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Sein Traum ist die digitale Küche

10.07.2020
Wilfried Hänchen begann in der DDR als Koch, arbeitete sich hoch bis ins Ministerium. Heute führt er eines der größten Catering-Unternehmen Deutschlands.

Von Peter Ufer

Mit Vollbremsungen kennt sich Wilfried Hänchen aus. Den letzten unverhofften Stopp nimmt der 73-Jährige am 16. März diesen Jahres vor. „Das Wochenende, als die Bundesländer Schul- und Kitaschließungen beschlossen war für mich der Anstoß, sofort einen Notfallplan auszuarbeiten“, sagt der Chef der Unternehmensgruppe Hähnchen. Die produziert bis zum Ausbruch der Corona-Krise täglich für Kitas, Krankenhäuser und Betriebskantinen über 20.000 Mittagessen und über 6.500 Frühstück und Vesper-Portionen. An jenem 16. März ruft Wilfried Hänchen 25 seiner Führungskräfte, inklusive seines Sohnes Mirko, der Mitgesellschafter ist und sein Nachfolger werden soll, zu einer Krisensitzung zusammen.
Denn von rund 200 Einrichtungen, die seine Firma beliefert, haben 170 dicht gemacht. „In den nächsten drei Tagen haben wir Kapazitäten geschlossen, die für 85 Prozent unseres Umsatzes stehen. Zwei unserer fünf Großküchen schlossen wir sofort, drei ließen wir marginal auf Sparflamme laufen“, sagt Hänchen. „340 unserer rund 400 Mitarbeiter schickte ich in Kurzarbeit. Das gab es noch nie in unserer Firmengeschichte, und das hätte ich mir auch nie vorstellen können.“

Geschuftet, studiert, geschrieben

Dabei kann er sich vieles vorstellen. Der gelernte Koch schafft es von der Aufwaschhilfe im Dorfgasthof bis zum Chef eines der großen Catering-Firmen Deutschlands. Seine Eltern kommen aus Schlesien nach Sachsen, die Mutter Köchin, der Vater Zimmermann. „Wir waren verdammt arm, ich musste als Knirps Rüben hacken und Kühe hüten damit ich etwas zu essen hatten. Und jeder im Dorf war der Meinung, dass es von den Hänchen-Kindern sowieso keiner schaffen wird. Aber ich habe geschuftet, studiert, Bücher geschrieben und viele Patente angemeldet“, sagt der 73-Jährige. Wenn er das erzählt, ist das Lachen eines zufriednen Mannes zu hören, den sein Ehrgeiz aber noch lange nicht losgelassen hat.

1947 in Nauenhain, im Kreis Geithain geboren, arbeitet er sich schon in der DDR vom Aushilfskellner zum Küchenleiter hoch, wird Direktor für Soziales im VEB Hydraulik Rochliz. Weiter steigt er die Karriereleiter empor bis zum Leiter Rationalisierung im Ministerium für Handel und Versorgung der DDR. Als der Sozialismus 1989 zusammenbricht, kommt die erste Vollbremsung. Plötzlich gibt es nichts mehr von dem, was er sich aufgebaut, was ihm bisher Status und Wohlstand verschaffte.

Mit 42 Jahren geht er erneut an den Start, ihn stellt ein Cateringunternehmer aus Frankfurt am Main an, für den er das Geschäft im Osten aufbaut. Alles läuft, bis die Firma 1993 in Turbulenzen gerät. Nächste Vollbremsung. Hänchen steht vor dem Nichts, hat Schulden, aber Erfahrung. Er fällt die Entscheidung, eine eigene Firma aufzubauen. Er gründet nicht nur einen, sondern bis heute 20 Betriebe oder übernimmt sie aus Insolvenzen, macht Schulden in Millionenhöhe und zahlt nach und nach alles ab. „Kurz vor der Jahrtausendwende hatte ich 600 Mitarbeiter und fast 30 Millionen Umsatz und zählte so zu den erfolgreichsten Unternehmen Ostdeutschland“, sagt Hänchen. Doch dieser rasante Weg, der Druck, das nie enden wollende Risiko, die Verantwortung für das Personal und die Familie hinterlassen Spuren. 2002 die nächste Vollbremsung.

Sein Herz funktioniert nicht mehr, er muss sich operieren lassen und verkauft große Teile seiner Firma. Doch danach setzt er sich wieder durch. Schwerpunkte sind dabei die Versorgung von Schulen und Kitas mit Mittagessen und Frühstück, aber auch die Verpflegung von Senioren, Krankenhäusern und Kantinen. Im deutschlandweiten Ranking belegt die Hänchen-Gruppe im Jahr 2018/2019 mit einem Umsatz von 20 Millionen Euro Rang 29 der größten Caterer und in der Schul- und Kinderspeisung erreicht er in Deutschland den dritten Platz. Vergangenes Jahr bekommt der Sachse den Unternehmerpreis für sein Lebenswerk. „Das hat mich enorm gefreut“, sagt er.

Seit einigen Jahren residiert Wilfried Hänchen mit seinem Firmensitz in Großpösna auf einem sanierten Rittergut. Von dort leitet er aus einem Büro mit historischen Möbeln sein Lebenswerk. Immer wieder weist er darauf hin, wie innovativ er vorgegangen sei. Dabei erfindet er nicht nur sich sich im Laufe seines Lebens immer wieder neu, sondern vor allem Maschinen, die die Versorgung der Menschen mit Essen erleichtern. Neben dem „Kochenden Kühlschrank“, dem „Kühlenden Herd“ und anderen Patenten bringt er ein neues Kühl- und Re-Erhitzungsgerät für die Schul- und Kinderversorgung auf den Markt. Die Idee, die er verfolgt besteht darin, dass punktgenau gegarte Speisen im Cook & Chill-Verfahren sofort von 90 Grad Celsius innerhalb in drei bis vier Stunden auf zwei Grad Celsius herunter zu kühlen, zum richtigen Zeitpunkt speiseverträglich erhitzt und von Kunden entnommen werden. Das nutzten schon Schichtarbeiter in der DDR, die sich so nachts versorgen.

Nicht auf Ruhestands-Kurs

„Die vollautomatische Küche ohne Personal, das ist mein Traum“, sagt Hänchen, der seine Vorstellung schon jetzt zu achtzig Prozent aufgebaut hat. Mit seinem neuen Cook & Chill digitalisierten Ernährungssystem CODES 4.0, welches seit 2018 beim Patent- und Markenamt angemeldet ist, will er nun seinen Traum von der digitalisierten Küche mit einer hohen Effizienz und damit geringen Kosten, aber einer sehr hohen Qualität verwirklichen.

Die Corona-Vollbremsung sei vorbei, meint der Mann, der noch lange nicht in den Ruhestand gehen will. Er sagt: „Wir haben über Jahre profitabel gearbeitet und die Gewinne im Unternehmen gelassen. Das ist ein ordentliches Polster, das wir nutzen konnten, haben aber Ende Mai schon wieder voll Fahrt aufgenommen. Eine Kreditzusage meiner Hausbank habe ich – aber vorerst brauche ich sie nicht. Und Personal musste ich ebenfalls nicht entlassen. Denn so ganz ohne geht es nach wie vor nicht.“

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen erschienen. 

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