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Siemens forscht für Görlitzer Energie-Zukunft

Landkreis Görlitz 12.02.2020
Der Innovationscampus Görlitz im Turbinenwerk ist bislang Vision. Doch jetzt will auch die Bundesregierung solche Projekte fördern. Eine der wichtigsten Unis ist schon im Boot.

Kaum hatte Christoph Scholze den Innovationscampus Görlitz auf dem Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Octavian Ursu vorgestellt, da gab es auch schon eine Neuigkeit.

Siemens informiert jetzt auf einer neuen Internetseite über den Plan, seinen Standort in Görlitz für die Zukunft umzubauen. Scholze hat dabei einen wichtigen Anteil.  Als Betriebsrat hatte er gegen die Schließung des Turbinenbaus mitgekämpft, jetzt ist er  Innovationsmanager und knüpft mit die Fäden für den neuen Campus. Jüngst erst stellte er das Projekt auch im Görlitzer Stadtrat vor. Im Moment ist das seine wichtigste Aufgabe: Erklären, vorstellen, werben. 

Mit der TU Dresden arbeitet eine der besten Unis mit

Im Dezember machte die Technische Universität Dresden ihren Plan für einen Zweigcampus in Görlitz öffentlich. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik an der Hochschule Görlitz/Zittau forschen beide an wasserstoffbetriebenen Shuttles für den öffentlichen Nahverkehr. Sie könnten die Lücken zwischen kleinen Dörfern und größeren Städten schließen. Ein Thema, das vielen Einwohnern im ländlichen Raum auf den Nägeln brennt. Immerhin verfügt die TU Dresden als Exzellenz-Uni über die größte verkehrswissenschaftliche Fakultät an einer deutschen Uni, wie der Prorektor Prof. Antonio Hurtado erklärte. Und er verwies auch darauf, wie wichtig es ist, nicht bei der Elektrobatterie stehenzubleiben. "Derzeit hat man den Eindruck, es gäbe nur diese Alternative für die Zukunft", sagte er im Dezember der SZ. "Aber wir benötigen weitere Technologien wie Wasserstoff - von der Herstellung über die Speicherung bis zur Anwendung". Und genau dafür ist der Innovationscampus da. Auch die Handelshochschule in Leipzig hat dem Campus seine Unterstützung zugesichert.

Plan: Neue Produkte entwickeln, neue Jobs schaffen

Schon jetzt sind wichtige Partner bereit, zusammen mit dem Siemens-Konzern an den Energieformen der Zukunft zu forschen und anschließend neue Produkte auf den Markt zu bringen. Für Scholze ist ganz klar, dass wir vor den größten Umwälzungen des globalen Energiemarktes seit Einführung der Elektrizität stehen. Tatsächlich hat die so genannte Dekarbonisierung der Wirtschaft, wie sie die Bundesregierung anstrebt, weitreichende Folgen. In der Lausitz sind sie mit Schlagworten verbunden wie Kohleausstieg bis 2038 und Einsatz von Wasserstoff zur Gewinnung von Energie.

Die Absichtserklärungen für all diese Initiativen tragen auch die Unterschrift von Oberbürgermeister Octavian Ursu. Der sieht im Engagement von Wirtschaft, Hochschulen und öffentlicher Hand auch seine Vision der "Stadt der Zukunft 2030" Wirklichkeit werden. Und die Geschäftsführerin der Europastadt Görlitz/Zgorzelec, Andrea Behr, wird auch die Entwicklungen auf dem Campus bei ihrem Masterplan für die von Ursu angekündigte "Klimaneutralität von Görlitz bis 2030" berücksichtigen.

Problem: Noch ist nichts zu sehen auf dem Campus

Die größte Achillesferse im Moment: Es ist derzeit noch nicht viel zu sehen von dem Innovationscampus. Auch ist kaum ein neuer Arbeitsplatz entstanden. Die Absichtserklärungen haben keine rechtliche Verbindlichkeit. Gerade Parteien wie die AfD kritisieren das und fragen, wo denn die Arbeitsplätze für die Arbeiter aus der Kohleindustrie sind.

Doch das eine wird nicht ohne das andere gelingen. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer ist davon überzeugt, dass ohne Forschung und Wissenschaft keine Arbeitsplätze der Zukunft entstehen werden. "Wovon wollen wir künftig leben", fragt er und sagt: "Wir werden uns unseren Lebensstandard nur leisten können, wenn wir besser sind als die anderen." Und deswegen wird zunächst geforscht, anschließend neue Produkte entwickelt, die dann erfolgreich auf den Märkten verkauft werden. Jetzt wird Schritt eins unternommen.

Bundesregierung fördert künftig Forschung wie in Görlitz

Dabei könnte nun auch die neue Wasserstoffstrategie der Bundesregierung hilfreich sein. Nach Presseberichten stehen bis 2026 zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Ein Entwurf von Wirtschaftsminister Peter Altmaier wird gegenwärtig zwischen den Bundesministerien abgestimmt. 

So viel ist bekannt, das Geld soll fünf Anliegen dienen:

* Aufbau großer Kapazitäten zur Herstellung von Wasserstoff

* Förderung von Anwendungen von Wasserstoff in Verkehr, Industrie und Wärmeversorgung. Dabei könnten Wasserstoffantriebe, die Zulieferer von Brennstoffzellen und Brennstoffzellenheizgeräten unterstützt werden.* Netzaufbau für Wasserstoff, beispielsweise mit Tankstellen

* Unterstützung von Forschung

* Import von Wasserstoff.

Viele dieser Schwerpunkte decken sich mit den Aufgaben des Innovationscampus im Görlitzer Siemens-Werk. Zudem haben sie auch Querverbindungen zu anderen Projekten Ursus: Werden eines Tages wasserstoffbetriebene Busse und Bahnen in Görlitz verkehren? Kann der Görlitzer Waggonbau wasserstoffbetriebene Fahrzeuge bauen? Wird Siemens für energieintensive Industrien Wasserstofftechnologien in Görlitz entwickeln? Gibt es in zehn Jahren Wasserstoff-Heizungen, die die vielen Öl-Heizungen in den Görlitzer Gründerzeithäusern ablösen und somit den CO2-Ausstoß deutlich senken können. 

Campus ist Reaktion auf berechtigte Kritik an der Wirtschaft

Nicht alles davon wird direkt in Görlitz zu neuen  Arbeitsplätzen führen. Aber der Innovationscampus Görlitz ist auch die Antwort auf die Klage aus Politik und Wirtschaft, dass die ostdeutschen Betriebe 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch zu oft nur die verlängerte Werkbank der westdeutschen Unternehmen sind, aber die hochwertige Forschung und Entwicklung nicht hier stattfindet. Genau das aber macht Siemens im Görlitzer Turbinenwerk, wenn die Pläne aufgehen und der Zukunftspakt, den Siemens-Vorstand Joe Kaeser Mitte vergangenen Jahres versprach, auch Früchte trägt. Und dann kann Christoph Scholze auch auf dem Campus viel mehr zeigen, als jetzt bei seinen Vorträgen.

 

Von Sebastian Beutler

Foto: © Pawel Sosnowski

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