000000006711379.t5ddd137a.m800.xTD2qE3aj.jpg

Spurensuche im Reagenzglas

02.07.2020
Die CUP-Laboratorien Freitag in Radeberg sind ein familiengeführtes Unternehmen mit einem großen Frauenanteil und fünf Regeln für das perfekte Führen von Mitarbeitern.

Wenn Dr. Freitag-Stechl eine Mail verschickt, dann fällt der Disclaimer schon mal etwas umfangreicher aus. Kein Wunder, sein Unternehmen, die CUP Laboratorien Dr. Freitag GmbH, ist ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb und wurde 2019 durch die Bertelsmann-Stiftung zum familienfreundlichen Arbeitgeber gekürt. "Das darf, das muss die Welt da draußen erfahren", sagt Dirk Freitag-Stechl.

Er führt seit 2007 das 1992 von seiner Mutter gegründete Familienunternehmen. Die Unternehmensnachfolge ist nunmehr erfolgreich abgeschlossen, er ist mittlerweile alleiniger Gesellschafter. "Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, die als Gründerin und später bei der Übergabe des Unternehmens großen unternehmerischen Mut und große Weitsicht gezeigt hat.", betont Freitag-Stechl.

Waren es damals acht Mitarbeiter, so sind es heute über 50, und auch das Geschäftsmodell hat sich grundlegend gewandelt. Die CUP Laboratorien Dr. Freitag GmbH bietet ihre analytischen Untersuchungen Pharmaherstellern an, die prüfen lassen, ob die angegebenen Inhaltsstoffe auch in der richtigen Konzentration und Reinheit vorliegen.

Ein noch junges Geschäftsfeld mit enormem Wachstumspotenzial ist die Analyse von sogenannten Radiopharmaka. Diese Medikamente enthalten aktive Radionuklide und werden unter anderem bei der Behandlung von Krebspatienten eingesetzt. "Die Forschung ist hier auf dem Weg zu personalisierten Medikamenten, die perfekt auf die Einzigartigkeit jedes Patienten und sein individuelles Krankheitsbild abgestimmt sind", so Dr. Freitag-Stechl. Die Sicherheitsstandards für solche Prüfungen sind enorm. Um alle zu erfüllen, hat sich das Radeberger Unternehmen entschieden, einen völlig neuen Laborkomplex zu bauen. Der Firmenkundenbetreuer einer großen deutschen Bank sprach von einem größeren Trafohäuschen - und tatsächlich, mit der Grundfläche allein könnte der neue Gebäudekomplex nicht punkten. Dafür ist die Innenausstattung inklusive des Be- und Entlüftungssystems auf dem neuesten Stand. Rund 1,5 Millionen Euro hat das Unternehmen investiert, unterstützt durch die Sächsische Aufbaubank.

Ab dem Frühjahr sollen hier die ersten Radiopharmaka getestet werden. "Das, was wir können, ist europaweit, wahrscheinlich sogar weltweit, einzigartig", sagt Freitag-Stechl. "Wir haben die große Chance, gemeinsam mit anderen Firmen hier in Radeberg und Umgebung, die im Bereich der Radiopharmazie weltweit spitze sind, und dem exzellenten Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, ein kleines Radiopharmaceutical Valley zu schaffen."

Stehen also alle Zeichen auf Wachstum? Fast alle. Denn immer, wenn der Unternehmer einmal im Monat den Konjunkturfragebogen des Wirtschaftsforschungsinstitutes ifo ankreuzt, stößt er auf einen hartnäckigen Wachstumshemmer, und der heißt Personalmangel. Vor allem Chemie- und Biologielaboranten zu finden, sei immer schwerer, sagt Freitag-Stechl. Er spricht von einer Fehlsteuerung in der Bildungspolitik und im Ausbildungsmarkt. Aus seiner Sicht ist die Zahl der Abiturienten zu hoch, und das Niveau streut immer mehr. Die renommierten Ausbildungsberufe erscheinen dagegen zunehmend und ungerechtfertigterweise unattraktiv.

Die CUP Laboratorien haben reagiert. Sie engagieren sich in der AG Schule/Wirtschaft des Radeberger Lions-Clubs und bilden seit Jahren mit großem Erfolg selbst aus, wie die Ehrung als ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb durch die IHK zeigt.

Doch das reiche nicht. "Wir brauchen auch den Input von anderen Firmen und Forschungseinrichtungen und aus anderen Ländern", sagt der Laborchef. Er hat deshalb recht früh begonnen, auf die Vorzüge seines familiengeführten Unternehmens hinzuweisen. Die Folgen sind unübersehbar. Das Team ist jung, der Altersdurchschnitt liegt unter 40, und drei von vier Mitarbeitern sind weiblich. "Ich bin selbst Familienvater, und ich rede nicht nur über Familienfreundlichkeit. Ich lebe sie auch", so Dirk Freitag-Stechl. Mindestens ein Nachmittag in der Woche gehört seinen Kindern. Dafür werden dann am Abend wieder Mails bearbeitet, neue Geschäftsideen entwickelt oder an den Führungsleitlinien gearbeitet. Es gibt bei den CUP Laboratorien fünf Punkte, die das Miteinander in dem Unternehmen regeln sollen. Denn eine Firma mit mehr als 50 Beschäftigten führt sich anders als ein Labor mit gerade einmal acht Leuten. "Als meine Mutter noch Chef war, gab es quasi täglich beim gemeinsamen Frühstück eine Belegschaftsversammlung. Das verkürzt Prozesse enorm", so der Unternehmer.

Gut zu führen und insbesondere Aufgaben zu delegieren, ist für Dirk Freitag-Stechl trotz seiner guten Ausbildung immer noch ein Lernprozess. Er hat an der TU Dresden Chemie studiert, ging nach einem Forschungsaufenthalt in Italien zum Chemieriesen Henkel nach Düsseldorf. "Ein tolles Unternehmen", sagt er noch heute. Was er aber an seinem Familienbetrieb schätzt, sind die kurzen Entscheidungswege und die Flexibilität. Das tun offenbar auch viele Mitarbeiter. Gerade erst gab es wieder Neueinstellungen, darunter sind viele Rückkehrer aus den alten Bundesländern, die sich gerade in der Phase der Familiengründung befinden und dann die Nähe zu den Großeltern schätzen. "Jetzt ist für uns die Vereinbarkeit von Job und Kinderbetreuung ein Thema. Das wird nicht so bleiben", sagt der Laborchef. Die Kinder werden selbstständiger. Dafür könnten Eltern oder Großeltern pflegebedürftig werden. Auch hierfür gilt es, Lösungen zu finden und anzubieten.

Diese Weitsicht ist ein Grund, warum die Bertelsmann Stiftung die CUP Laboratorien als familienfreundliches Unternehmen ausgezeichnet hat. Den Titel darf die Firma bis 2023 tragen, vorerst - denn der Chef wird gemeinsam mit seinen Mitarbeitern neue Wege suchen und finden, um gute Leute an sein Unternehmen zu binden. Ohne sie nütze schließlich die teuerste Analysetechnik nichts.
 

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Großinvestition bei Radeberger trotz Corona

Großinvestition bei Radeberger trotz Corona

Die Radeberger Brauerei nimmt eine neue Abfüllanlage in Betrieb. Die passt geradeso in eine Halle. Was das Besondere an der Anlage ist.

Der vernetzte Weinberg

Der vernetzte Weinberg

Forscher zeigen im Weingut Schloss Proschwitz, wie Sachsens Landwirtschaft durch Mobilfunk, virtuelle Realität und Drohnen revolutioniert werden könnte.

Wirtschaft klagt übers Görlitzer Rathaus

Wirtschaft klagt übers Görlitzer Rathaus

Mehr als ein Jahr nach der Wahl ist die Zufriedenheit mit OB Octavian Ursu hoch. Doch jetzt gibt es erstmals auch Kritik.

Dresdner Händler kritisieren Prager Straße

Dresdner Händler kritisieren Prager Straße

Aufdringliche Buden, viel Werbung: Die Einkaufsmeile sehe "verramscht" aus. Wie die Stadt das ändern will und was Händler und Gastronomen fordern.