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So sieht der neue Intercity von Dresden an die Ostsee aus

Dresden 07.02.2020
Wie man aus einer S-Bahn für Österreich einen Fernzug durch den deutschen Osten macht - die Deutsche Bahn zeigt, wie es geht.

Roter Teppich, neugierige Blicke, Getuschel, Handy-Fotoblitze. Selbst die patrouillierende Polizei hält inne und wirft einen interessierten Blick durch die großen Panoramafenster des Doppeldeckers am Gleis 5. 

Am Mittwoch präsentierte die Deutsche Bahn (DB) in Berlins Hauptbahnhof den ersten umgerüsteten Zug für ihre neue Intercity-Linie zwischen Dresden und Rostock – frisch lackiert und im weißen IC-Design. 17 solcher vier- und sechsteiligen Gespanne des schweizerischen Herstellers Stadler sollen die Fernverkehrsflotte der Bahn verstärken. Und die ersten neun elektrischen Triebzüge, welche die DB von der österreichischen Westbahn übernimmt, kommen ab 8. März auf Ostsachsens direkter Ostsee-Anbindung zum Einsatz.

„Der jüngste Flottenzuwachs macht einen ganztägigen Zwei-Stunden-Takt zwischen Rostock, Berlin und Dresden möglich“, sagt Berthold Huber, Konzernvorstand für Personenverkehr, bei der Vorstellung. Im Wechsel mit den Eurocity-Zügen (EC) aus Prag ergibt sich nebenbei eine stündliche Verbindung von Sachsens Landes- in die Bundeshauptstadt. 

Die nach langer Zeit wiederaufgelegte Linie wird zwar schon seit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember mit täglich fünf Fahrten pro Richtung bedient, allerdings mit alten Waggons und ohne Internetzugang.

Wlan und Steckdosen an allen Plätzen

Die aufgemöbelte vierteilige Second-Hand-Einheit verfügt über 302 Sitze, Wlan und Steckdosen an allen Plätzen, ein Reservierungs- und Fahrgastinformationssystem, Platz für Gepäck und acht Fahrräder. Ferner stehen zwei Rollstuhlstellplätze und ein behindertengerechtes WC zur Verfügung. 

Ein Wegeleitsystem in Brailleschrift erleichtert Sehbehinderten die Orientierung. Im Gegensatz zu den IC-2-Doppelstöckern auf den Strecken Dresden-Köln und Leipzig–Norddeich Mole werden in zwei Reisecafés mit je acht Plätzen Getränke und Snacks angeboten, sowohl in der 1. als auch der 2. Klasse, aber auch Service am Platz. Nach Angaben von Mathias Semrau vom Projektteam für die neuen IC-Züge habe nicht viel umgebaut werden müssen – einzig die acht Fahrradstellplätze seien vom Eingang ins Wageninnere verlegt worden. Das sei für eine touristisch geprägte Linie zu eng gewesen, sagt Semrau. Im Obergeschoss werde im Laufe des Sommers und auf Kosten einer Sitzeckbank pro Waggon noch mehr Platz für Gepäck geschaffen. Das lässt sich über ein Münzschloss sogar mit einem Gurt anschließen.

Überhaupt erinnert wenig an das erste Leben jenes KISS-2-Modells zwischen Wien und Salzburg. Das Kürzel steht für „komfortabler, innovativer, spurtstarker S-Bahn-Zug“. Wie aus Bahnkreisen verlautet, soll der Deal keine 300 Millionen Euro gekostet haben. Nicht ganz so teuer ist es für Fahrgäste. Seit der Mehrwertsteuersenkung zum Jahreswechsel gibt es das Ticket Dresden–Rostock ab 17,90 Euro. Er sei „mal gefragt worden, ob es nicht opportunistisch sei, gebrauchte Technik zu kaufen, jetzt, da alle nach neuen Zügen rufen“, sagt Bertold Huber, DB-Vorstand für Personenverkehr. Er sagt: „Es ist nicht opportunistisch, sondern opportun, weil wir so auf den stark wachsenden Fahrgastzuspruch reagieren.“

Ein Traum für die Lokführer

Tatsächlich sind die im Jahr 2017 gebauten Züge alles andere als heruntergewirtschaftet. „Es sei ein Traum, einen solchen Zug zu fahren, hätten ihm Lokführer gesagt“, so Huber, „ein wunderbarer Arbeitsplatz, wahnsinnig laufruhig und sehr zuverlässig“. Kein Wunder, hatten sie doch mit den ursprünglich für die Strecke vorgesehenen IC-2 des kanadischen Herstellers Bombardier andere Erfahrungen gemacht. Zwar läuft die mit zwei Jahren verspätet gelieferte erste Baureihe inzwischen gut und mit hohen Zufriedenheitswerten der Kunden, dafür macht die zweite Serie Sorgen.

Gerade war bekannt geworden, dass die Bahn dem Hersteller die Abnahme von 25 dieser Züge wegen Softwareproblemen bei der Zugsteuerung verweigert. Nach Informationen aus Konzernkreisen sind die sächsischen Bombardier-Standorte nicht unmittelbar für die Panne verantwortlich. In Görlitz bauen rund 1.200 Beschäftigte die Wagenkästen, und das Bautzener Werk mit etwa 1.000 Mitarbeitern ist für Innenausstattung und Endmontage zuständig.

Laut DB erfolgte der Kauf in Österreich unabhängig von den Querelen. Sie sei keine Generalabsage für Neubestellungen in der Lausitz. Der Konzern will sich 120 IC-2 zulegen als zweites Standbein im Fernverkehr neben den ICE und langfristig alle Städte mit über 100.000 Einwohnern ans Netz anschließen, auch Chemnitz. Die Ersatzlösung für Dresden–Rostock ist mit bis zu 200 km/h sogar schneller und komfortabler unterwegs als die favorisierte Flotte.

Der Zug passe ideal in die DB-Fahrzeugstrategie, so Huber. Demnach will der Konzern das Durchschnittsalter seiner Fernverkehrsflotte von 23 auf maximal 15 Jahre verringern. Mit den KISS-Zügen löse sie auch das Versprechen ein, den Fernverkehr zurück in die Fläche zu bringen“.

Die Deutsche Bahn hatte die erste reguläre Intercity-Linie via Berlin an die Ostsee vor vier Monaten angekündigt, gut 15 Jahre nach Einstellung der Interregio-Züge. Zuvor gab es nur vereinzelt Angebote zur „Badewanne der Sachsen“, etwa nach Binz. Die Linie wird ab Mai über Berlin-Schönefeld geführt und bis Warnemünde verlängert. Damit ist man von Dresden aus, ohne umsteigen zu müssen, in vier Stunden an der Ostsee und künftig auch in 90 Minuten am Flughafen Berlin-Schönefeld. Falls der Hauptstadtflughafen BER tatsächlich Ende Oktober in Betrieb gehen sollte, halten die Züge dort direkt unter dem Terminal.

 

Von Michael Rothe

Foto: © Deutsche Bahn

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