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Tausende Tauchritzer Gurken vernichtet

15.05.2020
Großhändler nahmen die Ware des Görlitzer Gemüsebauern Rüdiger Ahr nicht ab, polnische Arbeiter konnten nicht mehr kommen. Das hat dramatische Folgen.

Von Daniela Pfeiffer 

Wer gern eine Tauchritzer Gurke auf dem Abendbrottisch oder im Salat hat, den wird dieser Anblick erschüttern: eine riesige Halle mit vertrockneten Gurkenpflanzen. Hier und da sind die verkümmerten, verfärbten Gurken noch zu sehen. Ein absolutes Trauerspiel für Gartenbaumeister Rüdiger Ahr und seine Familie, die den Gartenbaubetrieb Ahr im Görlitzer Ortsteil Tauchritz führen. Hier gibt es alles: Blumen fürs Beet und den Balkon, Pflanzen für den Garten, Gemüse. Doch am bekanntesten ist die Tauchritzer Gurke.

Großhandel wollte die Tauchritzer Gurken nicht

Jedenfalls in der Region. Überregional sieht das anders aus. "Da, wo die Großhändler sitzen, nämlich in den alten Bundesländern, kennt man uns nicht. Dort zählt der Preis", sagt Ahr, der seinen Betrieb seit 1991 führt. Und der Preis für französische Gurken war für sie in diesem Jahr offenbar unschlagbar - ebenso für die spanischen. Aber diese Konkurrenz kennen Ahrs schon länger, man hat sich arrangiert. Die Massenlieferungen aus Frankreich waren es, die ihnen jetzt beinahe das Genick brechen. Da dort durch die Ausgangssperren die Nachfrage nach Gurken zusammenbrach, schlugen deutsche Großhändler zu. Familie Ahr wurde ihre Ware nicht mehr los. 

Trauriger Anblick: Die vertrockneten Gurkenpflanzen im Gartenbaubetrieb Ahr in Tauchritz.
Trauriger Anblick: Die vertrockneten Gurkenpflanzen im Gartenbaubetrieb Ahr in Tauchritz. © André Schulze

Fast noch schwerer aber wog, dass die fünf polnischen Mitarbeiter nach Grenzschließung nicht mehr zur Arbeit erscheinen konnten. "Wir haben zwei Wochen lang gekämpft, um die Ernte allein zu schaffen", berichten Rüdiger Ahr und sein Sohn. Einige Ersatzarbeiter gaben früh auf, zu schwer ist die Arbeit, zu ungewohnt für den Rücken. "Wir mussten letztlich entscheiden, die Pflanzen aufzugeben, wir haben es einfach alleine nicht geschafft. 12.000 Pflanzen haben wir unten durchgeschnitten, sodass die Versorgung durchbrochen und die Ernte dahin war. In der ersten Aprilwoche war das. Rüdiger Ahr fällt es aber auch jetzt noch schwer, darüber zu reden. Anfangs konnte er nicht mal in die Halle gehen, den Anblick nicht ertragen.   

Tauchritzer Gurken sind ohne Chemie

"In all den Jahren ist so etwas noch nie passiert, man hätte sich das nicht einmal vorstellen können", so der 61-Jährige. Im Januar habe er noch viel Geld investiert - in die Heizung, in die neuen Nützlinge. Das sind winzige Lebewesen, die er als Alternative zu chemischen Pflanzenschutz einsetzt. "Eine Tauchritzer Gurke kann man mit Schale essen", sagt Ahr. Und sie verursacht keine großen Transportkosten, kann frisch gegessen werden. 

Kunden aus der Region wissen und schätzen das. Mehr als einmal betonen Rüdiger Ahr und seine Frau, dass sie den Menschen vor Ort so dankbar sind, dass sie zur Stange halten. Das gilt für private Kunden, die direkt in die Tauchritzer Gärtnerei kommen genauso wie für regionale Geschäfte, die die Gurken im Sortiment haben. Die gute Nachricht für alljene: 6.000 Gurkenpflanzen sind im hinteren Gewächshaus noch da. Mit den deutschen Mitarbeitern - ebenfalls fünf - sei das zu schaffen.

In die Zukunft zu schauen, wagt Rüdiger Ahr kaum. Zu groß ist die Ungewissheit, was durch Corona noch kommt. Normalerweise wird das große Gewächshaus im Sommer ein zweites Mal bepflanzt. "Wir versuchen das vielleicht, aber es ist eben wieder ins Ungewisse hinein. Wie schnell kann es neue Corona-Einschränkungen geben." Sehr froh sind Ahrs deshalb, dass ihre anderen Standbeine noch funktionieren, die Beetpflanzen, die Blumen - und inzwischen gibt es bereits wieder die schönen bunten Tomaten.

Dieses Archivbild zeigt, wie es eigentlich sein sollte: satte grüne Pflanzen mit prächtigen Gurken dran.

Dieses Archivbild zeigt, wie es eigentlich sein sollte: satte grüne Pflanzen mit prächtigen Gurken dran. © Archivbild: Nikolai Schmidt 

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