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Tauziehen um künftige Lehrlinge

22.07.2020
Die Ausbildung soll konzentriert werden. Doch das sorgt für Zoff. Vor allem zwischen Görlitz und Bautzen. Auch Weißwasser ist betroffen.

Von Frank-Uwe Michel 

Azubis und Lehrkräfte im Landkreis Görlitz müssen sich ab dem Ausbildungsjahr 2021/22 möglicherweise mit einem Ortswechsel anfreunden – je nachdem, welche Fachrichtung es betrifft. Dabei wird die duale Ausbildung in den vier Berufsschulzentren des Kreises kräftig durcheinandergewirbelt. Auch das Berufsschulzentrum in Weißwasser ist betroffen.

Erst vor Wochenfrist saßen sie erneut beisammen: Vertreter des Kultusministeriums und des Landkreises Görlitz. Das Thema des Treffens barg Brisanz – es ging um Neuordnung oder Bestätigung der Standorte, an denen künftig ausgebildet werden soll. Insbesondere um die Frage, wo welche Berufe auf dem Lehrplan stehen. Anfang März hatte Kultusminister Christian Piwarz bei der ersten Vorstellung des Schulnetzplanes vor den sächsischen Landräten die „Stabilisierung und Stärkung des Berufsschulnetzes im ländlichen Raum“ als eine seiner Leitlinien genannt. Dass dies notwendig ist, davon ist auch Marlies Wiedmer-Hüchelheim überzeugt. Sie ist Leiterin des Schul- und Sportamtes im Kreis und seit Jahren in die Problematik eingebunden.

Schon vor dem Minister-Termin war der Puls bei manchen Beteiligten nach oben geschnellt. Geht es doch darum, bestimmte Ausbildungsrichtungen ziehen zu lassen, andere dagegen in die eigenen Berufsschulzentren zu integrieren. Das Ziel: Die starken Zentren Dresden, Leipzig, Chemnitz sollen zwar mit ihrer Bildungskompetenz weiter erhalten bleiben, trotzdem aber – wo es sinnvoll erscheint – Fachklassen an das umliegende Land abtreten.

Nach dem jetzt vorliegenden Entwurf und bezogen auf die aktuellen Ausbildungszahlen würde es allein für die Beruflichen Schulzentren (BSZ) der vier Landkreise im Regierungsbezirk Dresden zu 1.200 Abgängen und 2.050 Zugängen kommen. In den Einrichtungen der Landeshauptstadt stünden den Abgängen von etwa 1.950 Azubis Zugänge von 700 Lehrlingen gegenüber.

Der Landkreis Bautzen mit seinen vier Berufsschulzentren und zwei Außenstellen würde nicht nur von einer Verschiebung aus Dresden, sondern sogar aus Leipzig profitieren. Einem Zuwachs von 450 Schülern stünden etwa 80 als Abgang gegenüber. Für den Landkreis Görlitz wird ein Einpendelplus von 215 Berufsschülern errechnet. Das wiederum setzt sich aus 640 Zugängen und 425 Abgängen zusammen.

Standortwechsel für Berufsgruppen

Allein am BSZ „Christoph Lüders“ in Görlitz (derzeit 691 Lehrlinge) sollen künftig Bäcker, Köche und Friseure auch aus dem Kreis Bautzen ihr theoretisches Wissen erhalten. Von den BSZ in Weißwasser (415) und Zittau (496) ist beabsichtigt, die Verkäufer nach Görlitz zu ziehen. Ebenso die Metalltechniker aus Zittau. Außerdem verliert die Stadt im Dreiländereck – so der Plan – einen Teil der Zerspanungsmechaniker-Ausbildung, die nach Radeberg geht. Dafür gibt Görlitz die Fachrichtungen Betriebliches Büromanagement und Fachkraft im Gastgewerbe nach Zittau ab, wo sie künftig konzentriert werden sollen. Löbau (798) gewinnt in diesem Umstrukturierungsprozess die Ausbildung der künftigen Dachdecker, die bis jetzt noch in Görlitz angesiedelt ist.
„Zufrieden kann man nie sein“, sagt Marlies Wiedmer-Hüchelheim – wohlwissend, dass sich der Kreis nicht um das Thema drücken kann. Aber: „Wir müssen den Tatsachen ins Auge schauen.“ Und das bedeutet, die duale Ausbildung auch in Ost-sachsen zukunftsfest zu machen. So findet sie die Konzentration bestimmter Fachrichtungen an den einzelnen Standorten gut. Gesprächsbedarf sieht sie dagegen im Metall- und Baubereich. Kapazitätsmäßig seien die Wechsel für die verschiedenen Berufsschulzentren im Landkreis Görlitz unproblematisch zu bewältigen, erklärt die Frau aus dem Landratsamt. „Von der Ausstattung und der Größe her sind die Einrichtungen in der Lage, den geplanten Zuwachs zu stemmen.“ Zumal die Azubis im Rahmen der dualen Ausbildung auch einen hohen Praxisanteil hätten.

Allerdings sind die kommenden Wochen voller Konfliktpotenzial. So muss das Kultusministerium noch mit den Vertretern aus der Landeshauptstadt sprechen. Ob die Dresdener mit den vorgesehenen Verschiebungen einverstanden sind, ist unwahrscheinlich.

Doch die Zeit drängt. Bis zum 1. Oktober soll ein geänderter Entwurf auf dem Tisch liegen. „Danach haben wir noch ein Vierteljahr Zeit, um uns dazu zu äußern“, erklärt Marlies Wiedmer-Hüchelheim.

Streit um die Bäcker

Zuletzt ging es zwischen den Kreishandwerkerschaften aus Bautzen und Görlitz vor allem wegen der Verlagerung der Bäckerausbildung hoch her. Der Vorschlag wurde von den Spreestädtern als angebliche Abwerbung kritisiert. Die Dachorganisation der Görlitzer Handwerker äußert sich nicht öffentlich dazu. Man verhalte sich neutral, stellt Geschäftsführer Daniel Siegel auf SZ-Anfrage klar.

Weißwasser gewinnt 17 Schüler

Das Berufsschulzentrum Weißwasser würde nach dem derzeit vorliegenden Entwurf 14 Berufsschüler (3 Kaufmann im Einzelhandel und 11 Verkäufer) pro Ausbildungsjahr verlieren, andererseits aber Fachschüler hinzugewinnen: Aus Bautzen soll die Ausbildung von 15 staatlich geprüften Technikern für Elektrotechnik zur dort bereits vorhandenen Ausbildung nach Weißwasser wechseln. Und im Fachbereich Sozialwesen soll eine Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin mit zunächst 16 Schülern starten. Am Ende könnten also 17 Schüler mehr das Berufsschulzentrum in Weißwasser besuchen. Der stellvertretende Weißwasseraner Schulleiter Peik Lange bestätigt, dass sich die Schule auf die Erzieherausbildung vorbereitet und ist froh, dass der Standort an sich sicher scheint.

Ob und wie lange die neuen Strukturen den tatsächlichen Bedarf abbilden, weiß derzeit niemand. So ist unklar, wie ausbildungswillig die Betriebe nach der Corona-Krise sind. Perspektivisch wird mit einem weiteren Rückgang der Lehrlingszahlen gerechnet. Allerdings frühestens in den 2040er-Jahren. Dann kommen die in den 2020er-Jahren geborenen Kinder in die Lehre. Und für diesen Zeitraum werden weniger Babys prognostiziert. Schon jetzt bewegen sich die Zahlen bei rund 45 Prozent des Vorwende-Niveaus. Statt der etwa 4.200 Neugeborenen vor 1990 sind es jetzt jedes Jahr nur noch knapp 2.000 im Kreisgebiet. 1992/93 waren die Geburten sogar auf ein Drittel zurückgegangen.

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