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Start-up-Gründer zieht nach Großenhain

Landkreis Meißen 04.11.2019
Lars Ziesche mischt gerade den Likörmarkt in Sachsen auf, ist Papa und baut ein Haus.

Es klingt zu schön. Ein junger Mann mixt zu Weihnachten oder für Geburtstage seinen eigene Eierlikör in der heimischen Küche, damit er ein persönliches Mitbringsel hat und nicht jedes Mal grübeln muss, was er denn verschenken soll. Und das Geschenk kommt super an und wird mit der Zeit schon vorbestellt. Irgendwann sagt sich unser junger Mann, „Ach, da mache ich doch einen Online-Handel daraus“. Seitdem sitzt er auf der Couch mit seinem Laptop, und das Geld verdient sich fast von alleine. Nein, so geht die Geschichte natürlich nicht. 

Lars Ziesche, 34, muss lachen. „Nee, absolut nicht!“, sagt er. Der gebürtige Großenhainer ist vor zwei Monaten mit Frau Sarah und den beiden Kindern zurück nach Großenhain gezogen und bedient auch dabei, so scheint es, einige Bilder im Kopf. Beide sind jung, gut ausgebildet – sie ist Krankenschwester und hat Pflegemanagement studiert, er war zunächst Infanterieoffizier und hat später Personaldienstleistungskaufmann gelernt. Sie arbeiten, er hat sich inzwischen selbstständig gemacht, sie sind eine glückliche kleine Familie und auf der Suche nach dem Traum vom eigenen Haus aus ihrer Mietwohnung am Großen Garten in Dresden an den Heideblick am Kleinraschützer Exer gezogen. Sie sind die Ersten, die schon hier wohnen. Die jungen Eltern sortieren gerade komplett ihr Leben um.

Sie lernen andere junge Familien kennen, die angefangen haben, zu bauen, entdecken die Spielplätze von Großenhain, Kita und Märkte. Irgendwann würden Lars und Sarah gern etwas Tennis spielen, falls jemals Zeit dafür ist. Denn gerade ist ihr Leben, das normal und geordnet klingt, ziemlich aufregend. Denn Lars Ziesche ist eben jener junge Mann, der sich in den Kopf gesetzt hat, alleine gegen die ganz Großen im Likörgeschäft anzutreten.

„Wir probieren es selbst mit Eierlikör!“, das war irgendwann die Idee, als das Mitbringsel im Freundeskreis zum Renner geworden war. Ein kleiner Onlineshop nebenbei sollte es sein, der ein paar Euro abwirft. Lars Ziesche lacht. „Fast ein Jahr hat es gedauert, bis die erste Flasche heraus ging“, sagt er rückblickend. Es ist nicht damit getan, etwas zusammen zu rühren, da kommen das Lebensmittelamt, das Eichamt, da gibt es Vorschriften, von denen auch der ausgebildete Vertriebler bislang nichts wusste. Wie groß müssen Etiketten sein, zum Beispiel? Was muss wie groß darauf geschrieben sein? 

Er musste einen Grafiker engagieren, ein Lager suchen und Abfüller, Rechnungen und Angebote schreiben, Proben verschicken, Gespräche mit Vertriebschefs führen. Ja, überhaupt erst mal zu ihnen vordringen. Der Durchbruch war ein Tag nach dem Männertag: Da kam der Anruf vom Kaufland-Chefeinkäufer Spirituosen aus Neckarsulm. „Junger Mann“, sagte der am Hörer, „da haben Sie was Schönes gemacht, ich liste sie ein und gebe Ihnen eine Chance.“ 17 Märkte hat Lars Ziesche daraufhin im Sommer 2018 bekommen. 

Natürlich war es auch damit nicht getan. Der Ämterrummel begann erneut. Aber als endlich die ersten Regale mit Eierlikör „DeZiesche“ standen, ging es leichter, sagt Lars Ziesche. „Da war ich nicht mehr der kleine Spinner, der in der Küche etwas zusammenbraut“, sagt er lachend. Heute beliefert Lars Ziesche 93 Märkte, Läden und Shops in Dresden, Chemnitz, Leipzig, Bautzen, Riesa und natürlich Großenhain. Er hat ein Warenlager in Dresden, arbeitet mit zwei großen Abfüllern und schaut sich gerade nach einem dritten um.

13 Produkte hat er im Sortiment und ist trotzdem dabei, die ein Stück weit zu reduzieren. Wachsen alleine reicht nicht. Der Renner Pfefferminzlikör bleibt natürlich. Den präsentiert Lars Ziesche seinen Kunden in kleinen PET-Glasröhren. Das witzige Design ist nicht nur ein neckisches Mitbringsel, sondern bewusst als to-go-Likör gedacht. Das kommt bei jungen Leuten an. 

Aber der Klassiker wird künftig nur um einen weiteren saisonalen Likör ergänzt. Die Erdbeere im Frühjahr, Mango als Sommerlikör. Rund ums Jahr alles anzubieten, macht wirtschaftlich wenig Sinn. Unter den Eierlikören ist die „Gelbe Bohne“ inzwischen der Favorit. Eine fast zufällige Gemeinschaftstüftelei mit der Wildenhainerin Constanze Müller, die in ihrer Kaffeerösterei nicht nur edle Bohnen aus aller Welt zubereitet und verkauft, sondern fand, dass die Kaffeebohne auch in einen guten Likör gehört. Welche Bohne es sein soll und wie sie verarbeitet wird, das haben Constanze Müller und Lars Ziesche lange in der heimischen Küche ausprobiert. 

Am Ende ist es die kräftige brasilianische Doce-Diamantina-Röstbohne geworden, die der „Gelben Bohne“ die aromatische Kaffeenote gibt und seit dem die Gaumen der Kundschaft beglückt. Zur Adventszeit gibt es „DeZiesche“ auch als Weihnachtsedition mit Lebkuchengeschmack in kleiner Auflage im Großenhainer Geflügelhof. Solange der Vorrat reicht, wie Lars Ziesche betont.

Klingt irgendwie alles nach einfach und erfolgreich. Welchen Tipp gibt denn Lars Ziesche jungen Leuten, die selbst etwas Eigenes auf die Beine stellen wollen? Der 34-Jährige muss nicht lange überlegen. „Bitte: Niemals gleichzeitig ein Haus bauen, Kinder bekommen und eine Firma gründen. Also alles, was ich gemacht habe!“ Und: „Gebt Euch Zeit und kalkuliert das ein! Die Hoffnung ist, dass es sich irgendwann lohnt. Am Anfang verdient man meistens nichts.“ Aber wer eine Idee hat, sollte dranbleiben und gut überlegen, wie er sie umsetzen kann. 

Mit Start-up-Romantik hat das nichts zu tun. Eher mit viel Arbeit, längeren Durststrecken und Durchhalten. Ob sein Geschäftsmodell in fünf Jahren so noch funktioniert, ob die Kunden dann noch seine Liköre lieben, kann Lars Ziesche heute nicht sagen. Aber er hat neue Ideen, die noch reifen müssen. Er will noch einiges ausprobieren und den Markt beobachten. Wenn es irgendwann reicht, jemanden dazuzunehmen für Märkte und Events, wäre er schon heilfroh. Denn mit dem Computer verdient sich das Geld eben doch nicht.

 

Von Birgit Ulbricht

Foto: © Kristin Richter

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