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Schaden neue Handelsflächen der Dresdner Innenstadt?

22.05.2022
Viele Geschäfte im Dresdner Zentrum stehen leer. Beim Handelsforum sind nun mehrere Ideen gegen den Leerstand diskutiert worden. Kritisch wird die Globus-Ansiedlung gesehen.

Von Kay Haufe

Dresden. Auch wenn die Kunden langsam wieder zurückkehren in die Geschäfte der Innenstadt, ist die Frequenz längst noch nicht so gut wie vor der Corona-Pandemie. Acht Prozent der Dresdner Händler haben in den vergangenen zwei Jahre aufgegeben, sagt Erik Maier, der als Professor am Lehrstuhl für Marketing und Handel an der Leipzig Graduate School of Management lehrt. Dazu kommen 180 leerstehende Geschäfte allein in der City. Das sei keine Katastrophe, denn Fluktuation sei nichts Ungewöhnliches im Handel, und weil es in der Innenstadt die meisten Geschäfte gibt, sei der Leerstand dort auch am stärksten, so Maier.

Wichtig sei aber, jetzt mit guten Ideen etwas gegen leere Schaufenster zu unternehmen. Wie das gehen könnte, diskutierten beim Handelsforum des Dresdner Citymanagements auch Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne), der Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung, Robert Franke, Altmarkt-Galerie-Centermanager Christian Polkow sowie Toni Kunze, Prokurist bei der Edeka-Unternehmensgruppe.

Mehr Leute in City locken

Alles, was Frequenz in die Innenstadt bringt, ist gut für sie, sagt Erik Mayer. Dazu zählen nicht nur die Angebote der Händler und Gastronomen, sondern ebenso anderer Akteure wie Kunst- und Kultureinrichtungen, aber auch die städtische Verwaltung. Hier soll Dresden künftig mit dem neuen Verwaltungszentrum punkten, was am Ferdinandplatz entsteht. Die 1.300 Mitarbeiter, die künftig dort arbeiten werden, sind wie die Dresdner, die dort eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, auch potenzielle Kunden der Händler und Gastronomen.

Ähnlich attraktiv ist eine gemischte Nutzung der Innenstadt, in der es neben Büro- und Handelsflächen auch Wohnungen und Hotels gibt, die abends Publikum garantieren. Diesen Weg ist Dresden in den vergangenen Jahren schon gegangen, zahlreiche Wohnungen sind am Postplatz, an der Wallstraße sowie am Neumarkt entstanden. Die Hoteldichte in der Innenstadt dürfte eine der höchsten in Deutschland sein. Gerade entsteht ein neues auf der Prager Straße am ehemaligen Wöhrl-Standort.

Keine neuen Flächen zulassen

"Wenn ich am Erhalt meiner Innenstadt interessiert bin, sollte ich keine neuen Flächen zulassen", sagt Professor Maier und spricht damit einen wunden Punkt in Dresden an. Das Einzelhandelsunternehmen Globus will unweit der City zwischen Bremer und Hamburger Straße ein SB-Warenhaus mit Dienstleistungs- und Produktionseinrichtungen, einschließlich separaten Shops und gastronomischen Einrichtungen bauen. Die Verkaufsfläche soll rund 10.000 Quadratmeter betragen, rund 800 Parkplätze sind geplant.

"Wegen des Wettbewerbes habe ich keine Bauchschmerzen. Die Frage ist aber, was Globus auf den 10.000 Quadratmetern auch an innenstadtrelevanten Sortimenten anbietet", sagt Toni Schulz, der als Edeka-Prokurist die Konkurrenz vertritt. Denn mehr als 3.500 Quadratmeter brauche kein Lebensmittelmarkt, selbst wenn er fünf verschiedene Artikel einer Produktgruppe anbiete. "Holt Globus vielleicht auch die gleichen Marken wie in der Innenstadt in seinen Markt? Das ist dann neu zu bewerten", so Schulz.

Genau wie die Frage der gewollten autofreien Innenstadt. "Globus baut 800 Parkflächen. Und dort kauft kein Anwohner ein, weil es keine Anwohner gibt. Es wird also zusätzlicher Verkehr erzeugt." Es gelte abzuwägen, ob man so eine hochwertige innenstadtnahe Fläche dafür abgibt.

Kampf um rare Fachkräfte

Dass weitere Ansiedlungen auch den Kampf um die ohnehin schon raren Fachkräfte im Handel verstärken, darauf weist Christian Polkow hin. "Bei Globus werden rund 300 neue Arbeitsplätze entstehen. Das verschärft die Arbeitskräftesituation weiter." Obwohl man heute vieles versuche, um attraktiv für Arbeitnehmer zu sein, werde die Suche immer schwieriger. Sein Haus denke jetzt über Jobbörsen nach.

Das bestätigt Wirtschaftsförderer Robert Franke auch aus anderen Branchen. "Das Fachkräftethema haben wir überall, nicht nur in der Innenstadt. Wir freuen uns über Ansiedlungen von Unternehmen, zum Beispiel im Dresdner Norden, die aber Probleme für andere mit sich bringen."

Da erhoffe er sich auch deutschlandweite Impulse, den Blick ins Ausland zu richten. "Und deutlich weiter als nach Tschechien." Die Stadt könne bei möglichen Sprach- und Integrationsproblemen unterstützen. "Aber für dieses Problem wird es keine schnelle Lösung geben."

Andere Ideen für Leerstandflächen

Was die Wiedervermietung leerstehender Ladenflächen angeht, so gibt es bereits ungewöhnliche Lösungen. So praktiziert heute ein Zahnarzt in der ehemaligen Fläche des Handelsunternehmens Strauß auf der Seestraße. Ist das die Zukunft für unsere Handelsflächen? Ja und nein, denn alles, was Vielfalt in die City bringt, befördert sie, sagt Erik Maier.

In seinen Geschäften im Erdgeschoss kann sich das Centermanager Christian Polkow jedoch nicht vorstellen. "Aber wir müssen offener sein, über vieles nachdenken, zum Beispiel auch über einen Tesla-Showroom. Alles, was Frequenz bringt, ist besser als Leerstand."

Die Stadt hat sich für Fördermittel des Bundes zur Innenstadtbelebung beworben. Baubürgermeister Kühn hofft, bis zum Sommer ein Signal zu bekommen, ob Dresden sie bekommt. Damit will man neue Formate wie Concept-stores oder Start-ups in leerstehenden Läden zeitweise etablieren. "Damit könnten wir auch solche schwierigen Lagen wie die östliche Wilsdruffer Straße schöner gestalten, um die Ecke aufzuwerten", sagt er. Auch Handwerker, von denen es keinen einzige in der Innenstadt gibt, würde er gern wieder ansiedeln.

Über ein Leerstandmanagement will man Vermieter und Interessenten zusammenbringen. Davon könnte die Kreativwirtschaft profitieren, die kaum bezahlbare Flächen für sich findet.

Aufwertung von Innenstadtflächen

Dass die Innenstadt nur als Ganzes funktioniert, darin waren sich alle Gesprächspartner einig. Ein wichtiger Baustein darin sind mehr Grün- und Spielflächen, damit sie für die ganze Familie ein Ziel ist. Deutlich mehr muss dabei in den Bereichen um die Betonwüste des Ufa-Palastes, der südlichen Prager Straße in Richtung Seevorstadt, am Wiener Platz und an der Bayrischen Straße passieren, sagt Kühn. Genau diese Flächen sollen mithilfe der Fördermittel deutlich aufgewertet werden. 2,5 Millionen sollen dann insgesamt für Innenstadt zur Verfügung stehen, die 700.000 Euro an Eigenmittel habe der Stadtrat bereits genehmigt.

"Insgesamt braucht es eine noch bessere Verzahnung aller Akteure, damit die Innenstadt davon profitiert", fasste City-Managerin Friederike Wachtel zusammen.

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