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So läuft die Produktion von Audis E-SUV in Zwickau

11.10.2021
Im VW-Werk in Zwickau wird Audis neuester E-SUV produziert. Bei der Produktion läuft vieles bereits automatisch. Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Tim Ruben Weimer 

Zwickau. Mit knapp über 100 Sachen rast der neue Audi Q4 e-tron über die leer gefegte Landstraße 286 bei Zwickau. Hier lässt sich einmal richtig austesten, was es heißt, in knapp sechs Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen - zumindest die Topversion des SUVs soll das können. Kein Motorenheulen, stattdessen ertönt ein elektrisches Fiepen, während der Fahrer von der Beschleunigung in den Sitz gedrückt wird.

Auf der Frontscheibe vor dem Fahrer leuchten unscheinbar die aktuelle Geschwindigkeit, die beiden Fahrbahnbegrenzungen und die Streckenempfehlung des Navis in der sonst eher tristen Landschaft. Ein "Head-Up-Display" nennt sich das. Die Anzeigen werden auf die Scheibe projiziert, damit der Fahrer seltener hinter das Lenkrad auf das Armaturenbrett blicken muss. In der voll ausgestatteten Version soll sogar eine virtuelle Drohne zehn Meter vor dem Fahrzeug schweben und per Augmented Reality den Weg weisen.

Der neue Audi Q4 e-tron wird im VW-Werk im Zwickauer Ortsteil Mosel gebaut
Der neue Audi Q4 e-tron wird im VW-Werk im Zwickauer Ortsteil Mosel gebaut © Audi AG

Baukasten-Prinzip für Elektro-Autos

Der Q4 e-tron ist Audis neuestes Elektro-SUV, gebaut wird er seit März im Volkswagen-Werk in Zwickau. Die beiden Montagehallen wurden 2019 vollständig auf Elektromobilität umgerüstet. Da E-Autos viel schwerer sind als Verbrenner, mussten auch die Bodenplatten und Kräne nachgerüstet werden. Auch der VW ID.3 und ID.4 sowie seit vergangener Woche auch die Seat-Marke Cupra Born laufen hier vom Band. Die E-Autos werden markenübergreifend nach demselben Baukasten-Prinzip gefertigt, das Fahrgestell ist bei allen E-Modellen gleich. Die Unterschiede treten erst bei der Karosserie zutage.

Rund 28 Prozent der Prozesse laufen bei der Montage vollautomatisiert. Die Roboter schweißen nicht nur automatisch, sie suchen auch eigenständig nach den benötigten Teilen. Vieles läuft in den Werkshallen daher hinter Scheiben ab, auch die "Hochzeit" von Fahrgestell und Karosserie. So nennt Werksleiter Stefan Loth den Vorgang, wenn der Oberbau eines Q4, ID.4 oder gelegentlich auch der des noch nicht vorgestellten ID.5 über den Köpfen der Mitarbeiter herbei schwebt und von orangen Roboter-Armen auf den Unterbau gesetzt wird. Für die Mitarbeiter bleiben Aufgaben wie Schrauben anzuziehen und Kabelstränge zu sortieren und einzustecken.

Pro Tag verlassen so rund 1.200 Autos das Werk in Zwickau. Für Audi ist es europaweit der größte Produktionsstandort für E-Autos, auch in Neckarsulm und Brüssel baut der Hersteller elektrische Fahrzeuge.

Die "Hochzeit": Roboterarme setzen die Karosserie auf das modellübergreifende Fahrwerk mit den bis zu elf Batteriezellen.
Die "Hochzeit": Roboterarme setzen die Karosserie auf das modellübergreifende Fahrwerk mit den bis zu elf Batteriezellen. © ©Stefan Warter/AUDI AG

Herzstück der Baukasten-E-Autos ist die Batterie. Sie sitzt als oberstes Element auf dem Fahrgestell und besteht je nach Reichweite aus sieben bis elf Zellen. Derzeit stammen die Zellen noch von LG aus Breslau, gelangen von dort mit der Bahn nach Braunschweig, wo Volkswagen sie zu Batterien zusammensetzt. Langfristig will VW jedoch unabhängig von Zulieferern werden und die Zellen selber in Salzgitter produzieren.

Kommen alle Teile aus eigener Hand, kann auch die CO2-Bilanz im gesamten Produktionsprozess verbessert werden, glaubt VW. Bislang, gibt Stefan Loth zu, ist die noch nicht ganz optimal. Zwar wird Öko-Strom aus Österreich und dem eigenen Gaskraftwerk bezogen, doch bei Zulieferern etwa für Roboter oder Autositze gäbe es noch Probleme. Der Konzern kauft daher CO2-Zertifikate, mit denen als Ausgleich Wälder in Borneo aufgeforstet werden.

VW setzt auf Verzahnung der verschiedenen Marken

Die Umstellung auf E-Mobilität in Zwickau ging auch an den Mitarbeitern nicht spurlos vorbei. Der 35-jährige Nicky Richter wechselte Anfang März freiwillig vom Stammsitz in Ingolstadt zum VW-Werk in Zwickau, pünktlich zum Produktionsstart des Audi Q4 e-tron, zunächst für ein Jahr. Er ist einer von 350 Audi-Kollegen, die die mehr als 8.500 Mitarbeiter in Zwickau unterstützen sollen. "Die Mitarbeiter erlernen hier Know-how zur E-Mobilität und transferieren es dann zu Audi zurück", erklärt Fertigungsleiter Maik Möckel. Zukünftig solle noch stärker auf Synergien innerhalb des Konzerns gesetzt werden, erklärt Audi-Produktionschef Peter Kössler. Dadurch soll auch der Preis für den Kunden sinken.

Mit dem Chipmangel hat der Autohersteller in Zwickau wenig zu kämpfen. Die Produktion der E-Autos werde priorisiert, sagt Stefan Loth. Zwar habe es auch hier Kurzarbeit gegeben, diese sei bisher aber eher "sporadischer Natur" gewesen.

Bis 2040 nur noch Elektro-Autos bei VW

Bis 2040 sollen im VW-Konzern europaweit nur noch E-Autos produziert werden, bis 2030 bereits 70 Prozent. Dabei bleibt unklar, ob Zwickau auch langfristig Produktionsstandort für Audi bleiben soll. VW Sachsen-Geschäftsführer Stefan Loth erklärt, jedes Jahr würden abhängig vom Bedarf neue Pläne aufgestellt. Da der Q4 e-tron jedoch planmäßig rund sieben Jahre auf dem Markt bleiben soll, werde Audi in diesem Zeitraum auf jeden Fall in Zwickau bleiben, sagt Fermín Soneira Santos, Leiter der Audi-Elektrobaureihe. "Und wahrscheinlich darüber hinaus. Wir sind gekommen, um zu bleiben."

Audi-Elektro-Chef Fermín Soneira Santos: "Wir sind nach Zwickau gekommen, um zu bleiben."
Audi-Elektro-Chef Fermín Soneira Santos: "Wir sind nach Zwickau gekommen, um zu bleiben." © Oliver Killig / Audi

Der Anteil reiner E-Fahrzeuge an den Auslieferungen insgesamt lag laut Audi im ersten Halbjahr bei 3,3 Prozent, das sind 0,6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Ab 2026 will die Volkswagen-Tochter nur noch neue Modelle mit Elektroantrieb auf den Markt bringen. Der letzte Verbrenner liefe bei Audi demnach 2033 vom Band. Im VW-Werk Zwickau war es bereits im vergangenen Jahr so weit.

Zwickau spielt dabei für Audi auch historisch eine große Rolle: "Die Wiege des Automobilbaus wurde in Zwickau mitgeschrieben", sagt Oberbürgermeisterin Constance Arndt. 1909 hatte August Horch das Unternehmen in Zwickau gegründet, anfangs noch unter dem Namen "August Horch & Cie Motorwagenwerke". Ab 1932 symbolisierten die vier Ringe den Zusammenschluss verschiedener sächsischer Auto-Hersteller unter der "Auto Union". Und auch in der Zukunft soll Sachsen wieder eine wichtige Rolle einnehmen. "Jedes zweite E-Auto in Deutschland wird künftig aus Sachsen kommen", ist sich Christoph Zimmer-Conrad, Referatsleiter im Sächsischen Wirtschaftsministerium, sicher. "Ich schaue sehr zuversichtlich auf die nächsten Jahre." (mit dpa)

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