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Stahlbau-Pleite belastet Arbeitsmarkt

25.06.2020
In Niesky stieg die Arbeitslosigkeit zuletzt so stark wie sonst nirgends in der Oberlausitz. Obwohl die Lage günstig ist.

Von Frank-Uwe Michel 

Im Herbst vergangenen Jahres ging die Stahl- und Brückenbau GmbH in Insolvenz - jetzt sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Niesky noch immer zu spüren. Die Zahlen zeigen im Mai eine deutliche Zunahme an Arbeitslosen gegenüber dem Vorjahresmonat. In Görlitz haben im gleichen Zeitraum weit weniger Frauen und Männer ihren Job verloren. Trotzdem ist die Lage nicht schwarz und weiß - und das hat Gründe.

Lange hatte Ralf Hage um die Existenz des in Schwierigkeiten geratenen Traditionsbetriebes gekämpft. Letztlich blieb dem Insolvenzverwalter aber nichts weiter übrig, als das Ende des Unternehmens in geordnete Bahnen zu bringen. Einer der Wege hieß Transfergesellschaft. Dort sollten die Stahlbauer für ihre berufliche Zukunft fit gemacht werden. Ob damit auch der Anstieg der bei der Agentur für Arbeit gemeldeten Arbeitslosen aus diesem Bereich im Zusammenhang steht, lässt sich nicht genau belegen. Hage bestreitet, dass viele Angestellte des früheren Stahl- und Brückenbaus davon betroffen sind. "Höchstens zehn", stellt der Insolvenzverwalter klar, der bei Verfahrensbeginn noch rund 120 Angestellte unter seinen Fittichen hatte. Allerdings hat der Nachfolgebetrieb, die Stahl Technologie Niesky (STN) GmbH, erst im März seinen Geschäftsbetrieb aufgenommen. Und auch im Waggonbau, in dem ebenfalls Stahl verbaut wird, hat es laut Personalchef Peter Schulze im besagten Zeitraum "nur normale Wechsel" gegeben. Nach Angaben der Arbeitsagentur Bautzen sind arbeitslos gewordene Stahlbauer jedoch der Hauptgrund dafür, dass die Quote im Vergleich zum Vorjahresmonat in Niesky im Mai um 19 Prozent zugelegt hat.

STN braucht vorerst keine neuen Fachkräfte

Ob es auch in der nächsten Zeit schwer wird für Stahlbauer in der Stadt, dürfte unter anderem mit dem wirtschaftlichen Erfolg der STN zusammenhängen. Geschäftsführer Philipp Hänel hatte zwar vor Wochen angekündigt, bei weiter positivem Auftragseingang noch mehr Fachkräfte in die neue Firma zu holen. Diese Entwicklung ist allerdings vorerst ausgeblieben. "Unsere rund 30 Mitarbeiter haben gut zu tun, neue Aufträge in Größenordnungen sind aber bisher - vor allem Corona bedingt - nicht dazu gekommenen." Erst in den nächsten Wochen werde sich entscheiden, ob mehr Arbeitskräfte gebraucht würden.

Der Vergleich zum Vorjahresmonat macht den Unterschied zwischen Niesky und Görlitz deutlich. Während die Steigerung in Niesky 19 Prozent beträgt, liegt die Zunahme der Arbeitslosen gegenüber dem Mai 2019 in der Neißestadt bei nur 7,3 Prozent. Allerdings liegt die aktuelle Quote hier bedeutend höher: Sind in Niesky nur 6,1 Prozent aller Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeitslos gemeldet (absolut: 884 Personen), sind in Görlitz mit 11,5 Prozent (absolut: 3.869 Personen) weitaus mehr Frauen und Männer ohne Job. Der Prozentsatz der Arbeitslosen an der Neiße ist damit fast doppelt so hoch wie im nur wenige Kilometer entfernten Niesky. Berit Kasten erklärt: Schon seit Jahren verzeichne man in Görlitz den höchsten Wert innerhalb der Bautzener Agentur.

Nieskyer pendeln zur Arbeit oft ins Umland

Während für den Anstieg innerhalb des vergangenen Jahres in Niesky also vor allem die Stahlbauer verantwortlich sind, gibt es im Raum Görlitz "einen größeren Branchenmix mit größeren Unternehmen im gewerblichen Bereich", so die Agentursprecherin. Statt des Ausreißers also eine breit gefächerte Firmenarchitektur. Erschütterungen in der Nieskyer Größenordnung sind da besser zu verkraften. Erst wenn Riesen wie Bombardier oder Siemens noch weiter ins Wanken geraten, wären auch hier zweistellige Steigerungsraten möglich. Entlassungen gab es in Görlitz in den vergangenen Monaten hauptsächlich im Handel sowie im Hotel- und Gaststättenbereich.

Die geringe Nieskyer Quote von 6,1 Prozent, mit der die Stadt hinter Kamenz (3,9) und Bautzen (5,9) an dritter Stelle in der Agenturstatistik (insgesamt 6,8) liegt, hat Gründe in der guten geografischen Lage, aber auch im Job-Angebot in den umliegenden Städten und Gemeinden. "Viele Arbeitnehmer pendeln in Richtung Görlitz und in den Landkreis Bautzen", stellt Sprecherin Kasten klar. Die Betriebe in Kodersdorf oder rund um die Spreestadt Bautzen sind beliebte Arbeitgeber. Was auch deutlich macht, dass Niesky zu einer angesagten Wohngegend geworden ist, die paar Kilometer Anfahrtsweg zur Arbeitsstelle lassen sich da offenbar gut verschmerzen.

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