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So geht's raus aus der Verschwenderfalle

20.07.2020
Eine Dresdner Konferenz hat Ideen gesammelt, wie Wirtschaft zur Kreislaufwirtschaft wird. In Sachsen sieht es ganz gut aus.

Von Luise Anter

Der Grünzug an der Dresdner Weißeritz und die Kläranlage in Niederfrohna verbindet ziemlich viel: Beide sind Beispiele für den Nexus-Ansatz. Mit dem beschäftigte sich kürzlich zum dritten Mal die Dresdner Nexus-Konferenz (DNC), die das hiesige Institut der Universität der Vereinten Nationen (UNU-FLORES), die Technische Universität Dresden und das Leibniz-Institut für ökologische Raumforschung alle zwei Jahre organisieren – dieses Mal im virtuellen Raum.

Nexus – was ist das? „Die Botschaft ist immer, dass man Dinge gemeinsam denkt, verbunden denkt und zu Ende denkt“, sagt Edeltraud Günther, Leiterin von UNU-FLORES und Mitorganisatorin der Konferenz. Umweltressourcen wie Wasser, Boden oder auch Abfall sollen integriert genutzt werden, um neue Ressourcen zu sparen.

Der Weißeritz-Grünzug schützt nicht nur vor Hochwasser, er reguliert auch das Stadtklima und bietet den Dresdnern einen Erholungsraum: Strom sparen, Entspannung und saubere Luft in einem. Und in der Kläranlage Niederfrohna wird in einer Versuchsanlage seit März der Klärschlamm veredelt, um aus ihm Phosphor-Dünger herzustellen. So weit sei man zwar noch nicht, sagt Abwassermeister Roland Anders. Aber schon jetzt führe das Verfahren zu einer „immensen CO2-Einsparung“.

Ressourcen aus einem Abfallprodukt gewinnen – ein gutes Beispiel für das Thema der Konferenz: Wie kann Nexus den Übergang zur Kreislaufwirtschaft fördern? Denn Kreislaufwirtschaft ist mehr, als Verpackungen in den Gelben Sack zu werfen. Müll vermeiden, reparieren statt wegwerfen, teilen statt kaufen. Das Abschlusspapier der Konferenz nennt viele Handlungsfelder, wie die Kreislaufwirtschaft zur Norm werden kann. Die meisten von ihnen bleiben vage, aber das ist Absicht: „Das Papier ist wie ein Dach, unter das ganz viele Projekte passen“, sagt Günther.

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) hat das Papier mitunterzeichnet. Sein Ministerium verweist auf Strategien und Pläne: So wird etwa der Abfallwirtschaftsplan fortgeschrieben, der die Kreislaufwirtschaft als Ziel vorgibt. Außerdem erarbeite man eine Strategie, um „innovative Technologien“ zu fördern, die Einsparung und Wiederverwertung von Ressourcen zu ermöglichen.

Nachhaltigkeitsforscherin Edeltraud Günther sieht Sachsens Kreislaufwirtschaft auf einem guten Weg. „Ich sehe da ein Riesenpotenzial“, sagt sie. „Aber das soll nicht so klingen, als wäre noch nichts da.“ Mehr als 160 Unternehmen mit fast 9.000 Mitarbeitern zählt die Branche (Stand 2018): Das Dresdner Unternehmen „Cloud & Heat“ etwa stellt Computer-Container her, die mit Rechentechnik und Kühlsystemen ausgestattet sind und mit ihrer Wärme nebenbei Häuser heizen. Oder die Freiberger „Muldenhütten Recycling und Umwelttechnik“, die Altbatterien verwertet. Ganz in der Nähe, in Halsbrücke, recycelt die „Saxonia Edelmetalle“ Gold und Co.

Mehr Hygiene heißt mehr MüllGünther denkt auch an Bereiche, die nicht nach Recycling klingen – zum Beispiel Telemedizin-Forschung der TU Dresden. „Wenn ich ein Hochleistungsgerät nicht nur für sieben OPs vor Ort nutze, sondern überall auf der Welt, muss es dort nicht gebaut werden“. Für die Zukunft sieht sie Potenzial vor allem bei Sachsens Ingenieuren. Die könnten sich zum Beispiel auf das Reparieren von Geräten spezialisieren – das schaffe Arbeitsplätze in der Region. Der sächsische Ingenieur könnte die Reparatur einer Hightech-Maschine per Videokonferenz am anderen Ende der Welt anleiten.

Bis die Wirtschaft im Kreis läuft, wird es noch dauern. Momentan werden weltweit nur knapp neun Prozent der Ressourcen wie Biomasse, fossile Rohstoffe und Metall wiederverwertet, Tendenz negativ. Zurzeit bremst zudem die Corona-Krise. Laut dem Recyclingunternehmen Grüner Punkt landen seit März etwa zehn Prozent mehr Verpackungsabfälle im Gelben Sack. Mundschutz, Einwegverpackungen fürs Essen, Einmalhandschuhe – mehr Hygiene, mehr Müll. Es ist zum Beispiel schwer bis unmöglich geworden, sich den Kaffee in den mitgebrachten Becher füllen zu lassen. Edeltraud Günther hat Verständnis für die Vorsicht. Sie ist aber optimistisch, dass es technische Lösungen geben kann, etwa, wenn die mitgebrachte Box an der Theke nur über ein Band läuft und dort sterilisiert wird. Auch hier gilt: „Da setze ich auf die Ingenieure.“

Günther begrüßt zudem den neuen Aktionsplan der EU für die Kreislaufwirtschaft, der zum Green Deal der Europäischen Kommission gehört. Er umfasst etwa ein Recht auf Reparatur für Verbraucher, die Reduktion von Einwegverpackungen und die Erhöhung des Rezyklat-Anteils in Kunststoffen. „Das geht Hand in Hand mit unseren Vorschlägen“, sagt Günther.

Auch ihre Konferenz hat in diesem Jahr die Umwelt geschützt. Niemand ist von London oder Singapur nach Dresden gereist, alle Teilnehmer saßen zu Hause vorm Computer – und das waren in diesem Jahr deutlich mehr: 1.250 statt 400 in den Vorjahren. „Viele haben uns geschrieben, dass sie sich als Doktorand im globalen Süden nie das Flugticket hätten leisten können“, so Günther. Aber das Informelle habe gefehlt: Visitenkarten tauschen oder beim Kaffee Ideen für eine Studie spinnen – das geht via Zoom nicht.

Günther schwebt deshalb ein Hybrid aus virtueller und physischer Konferenz vor. Auf der nächsten DNC-Konferenz 2022 schalten sich zur Diskussion im Hygiene-Museum vielleicht wieder Teilnehmer aus aller Welt zu.

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