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So belastet Corona die Bautzener Wirtschaft

Landkreis Bautzen 12.03.2020
Firmen warten auf Zulieferungen oder bleiben auf ihren Produkten sitzen. Und es könnte noch schlimmer kommen.

Ob Australien oder China, Italien oder Österreich – in rund 40 Ländern der Erde arbeiten Menschen für den Schienenfahrzeugbauer Bombardier Transportation. Die Werke beliefern sich gegenseitig, und ständig sind Beschäftigte irgendwo auf Dienstreise. Da klingt es wie ein Wunder, dass Bombardier-Sprecherin Janet Olthof sagt: „Aktuell spüren wir am Standort Bautzen noch keine Auswirkungen, die auf Lieferengpässe wegen des Coronavirus zurückzuführen wären.“ Allerdings achte die für die Beschaffung und Lieferung von Waren zuständige Fachabteilung mehr denn je auf die Herkunftsländer.

„Deswegen hat Bombardier aktuell keine Zwangspause für Lieferungen“, erklärt die Sprecherin. „Allerdings haben wir Reise-Restriktionen für Mitarbeiter und Geschäftspartner für die Risikogebiete, darunter auch Italien, ausgegeben. Besucher aus den Risikogebieten bekommen nur nach der Einhaltung einer zweiwöchigen Quarantäne die Genehmigung, an unseren Standorten zu arbeiten. Auch Mitarbeiter, die aus Risikogebieten vom Urlaub zurückkommen, müssen 14 Tage zu Hause bleiben.“

Im Unternehmen selbst gelten jetzt verstärkte Hygienevorschriften – eine Maßnahme, von der viele Firmensprecher berichten. Auch die TD Deutsche Klimakompressor Gesellschaft in Straßgräbchen arbeitet mit Partnern in aller Welt zusammen. Aus China bezieht sie keine Zulieferungen – aber aus Italien, berichtet Personalleiterin Stefanie Fritzsche. „Die Versorgung mit diesen Teilen ist derzeit bis Mitte April abgesichert.“ Für die Zeit danach gilt auch in Straßgräbchen das Prinzip Hoffnung. „Im Moment halten alle die Luft an und warten ab, wie es weitergeht“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Albrecht Löhr von der Berufsakademie Bautzen.

Italienischer Lieferant erfüllt Verträge

Mehr als die Hälfte aller Unternehmen erwartet in diesem Jahr Umsatzeinbußen von mehr als zehn Prozent, ergab eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK). Jede dritte Firma spüre dies jetzt schon, sagt IHK-Sprecher Lars Fiehler. Für viele Unternehmen werde es schwer, die Ausfälle aufzuholen – nicht nur in der Industrie. 

Konkret nannte Fiehler die Reise- und Touristikbranche. „Viele moderne Reisebusse sind ja noch nicht abbezahlt. Wenn die dann auf dem Hof stehen, statt zu rollen, schlägt das auf die Zahlen.“

So schlimm sind die Auswirkungen im KNB Kunststoffwerk Neuteichnitz Baier in Bautzen noch nicht. Werkleiter Marian Simmleit berichtet von einem Lieferanten aus Italien, der nach wie vor seine Verträge erfüllt und auch keine Engpässe angekündigt hat. „Für das gelieferte Teil haben wir aber notfalls auch einen Ausweichlieferanten“, sagt Simmleit. Er sieht das größte Risiko eher im möglichen Stillstand bei einem Kunden, der eventuell ein Werk wegen Krankheit schließen oder zumindest Bänder stilllegen muss. Dann käme es bei KNB zu „Produktionsausfällen aufgrund nicht vorhandener Abrufe unserer Artikel“. Anders gesagt: KNB bliebe auf Produkten sitzen.

Beim Batteriehersteller Accumotive in Kamenz gibt es bisher weder Probleme mit Zulieferern noch mit Kunden, sagt Madeleine Herdlitschka von der Pressestelle der Daimler AG. „Die Produktion läuft planmäßig, alles in geregelten Bahnen. Wir hoffen natürlich, dass das so bleibt.“

Sachsenmilch liefert nach China

Eine bittere Prognose stellt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI): „Das wirtschaftliche Wachstum droht fast zum Erliegen zu kommen“, heißt es im aktuellen BDI-Quartalsbericht. Komme es im zweiten Quartal des Jahres nicht zu einer wirtschaftlichen Normalisierung in den von Corona am meisten betroffenen Ländern, erwartet der BDI in Deutschland 2020 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung.

Mehrere Millionen Milchkartons liefert Sachsenmilch aus Leppersdorf jährlich nach China, das Ursprungsland von Corona. Von Einschränkungen oder Störungen berichtet Alexander Truhlar von der Unternehmensgruppe Theo Müller jedoch nicht. Aber die Situation werde aufmerksam verfolgt. „Wir haben natürlich höchstes Interesse daran, unsere unternehmerische Handlungsfähigkeit sicherzustellen.“ Rund 2.300 Mitarbeiter arbeiten in der Molkerei in Leppersdorf, sie verarbeiten jährlich über 1,8 Milliarden Liter Milch.

Die Firma MFT Motoren und Fahrzeugtechnik in Cunewalde spürt bisher keine negativen Auswirkungen der Corona-Krise, sagt Marketingleiterin Anke Krsanowski. Stattdessen gebe es einen positiven Aspekt: Mehrere Kunden ordern derzeit mehr Zulieferungen als geplant. „Bestellungen werden aufgestockt, die Kunden lagern bei sich mehr ein.“ Und um die Ansteckungsgefahr zu mindern, wurde die Zahl der Dienstreisen eingeschränkt – eine Maßnahme, von der mehrere Firmen berichten.

 

Von Tilo Berger

Foto: © Archiv/Uwe Soeder

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