wvifctvcq446ruej8hgxkv6jdu5msjk9.jpg

Sachsens Wirtschaftsminister: Gaslieferungen sind "positives Signal"

25.07.2022
Deutschland müsse unabhängiger von russischem Gas werden, sagt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. Doch die Verunsicherung in der Branche ist groß.

Die Wiederaufnahme der Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 haben Branchenvertreter in Sachsen und Sachsen-Anhalt unterschiedlich gewertet. Die wieder angelaufenen Erdgaslieferungen schafften für die Gasversorgung mehr Planungssicherheit, sagte ein Sprecher der Ontras Gastransport GmbH am Donnerstag. Allerdings sei man davon ausgegangen, dass weiter Gas durch die wichtige Ostsee-Pipeline geliefert werde. Vom technischen Standpunkt habe es wenig Anzeichen für einen Stopp gegeben.

Aktuell sind die Gasspeicher des Unternehmens zu etwa 85 Prozent gefüllt. Was im Winter passiert, könne er aber nicht absehen, sagte der Sprecher. "Das wäre zu früh für Spekulationen." Es ergebe aber weiter Sinn, Gasmengen einzusparen. "Das hilft uns, angespannte Situationen abzufedern", sagte er. Die Ontras Gastransport GmbH betreibt nach eigener Aussage das 7.700 Kilometer umfassende Fernleitungsnetz in Ostdeutschland und verantwortet den Transport gasförmiger Energie. Das Versorgungsgebiet reicht von der Ostsee bis nach Sachsen.

Der Gasimporteur VNG äußerte sich zurückhaltend. Insgesamt bleibe die Lage am Markt angespannt, sagte eine Sprecherin der Leipziger Firma am Donnerstag. Zwar werde es wahrscheinlicher, dass Deutschland ohne Gasmangellage durch den Winter kommen könnte. "Die Wahrscheinlichkeit einer Gasmangellage im Winter ist aber neben den russischen Gaslieferungen auch stark vom Temperaturverlauf abhängig", sagte die Sprecherin. Die Logik dahinter: Je kälter es im Herbst und Winter ist, desto mehr Gas wird für das Heizen verbraucht.

VNG hält sich bei Einschätzung zurück

Unternehmen wie VNG stünden weiter vor großen Herausforderungen. "Unseren Auftrag sehen wir weiterhin darin, einen Beitrag zur Sicherung der Versorgung zu leisten sowie Schaden von unseren Kunden und von VNG abzuwenden." Neben Uniper gehört VNG zu den großen deutschen Gasimporteuren. Die Firmen haben das Problem, dass sie wegen geringerer Lieferungen aus Russland zusätzliches Gas am Markt einkaufen müssen, um langfristige Verträge bedienen zu können. Diese Extra-Käufe sind sehr teuer.

Die VNG AG mit Hauptsitz in Leipzig betreibt über die Speichertochter VGS Gasspeicher GmbH vier Speicheranlagen in Bad Lauchstädt, Bernburg, Jemgum und Etzel. Diese sind nach Aussage des Unternehmens aktuell zu knapp 86 Prozent gefüllt.

Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass die Pipeline Nordstream 1 – wie vor der Unterbrechung – zunächst zu etwa 40 Prozent ausgelastet wird. Dies entspräche einem täglichen Gasvolumen von gut 67 Millionen Kubikmetern oder einer Energie von etwa 700 GWh. Vor dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine waren zum Beispiel im Dezember pro Tag noch bis zu 167 Millionen Kubikmeter Gas durch die Leitung gekommen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck Robert Habeck (Grüne) kündigte am Donnerstag ein weiteres Paket zur Energiesicherung an. Dazu gehören schärfere Vorgaben zur Befüllung der Gasspeicher und eine Aktivierung der Braunkohlereserve. Der Kraftwerksbetreiber Leag bereitet sich schon seit Wochen darauf auf, die Blöcke E und F des Kraftwerks Jänschwalde für einen befristeten Dauerbetrieb wieder anzufahren. Die Blöcke befinden sich in Sicherheitsbereitschaft und sollten im Oktober 2022 und Oktober 2023 endgültig stillgelegt werden.

Die Füllstände der Speicher sollen laut Habeck am 1. September zu 75 Prozent erreicht sein, zum 1. Oktober statt wie bisher zu 80 Prozent, dann zu 85 Prozent und zum 1. November statt wie bisher 90 zu 95 Prozent. Weiter geht es in dem Energiepaket um Sparmaßnahmen in öffentlichen Gebäuden und einen verbindlichen „Heizungscheck“. Vorgesehen sind Maßnahmen, um in Wohnungen beim Heizen Gas zu sparen. Hausbesitzern soll es untersagt werden, private Pools mit Gas zu beheizen.

2019 hatten Gasprom-Chef Alexey Miller und VNG-Chef Ulf Heitmüller im Beisein des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer einen umfangreichen Liefervertrag unterschrieben. Foto: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com

2019 hatten Gasprom-Chef Alexey Miller und VNG-Chef Ulf Heitmüller im Beisein des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer einen umfangreichen Liefervertrag unterschrieben. Foto: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig wertet die Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen als „positives Signal“. Der SPD-Politiker warnte am Donnerstag aber zugleich davor, sich jetzt in falscher Sicherheit zu wiegen. Egal wie viel Gas fließe – wichtig sei, jetzt Energie zu sparen und sich mittelfristig unabhängiger von russischem Gas zu machen, sagte Dulig. „Wir wissen nicht, welche Strategie Putin nun hat. Er wird sicherlich ein Interesse daran haben, dass wir weiter in einer Krise bleiben. Deshalb kann man davon ausgehen, dass es schwankende Gaslieferungen geben wird. So oder so stehen wir vor der Herausforderung, uns unabhängiger von Gaslieferungen aus Russland zu machen“, betonte der Wirtschaftsminister. Allerdings werde diese Umstellung der deutschen Energieversorgung noch eine Weile dauern.

„Wir werden alles dafür tun, Energie zu sparen. Und ich sage bewusst Energie, weil wir nach wie vor einen größeren Anteil des Gases zur Verstromung nutzen. Stromsparen hilft also auch, Gas zu sparen“, sagte Dulig. Die Kernkraft hingegen werde Deutschland nicht aus der Krise helfen. Sie habe nur einen Anteil von sechs Prozent an der Stromerzeugung. „Außerdem sind alle Fragen, die mit dem Thema Atomenergie in Verbindung stehen, nicht beantwortet. Die Sicherheitsfragen, die Endlagerfragen“, so der Minister. Er könne sich höchstens eine „pragmatische Lösung“ vorstellen, wenn es darum gehe, ein einzelnes Kraftwerk ein halbes Jahr länger laufen zu lassen. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte sich dafür ausgesprochen, die verbliebenen drei deutschen Kernkraftwerke länger laufen zu lassen.

IHK Dresden: Schnelle Liquiditätshilfen vorbereiten

Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden warnt davor, sich jetzt in Sicherheit zu wiegen. „Unmittelbar scheint die Gefahr massiver Verwerfungen für unsere Wirtschaft gebannt zu sein, wir dürfen jetzt aber nicht den Fehler machen, eine Beruhigungspille zu schlucken“, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder. Die Lage könne sich auch schnell wieder ändern.

Laut Rohleder kommt es darauf an, alle verfügbaren Energiequellen zu erschließen. Dabei dürften massiv gestiegene Kosten nicht außer Acht gelassen werden. „Unsere Betriebe werden das dauerhaft nicht schultern können, weshalb wir eine schnelle Bereitstellung von Liquiditätshilfen und Zuschüssen für besonders stark betroffene Unternehmen und eine Abschaffung oder Reduzierung von Steuern und Abgaben auf Energie brauchen“.

DGB Sachsen fordert Begrenzung der Energiepreise

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Sachsen hatte am Dienstag eine Begrenzung der Energiepreise verlangt. DGB-Chef Markus Schlimbach forderte zudem ein drittes Entlastungspaket des Bundes vor allem für Leute mit geringem Einkommen. „In Sachsen kommen besonders viele Menschen in finanzielle Nöte, da die Einkommen niedriger sind als in anderen Bundesländern“, so Schlimbach. Die Entlastung müsse auch für Rentner, Studierende und Erwerbslose gelten.

"Wir schlagen einen Energiepreisdeckel für Privathaushalte vor. Für jeden Erwachsenen und jedes Kind wird ein Grundbedarf für Strom und Gas festgelegt. Für diese Menge soll es eine Preisgarantie geben. Für Energie, die jemand darüber hinaus verbraucht, muss er oder sie mehr zahlen", erläuterte Schlimbach die Vorstellungen. Damit könne man vor allem Haushalte mit geringeren Einkommen entlasten und zugleich einen Anreiz zum Energiesparen geben.

Eine weitere Forderung des DGB bezog sich auf die sogenannte Übergewinnsteuer. "Einige Unternehmen nutzen die Krise aus, um auf dem Rücken der Verbraucherinnen und Verbraucher zusätzliche Profite zu machen. Diese Krisengewinne müssen mit einer Übergewinnsteuer abgeschöpft werden." Die damit möglichen Einnahmen könne man für weitere Entlastungen zugunsten der Allgemeinheit verwenden. (SZ/dpa)

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Hermes baut Logistikstandort an der A13 in Thiendorf

Hermes baut Logistikstandort an der A13 in Thiendorf

Aus einer 160 Meter langen Halle im Gewerbegebiet Thiendorf soll die Region bis in die Landeshauptstadt Dresden hinein beliefert werden.

Bautz’ner hat kaum noch Senf im Lager

Bautz’ner hat kaum noch Senf im Lager

Leere Regale im Lager, aber auch immer wieder in Supermärkten. Dabei produziert das Senf-Werk in Kleinwelka mehr als im Vorjahr - und gibt in einer Frage Entwarnung.

Einkaufstourismus in Sachsen boomt wegen Rekord-Inflation

Einkaufstourismus in Sachsen boomt wegen Rekord-Inflation

Tschechen kaufen vermehrt im Oberland und in Zittau ein, weil viele Produkte bei ihnen schon viel teurer sind. SZ hat die Preise verglichen.

Ist die Energiewende wirklich gescheitert?

Ist die Energiewende wirklich gescheitert?

Gas sollte die Brücke bis zum vollständigen Ausbau der erneuerbaren Energien bilden. Doch nun wird es eng mit der Gasversorgung. Was das bedeutet.