Attraktivität“.

Bus und Bahn sind sicher

Laut Stephan Naue, Leiter Produktmanagement bei Bahntochter DB Regio Sachsen, sind die Fahrgastrückgänge im Freistaat deutlich geringer als etwa in Bayern. Der Manager führt das auch darauf zurück, dass Homeoffice mangels Verwaltungsjobs hierzulande nicht so verbreitet sei wie in anderen Bundesländern.

Die Nutzung von Bussen und Bahnen sei sicher, betonen die Teilnehmer des gemeinsamen Presseauftritts vom Montag und berufen sich auch auf mehrere Studien. Das Vertrauen der Fahrgäste kehre langsam zurück, heißt es. Die bundesweite Gemeinschaftskampagne #BesserWeiter von Bund, Ländern, Verbänden und Unternehmen soll nun letzt Zweifel zerstreuen. Nachdem im ersten Schritt für die Einhaltung der Hygieneregeln in Bussen und Bahnen sensibilisiert wurde, steht jetzt die Rückgewinnung der Fahrgäste im Fokus.

Lockangebote für die Sommerferien und darüber hinaus

  • Der VVO bietet mit der App Fairtiq als erster Verbund in Sachsen Fahrgästen die Möglichkeit, einfach ein- und per Start-Stop-Funktion ohne eigenes Zutun auszuchecken.
  • Ferner können in den Sommerferien alle Nutzer von Abo-Monatskarten und Jobtickets, egal welcher Tarifzone oder Preisstufe, im Verbund fahren und zum Normalpreis ganztägig einen Erwachsenen und vier Schüler bis 15 Jahre mitnehmen.
  • Gelegenheitsnutzer können vom 28.7.-1.9. mittwochs zwei Erwachsene und vier Schüler bis 15 Jahre mit einer Familientageskarte für eine Tarifzone im gesamten VVO unterwegs sein. Familien sparen so bis zu 11,50 Euro.
  • DB Regio Südost bietet auf bahn.de und im DB Navigator eine Auslastungsanzeige an. Zudem gilt das Länderticket bis zum 30.9. wochentags schon vor 9.00 Uhr in allen öffentlichen Verkehrsmitteln in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Bis zum 31.10. werden an Sonn- und Feiertagen zusätzliche Züge in die Sächsische und Böhmische Schweiz eingesetzt.
  • In Sachsen startet am 1.8. das Bildungsticket. Es macht Schülerinnen und Schüler für 15 Euro im Monat im Verbund mobil.Abo-Kunden der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) dürfen von 26.7.-3.9. alle Linien der MRB und der Freiberger Eisenbahn ohne Zuzahlung nutzen sowie eine/n Erwachsene/n und drei Kinder bis 15 Jahre mitnehmen.
  • Das Guten-Tag-Ticket gilt auch montags bis freitags von 0.00-3.00 Uhr des Folgetags und beliebig oft in der 2. Klasse für bis zu fünf Personen. (SZ/mr)

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